BRD: die BlackBox des Frank Witzel

101215 Black Box BrD

Mit dem Film Black box BrD beginnt für mich eine Suche,  eine Spurensuche. Als ich diesen Film über den Tod des Nazizöglings und Nachkriegs-Aufsteiger Herrhausen vor Jahren sah, faszinierte mich die Offenheit der Fragestellung, Offenheit, die ja bis heute andauert –ganz gleich wie viel Literatur über das Thema produziert wurde und wird.

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Aber bevor ich zum neuesten Buch komme, das die RAF im Titel trägt, will ich noch auf eine Stelle dieses Films kommen, in der aus Zufall die technische Moderne als große Metapher  erscheint: die Witwe Alfred Herrhausens will ihren soeben ins Büro gefahrenen Mann schnell auf seinem Mobiltelefon anrufen. (Wir sprechen vom C-Netz). Als sie die Ansage hört, daß die angerufene Person momentan nicht erreichbar sei, weiß sie innerlich sofort, daß etwas furchtbares geschehen sein muß. Die Explosion der Rakete hat sie nicht gehört;  sie weiß, dieses Ur-MobilfunkNetz funktioniert in der Umgebung von Frankfurt immer.

Hier begegnet uns (vielleicht zum ersten male) ganz deutlich die Unmittelbarkeit, mit der Katastrophen in unserer Zeit für alle Unbeteiligten erfahrbar werden. Eine Nachricht wird beinahe in Echtzeit autonom übermittelt und ebenso schnell verbreitet.

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Zurück zum Buch: die Erfindung der RAF durch einen manisch depressiven Teenager im August 1969 ist ein Preisträger. Frank Witzel, ein Wiesbadener der in Offenbach lebt, hat für dieses 800 seitige Buch den wichtigen Preis gewonnen und diesmal, anders als beim Büchner Preis für Rainald Goetz, hatten die Buchhandelsketten in der Provinzstadt diesen pflastersteingroßen Band stapelweise ausliegen.

Hätten sie dieses Buch sonst bestellt? Wer weiß, aber da es in die fünfte Auflage geht, war es einen Versuch wert . Hätte ich es lesen wollen, wenn es nicht so eine monumentale Provokation an meine zerstreute Netzexistenz gestellt hätte? Keine Ahnung.

Drei Dinge haben mich interessiert: Erstens, siehe oben, zweitens die Beschreibung einer anderen Provinzstadt im Jahre 1969, die mir dank Rennrad zur weiteren Umgebung geworden ist und drittens der Wunsch zu wissen, wo die 800 Seiten mich hinführen werden. Lange Strecken machen mich immer neugierig und seit zehn Jahren nimmt meine eigene Kindheit samt ihren Folgen mich verstärkt in Anspruch. Ich will auch vergleichen.

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Inzwischen bin ich bei halber Strecke, 400 Seiten sind geschafft. Eins ist sicher: Dieses absatzlos gesetzte Werk hat einen Sound, also einen Ton, eine Tonart oder eben so etwas ähnliches, die nicht verlassen wird, selbst wenn die vielen Schleifen dieser Lebensgeschichte eines Teens (so hieß es im Neckermann Katalog) manchmal zu stark verwirbeln.  Auch wenns Absicht ist, was es zweifellos ist, so kann Verknappung ja auch besser sein.

Der gefühlsverwirrte, verunsicherte Teenager aus der Wiesbadener Vorstadt spricht im inneren Monolog von seiner Welt, seinen Freunden, seinen Eltern und Lehrern. Nicht alles ist Wahrheit, was da gedichtet wird, soll es vielleicht auch nicht sein. Die Grenzlinien sind unsichtbar, die Orientierung des Lesers in Zeit und Raum stellenweise schwierig. Dennoch -alles wirkt  wahrhaftig.

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Wer eine christlich konservative KindeseErziehung nie erlebt hat, bekommt hier einen kleinen Nachgeschmack. Alles geschieht im Vorbehalt der Sünde, des Sündhaften. Richtig und Falsch sind stark markiert, auch sozial. Zehn Jahre später wird dieses Fundament schon geschwächt sein und rissig, heute wirkt es nur noch rätselhaft.

Deshalb folge ich diesem Roman: die Blackbox BRD wird geöffnet, die Ausmaße der Veränderung von damals und jetzt erfahrbar, eine Zeitspanne, in der es nur eine historisch „markierte“ Zäsur gibt: die Öffnung der Mauer. Eine Zeitspanne aber, in der sich das Land enorm verändert. Mit der RAF hat das ganze Buch nur  mittelbar zu tun, mehr aber mit der Rezeption dessen, was von der RAF bekannt und sichtbar wird, und von der großen Welt in den Städten, der skandalösen Welt im fernen Frankfurt und Berlin: dem teen-sampling dieser Veränderungen.

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Das Drama eines vernachlässigten Fabrikantenkindes aus der Provinz hätte anders erzählt werden können, wenn sie als gewöhnliche Geschichte mit klaren Haupt und-Nebenfiguren, Dialogen, dramatischen Zuspitzungen undsoweiter dahergekommen wäre.  So einfach macht es uns Frank Witzel eben  nicht und vielleicht hat er damit recht, gerade weil er eine Aufmerksamkeitsübung verlangt, die ganz gegen unsere Gewohnheiten läuft . a4

Es sind noch 400 Seiten.

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