Über den Schmerz (Tag 10)

100216 Über den Schmerz (Tag 10)

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In der kleinen, standhaften Radzeitschrift aus Gallien die ich regelmäßig beziehe, kommt ein Philosoph zu Wort. Er stellt sich der unvermeidlichen Frage, ob Radfahrer (Langstrecke) nicht Masochisten seien.  Viele Menschen kommen nämlich zu diesem Schluß, wenn sie hören, man sei 200km unterwegs, oder wenn sie eine Alpenetappe verfolgen. Die Antwort des Philosophen stellt diesen Verdacht als einen Trugschluß dar, denn der Schmerz komme zwar vor, diene aber nicht dem  Lustgewinn . . .

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Radsport und Schmerz. Sicher. Aber ihn zu betreiben, um Schmerz zu empfinden? Nicht so sicher. Oft folgt auf Momente größter Anstrengung eine scheinbar endlose Zeit größter Leichtigkeit. Schon die Abfahrt von einem kleinen Hügel in den Ardennen ist dem Flug näher als einem Höllensturz.

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Der Sturz, den ich vor zehn Tagen erlebte war nicht tief, er war eher flach. Und  – denn es es ist unmöglich in einer American Footballkombi ein Rennrad zu bewegen –  er war hart und ungedämpft. Der Schmerz war sofort da, der Bodycheck, den ich mir verpaßt hatte, kam einem Körpertreffer von George Foreman gleich. Wie damit umgehen?

Ich hatte noch nie eine Rippenprellung und wußte nur, daß sie eigentlich nicht behandelt werden konnte. Einige sprachen von 2 Wochen, andere von 6, viele von Opiaten. Ich nahm erst einmal ein Kneipp Gesundheitsbad in der Hoffnung, die Durchblutung maximal anzuregen und das Eigengewicht nicht mehr zu spüren.

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Der Schmerz war da und er weitete sich aus. Der Atem wurde flach. Schmerz, ich sehe dich, aber ich lasse Dich nicht ein: ich gab ihm einen Platz, er wurde eingekreist. Eine Ibuprofen macht einen leichten Kopf, ein gewisses Schwebegefühl, aber mit dem Schmerz hat sie keine Berührung. Überflüssig.  Alles kam auf die Haltung an. Vorsichtig strecken, drehen, die Muskeln anregen. Am angenehmsten: aufrechtes Sitzen.

Vier Tage lang, bis ich mir einbildete, es ginge mir besser. Aus dem Bett kam ich in nur noch zwei Minuten und der Schmerz wanderte von der Seite nach hinten und vorn, wie gut, daß ich nicht so oft niese.

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Ich sah den Tulpen beim wachsen zu, ich las wieder und schaute zum Fenster raus. Und es regnete und stürmte, das war mein Trost. Kam die Sonne raus, ging ich bis zur Treppe und versuchte langsam und tief zu atmen, das Gewebe von innen dehnen. Dann gab ich dem Raleigh einen neuen Vorderreifen, einen unschuldigen. te absolvo . . .

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Am fünften Tage konnte ich die Servolenkung zweihändig bedienen und ein kleines Kind in die Luft heben. So war das.

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Heute saß ich wieder auf dem Rad und rollte die nasse Straße hinunter. Die Luft war frisch und wunderbar und ich brachte dem Mann, der mich vor zehn Tagen heimbrachte etwas Kleines vorbei. Seine Frau öffnete und wußte bescheid (er war nicht da). Sie habe ihm gesagt, er solle für sein altes Peugeot Rennrad jetzt frische Reifen kaufen. Und einen Helm. Wir sind keine Masochisten, wir sind eben so.

gold1In gold we trust –

 

 

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