Zeit (Tag 5)

moebius-13_9055 Tage schon.

Seit 5 Tagen kann ich ausführlicher meine Routen nachbauen. Ein Instrument dazu ist bikemap.net. Zwar ist bikemap eine eher altbackene prä-strava  „Anwendung“ um Radsport-Aktivitäten aufzuzeichnen. Aber ich nutze sie seit mehreren Jahren und kann nix übles darüber sagen – denn manchmal grabe ich so eine alte Stecke wieder aus und staune, was nach mehreren Umzügen alles noch gespeichert ist. Und da weder Tacho noch smart-ding am Rennbügel führe, freue ich mich späer im warmen über die vielen Daten, die von so einer Tour bleiben.

Außerdem kommt bei so einem Ausrutscher wie vor 5 Tagen kein empfindliches Instrument zu Schaden. Vor 5 Tagen also:

http://www.bikemap.net/de/route/3394776-thalheim-kreisverkehr-hadamar/

bis die  Sache eben vorläufig nach 4o ungetrübten Kilometern endete. Replay

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So hat der Begriff Zeit eine doch intensivere Bedeutung bekommen. Tag 1 ging irgendwie ganz gut vorüber, die gewöhnlichen Tätigkeiten wurden bewältigt.Das Beste an Tag2 (aber auch an den folgenden) war : entsetzliches Wetter. Bis auf ein paar lichte Momente, setzte sich kalter Regen mit kaltem Wind auf der ganzen Tageslinie durch. Meine Räder würden nicht leiden, ich sehe den Schneeglöckchen zu . . .

Auch sonst kaum lichte Momente, außer dann, wenn ich, wie jetzt, auf einem harten Stuhl an einem Tisch sitze, auf dem die Ellebogen ruhen. An Tag 2 brauchte ich etwas unter 5 Minuten, um morgens aufzustehen. Dabei hatte ich nicht  gelegen, sondern, ein strammes Kissen im Rücken, im Sitzen geschlafen.

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Auch einmal Zeit,  ganze Platten mehrfach zu hören, was bei Bartok kein schlechter Ansatz ist. Musik, die so schnell nicht in die Klassik-Wohlfühlabteilung aufgenommen wird, deren „Grammatik“aber durch ihre schlichteren Ableger der Fimmusik in unserem Bewußtsein lagert.  Zwei Giganten werden dem  Klassiker der Moderne gerecht. Replay Ripplein.

Eine Rippenprellung ist etwas, das unsichtbar bleibt: keine Schwellung, keine Schürfungen, keine blauen Flecken. Es spielt sich alles im Inneren ab. Der Schmerz wandert herum. Anfangs ist er ein definierter Nadelstich mit Halo, nach zwei Tagen eine Art Zange, die bei gewissen Bewegungen zubeißt, dann schließlich wurde ich mehrmals hinterrücks erdolcht. Nießen, Schluckauf, Husten: die schlimmsten Feinde.

Heute aber kam ich in weiniger als einer Minute aus der Ruhestellung, kann fast ungestraft durchatmen und bediene die Servolenkung beinahe souverän leicht. Die Dinge an denen ich mich freue,  sind klein ..

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und lassen mir die Zeit, ein so gutes Buch wie den Essay zur Zeit von Rüdiger Safranski zu genießen. Safranskis Stil ist eine große Hilfe für die komplexe philosophische Materie. Aus seinem reichen Fundus an Biographien und Denker-Analysen trägt er in schöner Klarheit deren Gedanken zum Begriff Zeit vor. Der Bogen ist gespannt von Platon bis Einstein, von Heraklit bis Heidegger.

Wer bereits Bücher Safranskis hat, wird dieses als ein gelungenes Kondensat empfinden, wer nicht, dem geben sie genug Hinweise, seine außergewöhnlichen Biographien von Philosophen, Dichtern etc. zu entdecken. Lohnt nicht nur deshalb, sondern auch, weil er sich mit dem veränderten und sich immer noch verändernden Zeitverständnis unseres Jahrhunderts außenandersetzt.

Faszinierend  zutreffend finde ich die  Beobachtung, daß wir uns immer stärker in einem reset:replay-mode bewegen. Übertragen auf mich: meine alten Räder als Versuch, die Zeit anzuhalten. Wieder in sie einzutauchen, so wie die eingetauchte Madeleine für Monsieur Proust die Zeit der  Kindheit auftauchen und sich entfalten läßt. . .

Man fährt nie zweimal am gleichen Fluß vorbei. galibierz3

 

 

 

 

 

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4 Antworten zu Zeit (Tag 5)

  1. fusslaeufer schreibt:

    Bela Bartóks Klavierkonzerte, tolle Musik, es ist immer wieder bemerkenswert wie gut – möchte fast sagen Ideal – sich die Klangästhetik amerikanischer Orchester mit Bartóks Musik verbindet.
    Über Maurizio Pollini braucht man keine Worte verlieren, eine Ausnahmeerscheinung.

    Was „reset:replay mode“ betrifft: Das ist offensichtlich, ich sehe das als ein Symptom des – inzwischen unübersehbaren – kulturellen Niedergangs. Es ist mittlerweile offensichtlich das aller technische Fortschritt, den fehlenden oder ausgebliebenen humanen, nicht hat kompensieren können. Eines der großen Menschheitsprojekte – aus dem Blickwinkel der Aufklärung betrachtet – das Primat der Vernunft und der Humanität ist – spätestens seit Verdun und Auschwitz – perdu. Vor diesem Hintergrung stellt sich Zukunft dann noch wahlweise als SCFI-Klamotte oder Schreckensscenario dar. Was bleibt? reset:replay – hat einen leichten hautgout von „Kopf im Sand“ oder freiwilligem „nicht wissen wollen“, oder?

    Es geht mir ja nicht anders, Alte Musik, ebensolche Gemälde, Bücher, alte Musikinstrumente und eben auch „alte“ Fahrräder 😉 – Fluchtversuche.

    Sollte der Regen anhalten und die Heilung der Rippe auf sich warten lassen, der Roman „Two years, eight month and twentyeight nights“ von Salman Rushdie hat zum Thema auch noch das ein oder andere, gefasst in brillanter Erzählkunst, beizutragen.

    Gute Besserung,
    Markus

    • crispsanders schreibt:

      Das Wort vom Niedergang (damals:Untergang) prägte schon die Diskussionen Anfang des letzen Jahrhunderts. Ich sehe es anders. Eher sehe ich einen Übergang. Sehr griffig spricht Safranski Bereiche an, in denen eine weiterhin extreme Beschleunigung stattfindet, an der nicht alle teilhaben (können). Die Seele kommt nicht nach, so wird Simmel zitiert. ich bin mit klassischer Musik aufgewachsen und dennoch kommt meine Seele erst allmählich Bela Bartok nach, der wiederum ein intensiver Verwerter ungarischer Volksmusik war: also keinesfalls ein Traditionsbrecher. Die Tradition klassischer Orchester und der Aufnahmen klassischer Musik ist über einige Jahrhunderte gewachsen. Die Ausbildung zum professionellen Musiker ist ein intensiver, riskanter und die gesamte Persönlichkeit fordernder Prozeß, dem die Zuhörerschaft entsprechen muß, will er dafür entlohnt werden. Jede mittlere deutsche Stadt hatte vor dem ersten! Weltkrieg ihren Konzertverein, Musiksäle und -Schulen gehabt. Das hat sichin der Tat geändert, Elbphilharmonie hin- oder -her. Die zweite Säule klassischer Musik waren die Schallplattenverlage – 1975 war die Deutsche Grammophon ein Fixstern, die Aufnahme- und Probebedingungen ideal und so entstanden eben Aufnahmen, die zwar vom Medium her „alt“ sind, nicht aber von der Qualität. Ich sehe das eher als Annäherung, denn als Flucht. Soviel zur musischen Seite.
      Danke dür die Genesungswünsche, es wird!

  2. fusslaeufer schreibt:

    Die Musiker-Ausbildung habe ich durchlaufen, mit allen Höhen und Tiefen, und das war eigentlich nur der Erwerb einer „möglichen Anwartschaft auf eine Eintrittskarte“. Die Arbeit am Instrument, an sich selbst und nicht zuletzt an der Musik fängt dann erst richtig an und hört ein ganzes Musikerleben lang nicht auf.
    Man kann sich zwar bisweilen ganz schön „den Schädel einrennen“ aber als „riskant“ habe ich es nie empfunden – stünde ich wieder vor der Entscheidung mit heutiger Erfahrung, ich würde es wieder machen.

    Bartók war als Komponist tief verwurzelt in der klassisch-romantischen Musiktradition. Meinen ersten Kontakt mit Bartók hatte ich mit 6 Jahren mit dem „Mikrokosmos“ – nebenbei bemerkt eines der schönsten Lehrwerke für’s Klavier – gute Musik für kleine Hände. Daher war mir diese Musik nie Fremd, die Tonsprache empfand ich bei Bartók immer als etwas letztendlich vertrautes, ab und an gut versteckt aber doch zu greifen.

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