Samstag: tourmalet

Le Tourmalet: Samstag

Morgens.Weich und mild, mit leichtem Tau. Sichtweite: 40km.

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Ich komme von Norden; 50km begleitet mich die Kette der Pyrenäen zur Rechten

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Bei Tarbes habe ich die Autobahn verlassen und jetzt, hinter Lourdes, sehe ich die Berge immer deutlicher.

Die Straße führt gerade auf sie zu. Ganz am Ende des Tals schimmert ein Sonnenstreifen.

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Die kleine, kaum wahrnehmbare Struktur dort oben ist das Observatorium. Es steht auf dem Pic du Midi de Bigorre, dem Berg unmittelbar neben dem Tourmalet. Das ist gut, denn mein Ziel, der Paß, liegt 800m tiefer: die Sicht ist also frei, der Weg zum Paß nicht vom Nebel verhangen. Eine breite vierspurige Straße führt mich zum Start nach Argeles-Gazost.

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Direkt an der Straße, die mich ins Tal führen wird finde ich den beinahe leeren Parkplatz eines ehemaligen Supermarkts.

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Dahinter geht es rechts zum Aubisque und links ins Tal der Luz.

Zwei Pläne

Mein Plan steht. Oder vielmehr sind es zwei Pläne: Plan1 : Rundfahrt, also den Paß hinauf, an der Rückseite hinunter und über Ste Marie de Campan und Bagnères wieder über Lourdes zurück ins Tal, aus dem ich komme.

Der zweite Plan ist ein einfaches hin und – zurück: dem Tal folgend nach Luz, den Paß hinauf und wieder zurück, etwas über 65km statt 80. Ich lasse die Zeit entscheiden: bin ich spätestens um 12h Uhr auf dem Paß, Plan 1, sonst Plan2. Danach werde ich mir Herrn Arbès telefonieren. alder

14° zeigt das Thermometer des Autos als ich den Zündschlüssel ziehe. Lange Hose, doppelt Wolle am Rumpf und die Dunovajacke darüber. Lange Handschuhe, Schlauchschal und Regenhaut im Rücksack, dazu eine Tafel dicke, schwarze Mandelschokolade und eine Banane. In der Thermostrinkflasche ist warmer grüner Tee von heute morgen.

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Die Klickpedale habe ich mit Montagefett eingestrichen, ich mag keine knarzenden Geräusche, der Tourmalet soll mich nicht kommen hören. Der Anfang ist flach, ich rolle mich schnell warm .

 

a5Im nächsten Dorf ist Markttag; an einem Käsestand zur Sicherheit den Weg erfragt. Der Tag ist hellgrau und mild, es macht nichts, das ich die (kurzen) Radhandschuhe vergessen habe.

Die Schlucht

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Jetzt schnürt sich das Tal allmählich zu, das Rauschen des Luz schwillt aus der Schlucht empor. Die Straße, die den Fels entlang führt, steigt immer wieder an.

ao2 Der Luz verschwindet in der Tiefe, drunten ich sehe Schafe weiden und seit einigen Kilometern begleitet mich ein vertrauter, grüner Duft. Es ist Buchsbaum! Hier wuchert er an den Steilhängen üppig in großen Büschen.

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Das Tal öffnet sich wieder, eine kleine Brücke führt über den Luz zwischen hellen Geröllmassen dahinrauscht. Rechts ginge es ans Ende des Tals zum Cirque de Gavarnie, links hinauf ins Städtchen.: Luz St. Sauveur ist westlicher Gegenpol zu Bagnères de Bigorre auf der Ostseite des Tourmalets. Eine kleine Stadt voller Hotels, Gastronomieund Einzelhandel.

aluzDie lange Gerade

Es ist bereits nach 11 Uhr als ich – längst durchgeschwitzt -die Partie beginne. a8

Der Tourmalet ist ein Paß „hc“, also jenseits aller Kategorien, genauso wie Galibier oder Ventoux. Er ist der höchste Paß der Pyrenäen, und seit über hundert Jahren wird er von der Tour de France befahren. Es gibt die eine oder andere Passage mit 10%, vielleicht sogar leicht darüber, aber nicht das macht ihn ungewöhnlich.

Außergewöhnlich ist, das ich in Luz St Sauveur, nach bereits 300 Höhenmetern, auf 19 km noch 1404m Anstieg vor mir habe, der im Mittel über 7% lieg. Die Hälfte davon über der Baumgrenze. 9Km ohne Schutz also. Wenn manüberlegt, daß ein klassischer Ausreißversuch im Aubisque (es folgt  ja der kleine Soulor) fast 30km Anstieg zum Tourmalet bedeutet überteigt das eindeutig meine Vorstellung.

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Und was mir zu schaffen macht ist der Rhythmus, den ich auf der langen, geraden Steigung finden muß. Die Situation ähnelt dem Waldstück vom Ventoux, daß ebenso uneinschätzbar dahinschlängelt und kein Ende nimmt. Dazu der Dieselruß vorbeifahrender Kleinlaster, Jeeps, Lieferwagen usw. Partkikelfilter sind in diesen Landstrichen unbekannt.

a93 Vialla ist passiert-  hinauf. Kurz vor Barèges die ersten Serpentinen und hier überholt mich mühelos ein kleiner Radsportler mit mächtigen Oberschenkeln. Ich bin ermutigt. Nach einem knappen Kilometer hat er mir locker eine Minute abgenommen, und nur die sanftere Steigung innerhalb des Ortes kann den Schmerz lindern.

Bevor dieser verträumte Ort endet, sind es wieder 9%, der Vorfahrer ist nur noch ein kleiner Punkt Richtung Himmel. Weiter geht es an einem Waldhang , nach Barèges ist die Steigung verschärft. Mein Rücken schmerzt und erst denke ich, es komme vom Gewicht des Rucksacks. Doch es sind die Muskeln, die unter dem monotonen Rhythmus und dem langen Anstieg heftig schmerzen. In den Wiegetritt lalso.

Voie Fignon

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Kurz wird es erträglicher, das Tal bildet einen kleinen Sockel, in den ein Nebenbach einfließt.  Die Einbuchtung eine kleine Ski-Station : super-Barèges. Hier teilt sich der Weg, links die komfortable, neue Straße, rechts die schmale alte Führung mit verblassenden Mittellinien: die ursprüngliche Route. Sie heißt heute „Voie Laurent Fignon“ und es ist eine leichte Entscheidung, auf einem Stahlrad der Tradition zu folgen.

Hier wird die ganze Wand des Tourmalet sichtbar, die sich als gewaltige Barriere aufbaut. Die Paßstraße bildet eine ganz zarte Linie auf dem graubräunlichen Gestein. Ich fühle mich vor allem winzig.

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Bunte Inschriften zieren die Voie Fignon. Blauweißrot sind Randsteine bemalt. Der Weg zieht in einem großen Bogen durch ein Nebental, macht eine lange Schleife, um den Gegenhang zu erklimmen. An der Baumgrenze hier die letzen Höfe.

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Als ich sie hinter mir lasse, erinnert mich die Straße an die Fernsehbilder von 1978, auf denen Vorjahressieger Thevenet während einer der ersten Etappen hier einfach vom Rad stieg, entkräftet und aussichtslos abgeschlagen. Auf mich wartet kein Besenwagen, und mir folgt auch kein Bernard Hinault. Der Belag ist nicht übermäßig rauh, nur werden kleine Unterschiede bei solchen Geschwindigkeiten besonders spürbar. Bis weit in die 1960er jahre war diese Straße ungeteert. Die Schmerzen im Rücken lassen nicht nach, auch wenn ich aus dem Sattel gehe.

Der letzte Zahn

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Also lege ich den Rettunsgring auf, die 28 Zähne. Der neue Rhythmus entlastet den Rücken und ich bin froh, daß das Schaltwerk präzise den Gang einlegt. Dann wieder kleiner und kurz in den Wiegetritt. Die Lunge funktioniert, es sind die Beine, die mich verfluchen – und der Rücken. Die Stelle, an der ich jetzt bin, ist im Rennen entscheidend: wer sich hier absetzt und hinter der Kurve verschwindet hat seine Verfolger auch psychologisch distanziert.

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Ich habe nur einen Verfolger: den Schweinehund, aber er hat keine Chance, ich bin schon zu weit gekommen.

Zwischen Schafsdung, Kuhfladen und Geröll krieche ich am Hang entlang- als die Route endlich den Bogen um den Vorsprung des Bergs macht, erkenne ich unter mir die neue Parallelstraße. Dort erleichtern sich gerade zwei Mitfahrer in einer Kehre.

Super-super Barèges – Der weiche Punkt

Ein kleiner Anstieg mündet in die neue Straße. Mir ist beinahe schlecht, aber ich steige nicht ab. Mein Puls schlägt merklich an die Schläfe, aber mehr als 140 zähle ich nicht. Kein Laut ringsum, oben links entdecke ich jetzt das Observatorium des Pic du Midi de Bigorre, in der Mitte weit hinteneine Felslücke, die die Paßhöhe markiert.

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1800m Höhe, die Luft ist dünner, vielleicht deswegen dieses flaue Gefühl. Aber es ist nicht kalt. Ich höre nichts, absolut nichts außer einem fernen Rauschen von Gebirgsbächen.

Weiter , jetzt auf dem komfortablen Weg mit seinem frischen, glatten Asphalt. Das letzte fünftel? Das Ziel ist in Sicht und mir wird klar, was hors catégorie bedeutet. Es ist die Bezeichnung für den Vorstoß ins Unbekannte. Wie das Wetter auf einem solchen Weg wird?: man weiß es nicht. Wie es sich nach halber Strecke anfühlt?: man weiß es nicht. Ob die Kraft reicht?: man weiß es nicht.

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Die Länge des Passes verweigert den Versuch einer mentalen Einordnung. Irgendwann heißt es nicht mehr: bis zur nächsten nächsten Markierung, sondern immer nur: eine Kurbelumdrehung an die nächste, immer im Rhythmus bleiben, an nichts denken, nur immer weiterkommen. Noch ein winziger Bergvorsprung, milde Steigung und dann ins Finale.

Ein Kollege kommt mir entgegen und wünscht mir bon courage, aber ich habe die kleine Krise auf dem ganz kurzen „Flachstück“ überwunden.

Jetzt

sind  1944m erreicht, die letzte große Kehre Richtung Gipfel , gerade an der Bergwand entlang, die ich schon von Super Barèges aus sah. Immer wieder der Blick ins Tal zurück. Da entdecke ich sie wieder unter mir: die zwei Kollegen. Es gibt nichts besseres, um voranzukommen.

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Mein Tritt wird von allein besser, sie werden mich nicht kriegen, sie nicht. Es läuft jetzt, nur noch letzte Rampe, ein richtiges kleines Giftstück kurz vor dem Souvenirshop .Hop! Gedenksteine, Schilder und Markierung. Gleich werden die beiden mir nachfolgen (mit rasselnder Lunge) , wir werden Schokolade teilen (schwarz, mit Mandeln) und uns photographieren. Es sind zwei Männer aus Serres-Castets, nördlich von Pau. Auch für Sie war es die erste Auffahrt.

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Dans la poche

 

Zwei Stunden später mache ich mich auf zu Herrn Arbès. Beinahe hätte ich das Rad am Soulor wieder ausgepackt…

absch

aber es war ein surrealer Gedanke, der tourmalet hatte meine körner gefressen.

Was zu lernen ist: die Anfahrt nach Barèges am besten in einem zu kleinen Gang ,auch wenn es verführerisch ist, die Kraft wird ab 1800m also nach der Baumgrenze benötigt. Dort gibtes ja  auch, in Fall von schlechterem Wetter, keinerlei Deckung – also ist es besser, doppelt Reserven zu haben.  die Anfahrt zum hang hinter Super Barèges wiederum gestattet eine kleine Kunstpause, bevor es „in die Wand“ geht. Genau so werde ich es beim nächsten rdv angehen.  . .

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Eine Antwort zu Samstag: tourmalet

  1. mark793 schreibt:

    Respekt – was für ein Saison-Finale!

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