Von Riesen

Jobst Brandt (1935-2015) war 1m96 groß, sein Rahmenmaß 66cm und seine Kurbeln hatten, seitdem Ciro Cinelli sie 1959 persönlich für ihn auswählte, eine Länge von 180mm.

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Übergrößen. a44A-200x200

Aber die wirkliche Übergröße, verglichen mit einem kleinen Paß wie dem Tourmalet, haben die Alpentouren dieses Mannes.  Eine einzige davon würde für die meisten unter uns genug Erinnerungen für ein Radfahrerleben hergeben.

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Von 1959 an umrundete er beinahe Jahr für Jahr die Schweizer, italienischen und französischen Alpen in Touren, die ca 14 Tage dauerten

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Seine letzte Tour fand 2008 statt. Was der  70+ mann dort noch an Höhenmetern erkurbelt, relativiert die Maßstäbe des körperlichen Alterns. Es relativiert die Heldensagen vom Ötztaler Radmarathon und anderen alpinen Kirmesveranstaltungen. Auch wenn er nie langsam unterwegs war, war Jobst Brandt alles andere als ein Rennsportler: im Rennsport dienen Berge nur der Auslese und der Show, sie sind Kulisse für ein darwinistisches Experiment.

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Für ihn sind die alpinen Riesen natürlich eine sportliche Herausforderung aber eher noch ein riesiger Erfahrungsraum. Die faktenreichen, eher trockenen Fahrtberichte des Ingenieurs sind präzise Routenvorschläge von einem, der jeden Pfad an der kalifornischen Küste kannte. Die Bilder sprechen dagegen für sich  -in brandts Touren über oft ungeteerte, fast wilde Alpenregionen  lebt ein Abenteuerdurst, der heute Wohnmobiltauglich gemacht worden ist.

Und er weist einen Weg: mit 5kg Gepäck und einem 6fach kranz ist auf dem Rad alles möglich. Man muß nur in Form sein. i36A

Ohne in irgendeiner Weise verbunden zu sein, möchte ich nur kurz auf die letzte Ausgabe von bicycle quarterly hinweisen, in der nicht nur von Paris-Brest die Rede ist sondern ein Artikel sich der Erinnerung an diesen eindrucksvollen Mann widmet.

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4 Antworten zu Von Riesen

  1. mark793 schreibt:

    Man muß nur in Form sein.
    Tja, ob unsereins die Voraussetzungen mitbringt, diesen Weg ebenfalls einzuschlagen? Selbst ohne meine krankheitsbedingte Zäsur wüßte ich nicht mit Sicherheit zu sagen, ob ich in diesem Leben noch so viel Form hätte aufbauen können, um mit 39 vorne und hinten sechsfach bis 28 solche alpinen Touren zu fahren. Wieviel von dem, was man in jungen Jahren an Kraftaufbau versäumt hat, kann man später noch nachholen? Mein Schwiegervater, der als Spätberufener aufs Rad stieg und immerhin noch achtbare Leistungen im Seniorentriathlon erbrachte, hat sich nie mit dem Rennrad, sondern immer nur mit dem MTB in die Alpen getraut.

  2. crispsanders schreibt:

    natürlich ist Jobst Brandt in vieler Hinsicht eine Ausnahme: 40 jahre Alpentouren, davor von Kindesbeinen an an der kaifornischen Küste auf und ab . . . .
    Aber sehen wir es doch so: da wird uns in (sämtlichen!) Radsportzeitschriften in manischer Detailgenauigkeit suggeriert, wie wir es bspw. mit Reifen Y um 1mW leichter haben, in welcher Position wir beim Alpentraum die 88kmh marke knacken werden und mit welchen Laufrädern die Freunde am Stoppomaten runde Augen bekommen, und da fährt so ein Knacker jahrein jahraus diese irren Touren.
    Sicher hilft einem das Kraft/Aufbautraining der Jugend enorm und läßt sich über die jahre nur unzureichend kompensieren, aber wenn wir die Touren von Jobst Brandt mit 39×26 bewältigen, dann haben wir auch nur einen Bruchteil von diesem Riesen geschafft. Bis jenseits der 60 Jahre war seine Standardübersetzung nämlich 46×24, was auch einmal 2 Stunden Wiegetritt an diesem oder jenem Paß bedeutete.
    Der Schlüssel heißt vermutlich: Krafteinteilung und nicht: absolute Kraft.Da liegt die individuelle Lernkurve. Nie wird ein spätberufener die Kraftausdauer eines Jugend-Lizenzfahrers erreichen, der 40er Schnitte fährt. Da geht es schonmal um die genannten mW.
    Was Brandt und Freunde betreiben ist ganz einfach ein anderer Sport, der mit dem Rennsport nur das Gerät teilt und viel näher an unserer Lebenswirklichkeit ist.

    • mark793 schreibt:

      Ja, rein philosophisch gesehen ist das schon etwas näher dran an dem, was wir so machen. Aber leistungsmäßig ist das von meinen Lebenswelten fast so weit weg wie die Philosophie der Radsportzeitschriften mit ihrer unablässigen Jagd nach Milliwatt-Vorteilen.

      In meinem Fall kommt noch verschärfend hinzu, dass ich mich krankheitsbedingt frage, wieviel ist da noch drinne, komme ich aus dem stoffwechselbedingten Leistungsloch, das ich nicht einfach wegtrainieren kann wie ich möchte, überhaupt nochmal raus (von der Frage, was noch möglich gewesen wäre ohne diese Zäsur gar nicht zu reden)?

  3. crispsanders schreibt:

    Vielleicht gehe ich da sehr von Bildern aus. Es gibt immer etwas, das Unerreichbar scheint und nie erreicht werden wird.
    Das Bild eines alten Mannes im Anorak, der lässig über dem Stilfser Joch steht. Das Bild eines jungen, fotogeshopten Übermenschen an der gleichen Stelle im Wiegetritt. Beide sind von den Möglichkeiten (auch gesunder) Sonntagsradler weit entfernt.
    Und doch dient nur das zweite Bild dem Ausdruck von Dominanz. Dominanz im Sinne der absoluten Leistungsfähigkeit, die eben zur Darstellung von Hierarchie dient, – dann erst ist das Leistungsloch auch ein psychologisches Loch.

    Der Mann, dem ich neulich auf einem EBike begegnete, ein Jahr hatte er mit einer merkwürdigungen Knochenmarksgeschichte gelegen. Jetzt fuhr er „in sein zweites Leben“, jeden Tag. Nach vorne blicken.

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