Auf Gold sitzen

mod3000-road-full

Modelo 3000, ca 1977

Nicht selten ist es ja so, daß Rennräder vor allem bekannt und begehrt sind, weil sie mit einem bekanntem und erfolgreichen Fahrer verbunden werden. Die Firma Gios aus Turin beispielsweise verdankt Roger de Vlaeminck viel Verkaufshilfe und hierzulande vielleicht noch mehr dem jungen Thurau, der ja, kaum wurde er 1977 auf Raleigh berühmt, flugs zu Gios wechselte, was den Deutschen Markt inspiriert haben dürfte.

Benotto guys 1

Das Rad, das ich nun vorstelle ist untrennbar mit dem namen Francesco Mosers verbunden, selbst wenn es auch von einer Reihe anderer, nicht unbekannter Fahrer  verwendet wurde. Moser, ein Tiroler, entstammte einer Radsport Dynastie. Für einen Italiener war er recht groß, für einen Radsportler auch und sofort fiel seine lange gestreckte Haltung auf, hinter der sich die meisten Fahrer gut verstecken konnten.

Hier sieht man, wie sein Benotto präpariert wird

Moser war eine Lokomotive, ein Rouleur reinsten Wassers. Die Berge waren nicht sein Gebiet, selbst wenn er sich immer wieder achtbar schlug. Um den Giro zu gewinnen, mußten dem Altmeister allerdings entsprechende Profile und taktische Hilfestellungen gegeben werden, wie sich Laurent Fignon bitter erinnert.

Aber das ist eine andere Geschichte und nicht die  des Benotto. Bevor er Paris-Roubaix 3mal in Folge gewann, wurde er auf dem Benotto 1977 Weltmeister, auch wenn hier nicht wenige der Meinung sind ((„Thurau fiel durch eine eigenartige Passivität im Finale auf“ (Poulidor) „Ich habe mich verschaltet“ (Thurau)), daß dieses Finale in Kolumbien nicht zu den saubersten gehört haben soll.

moser lombARDia 78

Hier sehen wir, wie er auf der Lombaredei Rundfahrt 1978 einem vielversprechenden Franzosen abhängt: –

Aber meine große Erinnerung an Francesco Moser und sein Benotto verbindet sich mit der Rad-WM am Nürburgring im August 1978, also 37 Jahre, bevor folgendes Bild dort entstand

a ring12

Es war die dritte und bisher letzte Weltmeisterschaft auf diesem lieblich grünen, aber harten Kurs, nach 1929 (zur dessen Eröffnung!) und 1966…..

1966 gewinnt Rudi Altig im Sprint und ist bis dato einziger deutscher Weltmeister. 1978 blickt Deutschland (meines Wissens) zum ersten mal live mit Fernsehkameras auf ein Radsportereignis und überträgt von Beginn bis Ende.  Alle hoffen auf ein Deutsches Wunder in gestalt des jungen (24) Thurau.

Ich, 13 jahre alt, sitze bei meiner Oma vor dem Fernseher – möglich, das Sommerferien sind. Die Vorfreude ist groß – doch immer wieder machen Kommentatoren Andeutungen , daß unter den Nationaltrikots die Mannschaftstrikots der Profis durchschimmern. Was mein Vater  mir erklärt: die Deutsche Nationalmannschaft , ein zusammengewürfelter Haufen aus Profis unterschiedlicher Rennställe, wird nicht wirklich für einen Kapitän fahren, sondern jeder wird sein Glück allein oder für seinen Arbeitgeber versuchen. Ein Wunder müßte her.

ROT_THURAU_WM7856-620x404

An den Kappen sind die Rennställe gut zu erkennen.  Vorn sehen wir den jungen Helden mit dem Belgier ( aber Mannschaftskameraden) Dierickx, Moser lauert als 111 und das Raleigh team welches wir an dem breiten Streifen auf der Kappe (75 Raas)  erkennen, hat einen anderen Deutschen in seinen Reihen: Thaler . . . . ich ahne, daß also Thurau, auf dem deutsche Hoffnungen liegen, weniger Freunde als Deutsche Fahrer im Feld haben wird. Wer sich an die WM 73 erinnerte wußte, wie schlecht eine unklare Stallregie sogar einem Eddy Merckx bekam….

Das Wetter ist grau und kühl, die Wolken hängen tief.  Als Kurs ist der Ring sehr hart, er erlaubt wenig Rhythmus , denn es ist ein einziges auf und ab mit immer wieder zweistelligen Prozenten. Eine Situation also, in der Fahrer zur Schonung ihrer Reserven starke Mannschaften am besten gebrauchen können: bei Abfahrten und auf der langen Zielgeraden können kleine Abstände gemeinsam wettgemacht werden.

Dann beginnt der Regen und das Feld explodiert. Die Kameras zeigen eine Aufgabe nach der Anderen. Die Deutschen spielen keine Rolle in der Renngestaltung. In der letzten Runde setzen sich  ein orangenes und ein dunkelgrünes Trikot ab, die Verbindung der Fernsehkameras reißt immer wieder und die Nummern der Fahrer sind in der Gischt kaum erkennbar. 8 km vor dem Ziel wissen wir: es sind Knetemann und Moser und in der Abfahrt von der hohen Acht versucht Moser noch einen Vorsprung zu gewinnen, die Kamera kann kaum folgen, denn das bedeutet Tempo 70 oder 80.

Aber die beiden sind zusammen, als es auf den endlosen faux-plat der Zielgeraden geht. DSCF5289Wie 1966 wird der bessere Sprinter gewinnen und es wird ein definitives Duell Italien/Holland: die Rennställe Benotto/Sanson und Raleigh/Campagnolo schulden sich nichts. Knetemann gewinnt um eine Reifenkante vor Moser, ich werde es nie vergessen.

20151216_news1c

Mit Rückennummern: nur etwa 30 von über 100 Startern haben das Rennen beendet…..den Ring sollten die Profis nie wieder sehen. 37 Jahre – eine Generation.

a wolki

fast ebensolang hatte ich Willi, meinen alten Schulfreund nicht mehr getroffen- wie das Leben so spielt. Als erstes wollte ich wissen, ob er noch im Sattel sitze. Gemeinsam hatten wir in der Schulzeit  Touren von über 100km unternommen, mit Stoffrucksack und 5 harten Mark in der Tasche. Die längste Tour bringt uns zur IFMA nach Köln- Deutz, 1982. Saronni hieß der neue Stern, Campagnolo verteilte freigiebig Aufkleber. Willi sollte seinen riesigen Campagnolo-Sticker auf der Motorhaube des schwesterlichen VW Käfer anbringen: allein der Schriftzug würde ihn schneller machen. . . Wir treffen uns, wir verabreden uns.

a ra u wi

Anfang es Jahres fuhr ich darum  durchs Rheintal Richtung Bonn, mein Geburtstagsausflug, um einmal wieder mit Willi und meinen Brüdern durch die Gegend zu rollen. Das Wetter machte eine Punktlandung und Willi brauchte sich um sein neues Focus keine Sorgen zu machen. Es wurde ein sonniger Altherrennachmittag, locker und lustig. Wir kehren ein.

Dein Geschenk, Christoph, sagt Willi zu mir.

Ja?

Es steht im Keller. Hol es ab wann Du willst.

 

Und dort war es, sein Modelo 3000 aus dem jahre 1981 – wann immer ich wollte, würde ich wieder 16 sein.

capel1

b wendelinus

(Wendelinus, der Patron der Bauern und Hirten)

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Mehr Räder, Spleen & Ideal abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

6 Antworten zu Auf Gold sitzen

  1. mark793 schreibt:

    Wow! Da hättste der Madonna aber mal ne Kerze spendieren können zur Feier des Tages. 😉

  2. crispsanders schreibt:

    Keine Brandstiftung hier!
    Ich kann zufrieden sein, das Rad erfüllt meine Erwartungen und ich kann mitreden . . .mußte das Netz aber gehörig umwühlen, um genaueres zur Firma zu erfahren.

    • mark793mark schreibt:

      Und, fährt es sich anders als die Kogas, Raleighs und Gazellen?

      • crispsanders schreibt:

        ………….. es ist unter den top3. Ohne Scherz: ich habe nur 4 Räder, die den Aufschaukel-Test bestehen. Merckx, Benotto, Billato und PY 10. Der Steuerkopf ist sehr leichtgängig, durch das rel. steile Lenkrohr ergibt sich ein ähnlich spielerisches Lenken wie bei Merckx und PY. Das Benotto ist deutlich komfortabler als das Raleigh „Moderne“, etwas komfortabler als mein Merckx , aber eben nicht „weich“ im Tretlager oder Hinterbau. Das „große“ Koga ist ebenso stabil aber viel träger, das „kleine“ ist eindeutig flattriger in der Gabel – was alles relativ gesehen werden kann, aber das Aufschaukeln im freihändigen Fahren ist eindeutig – wie auch bei den übrigen, ungenannten Rädern.
        Die sonstigen Unterschiede rühren von Schaltenund Bremsen her. Beides bei benotto sehr gut, nicht besser als eine Dura Ace 7400/ oder 7200, aber Welten vor den goldenen MAFACS . . . . genug Latein.

        Außen vor lasse ich das Vitus: Aluminium.

      • mark793 schreibt:

        So konsequent habe ich meinen Fuhrpark daraufhin gar nicht durchgetestet. Beim Alu-Koga schaukelt nichts auf, beim Olmo vermutlich auch nicht. Mit dem Peugeot-Projekt und dem für die Eroica geliehenen Centurion habe ich es nicht bewusst drauf ankommen lassen, aber Monsieur Mercier leidet definitiv an diesem Syndrom. Was insofern ein bisschen schade ist, als er von den übrigen Fahreigenschaften her ganz klar meine Nummer 1 ist. Sehr gespannt bin ich schon auf Signore Chesini. Bei meinen von mir gegangenen Raleighs hatte nichts geschaukelt, da konnte man bei jeder Geschwindigkeit beide Hände vom Lenker nehmen. Aber das waren auch beides Rahmen der Kategorie gas pipe.

  3. crispsanders schreibt:

    Zu meinem Prüfverfahren: ich fahre einen möglichst langen, übersichtlichen und glatten Berg hinunter. Ich bin im höchsten gang und beschleunige,bis ich locker durchtreten kann. Dann lasse ich im Freilauf bei der Prüfgeschwindigkeit Vp rollen und richte mich langsam auf, bis zur Senkrechten. So ermittle ich auch, ob die Sattelposition ausgewogen ist, also alles im Gleichgewicht. Das ist nicht unwichtig, für die gleichmäßige Lastverteilung auf dem Rad = Anstrengung. Die Laufräder sollten keine Unwucht aufweisen – Gabelvibration.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s