Ultra

ULTRA – RACING

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“I’ve been following your blog for years and ditto for you and the Transcon. You are by far the most creative, thoughtful and honest writer on the subject that I have come across. At times I felt to be in a balloon a few thousand feet above you and other riders in the race as Trackleader guided me along over the countryside. What a marvelous adventure you have had. I told my cycling friends to get off their butts, stop watching the freek’n Tour and get online with the Transcontinental. This is cycling at its best. You and your mates out there are the REAL heros in the cycling world, the ones for all to look up to, true and honest compatriots of the sport. I’ll say it again, “Emily, you ROCK.”“

Wie man am letzten Satz erkennt, bezieht sich das Zitat auf einenanderen Blog, dem Blog einer englischen Ultra Racerin, die zudem Kontinente durchquert. Leistungen, die nicht nur Begeisterung sondern oft auch Unverständnis hervorrufen.

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Wenn sich irgendjemand darüber wundert, wie es möglich ist, unter 0 oder über 40 °C auf dem Rad zu sitzen, oder überhaupt mehr als 100km auf einem Sattel zu ertragen, oder 1200km spazierenzufahren, dann darf ich an das Transconrace erinnern, auch bekannt als TCR.  Es ist nur eines von mehreren Ultra-Races in der Welt, zwei davon finden jährlich in den USA statt (RAAM und TRAM) ein anderes führt quer durch Sibirien, Erweiterungen sind denkbar . . .

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Es ist vielleicht das Ding auf der Schwelle, das uns auffordert, sie zu überschreiten. Der Vorgang dürfte immer derselbe sein, ob für Jakobspilger, Marathonläufer, Kanalschwimmer-  oder Ultra-Radsportler. Es reichen schon kleine Schritte..

Denn meine vita als mini-ultra-endurance Diletttant bewahrt die gleichen Gefühle für das Überschreiten von 100 wie später von 200 und wiederum von 400km auf. Der Satz vom „Grenzen verschieben“ oder „Grenzen ausloten“ ist etwas zu einfach. In meinem Fall überschreite ich eine Grenze, die ich mir (vorher) als mögliche Schwelle gesetzt habe , ich schließe eine Abmachung mit mir  und oft wird es erst am schönsten, wenn ich die Schwelle überschritten habe.

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Und dann folgt kein Zusammenbruch, eher eine Belohnung. Auch ist Kick das falsche Wort. Es ist ein Zustand, der mehr dem Fluß oder dem Schweben gleicht, der sich der statischen Welt entzieht. Darum wird dieser Zustand immer wieder gejagt, verfolgt, gesucht, gefunden. Auf dem Trockenen kann ihn das Träumen oder das Schreiben (darum ein blog!) wieder lebendig werden lassen. Es ist eine innere Welt.

Von den Überirdischen , die das TCR (mehrfach) auf Sieg fuhren, teilen uns einige auf ihren Web-Seiten mit, wie es ihnen dabei geht. Allegaert, Hayden, Ibbett, Buhring . . .  und  nun entdecke ich in dieser Reihe Emily Chappell, eine englischen „Radkurierin“ , die Blog über ihr Radleben führt und sich nicht(nur) auf die Überwindung von Schmerzen, das Besiegen von Gegnern und die trockene Auflistung bewältigter Distanzen beschränkt.Wie gern das gelesen wird: s.o.

Mich machte neugierig, wie eine solche Sportlerin auf Leistungen blickt und sie erlebt. Wo liegt der Unterschied von derart fokussierten und trainierten Menschen zu uns Freizeitartisten?

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Sicher spielen Qualen und Motivationslöcher eine Rolle – denn wenn Sie von Ihren Helden spricht, sind es nicht selten Schmerzensmänner/frauen; gleichzeitig aber findet eine kluge Wahrnehmung der großen Welt statt, durch die Sie  radelt und die Beiträge so lesenswert macht.

Allein: der Schmerz ist ein zentraler topos im Leben eines Langstreckenrennfahrers. Um den Schmerz und seine Überwindung kreisen alle Ultra Racer. Es ist der Sieg über den „Bad Patch“ (it won’t last)  der Sie antreibt, dem Moment der Erschöpfung, den unerträglichen Sattel. Es ist existentiell: Juliana Buhring wird als beschrieben als ein Charakter, der den Schmerz so lange verleugnet, bis die Glieder einfach den Dienst versagen, der Körper den Generalstreik gegen das Gehirn ausruft.

Ich kann sagen, daß ich nicht wirklich in diese Gefilde vordringen muß und/oder will, bestimmt nicht ohne Überlebensnot. Der Kälte des Winters kann man etwas entgegensetzen und sie am Ende genießen, einer Sehnenentzündung eher nicht: aber Es sind Racer, genauso wie die Tour de France Sieger Racer sind, die den Schmerz ignorieren müssen, so wie alle anderen Leistungssportler, die siegen wollen. Das hat nicht immer (nur) mit ökonomischen Zwängen zu tun, beim TCR sicher nicht, es hat mit der Persönlichkeit zu tun die ihr Ziel um fast jeden Preis erreichen will.

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Irgendwann vor Paris-Brest habe ich mich gefragt, als was ich dieses Ereignis erleben will, als eine sportliche Höchstleistung (die Uhr im Kopf) oder als ein „Gran Tourismo“. Mein eigenes Zeitlimit war schließlich , mit einem Füllhorn voller Eindrücke rechtzeitig zu einem guten Abendessen  nach Paris zurückzukehren . Eine Wüste würde ich eher ungern durchqueren – ich bin viel stärker von den Rätseln der Zivilisation um mich fasziniert. Auf dem Rad habe ich genau das richtige Tempo, um noch genau wahrzunehmen und die richtige Distanz, die den Abstand des Beobachters herstellt. Ich erlebe die Welt in einem Maßstab , der Naturdenkmäler, Strommasten und Wegkreuze verzeichnet.

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Der Schmerz als Barriere zwischen Erfolg und Niederlage, die der Kopf  verleugnen muß, ist für einen Grantourismo eine ungewöhnlich Ausnahme. Ich kann auch Schmerz, messe mich aber nicht daran und werde auch von anderen nicht daran gemessen. Bei einem Rennen ist Schmerz häufig erst Bedingung für das, was wir Sieg nennen. Kein kleiner Unterschied: Emily Chappell hat ihn fein herausgearbeitet

Und dann immer noch wichtig: http://www.logbuch-suhrkamp.de/redaktion/images

 

 

 

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3 Antworten zu Ultra

  1. randonneurdidier schreibt:

    Ich finde, Du beschreibst sehr treffend die Unterschiede zwischen den Leistungssportlern, die im Wettkampf fighten, gegen die Uhr, gegen die Gegner, gegen den Schmerz – die um jede Sekunde kämpfen (müssen) Im Unterschied zu uns Randonneuren, die Natur, Kultur, Umfeld und Umwelt wahrnehmen können und sogar genießen. So verstehe zumindest ich das Langstreckenfahren im Randonneur-Sinn. Danke für Deine feinsinnige Betrachtung und den Hinweis auf „Emily“

    • crispsanders schreibt:

      Danke für die Komplimente. Ja, dank der guten blogs solcher ultra-racer beantworten sich viele Fragen. Es gibt nicht nur einen Radsport, selbst wenn es manchmal die gleichen Sportgeräte sind.
      Das ahnt man ja alles nicht, wenn das ernsthafte Leben 2010 erst beginnt – und ist dann froh, immer neue Dinge zu entdecken.

  2. randonneurdidier schreibt:

    Übrigens: Die Berliner Emily heißt Astrid und hat PBP in 60h weggekurbelt. Auch sie ist Radkurier.

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