Naturthräne

120316 Naturthräne

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Anne Sophie Mutter kommt aus der Pizzeria und korrigiert meine Handhaltung am Griffbrett. Meine Triller gehen nun leichter, aber richtig zufrieden ist sie nicht . . .

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Ich habe  A.S Mutter nie gesehen, meine Geige wird nur zur Weihnacht ausgepackt, aber Träume halten sich nicht an Jahreszeiten. Mir träumte auch, es sei Frühling. Denn es standen gestern (abend!)9 Grad auf dem Thermometer und ich nahm mir endlich wieder eine größere Runde vor.

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Am morgen aber blies es kühl durch die Türritze, der Wetterhahn zeigte auf Ost, – nur trocken würde es bleiben. Sangen die vielen Vogelstimmen noch so laut, es war kein Frühlingsmorgen, nur ein grauer, dröger Spätwintertag mit einem Vogel-Intro.

Die Geige fiel mir wieder ein, und die Geschichte die ich dazu noch nicht aufgeschrieben habe . Die Geschichte von General Dupont und Lady Inquich. Das was ein skurilles Paar aus einem Salon der Jahrhundertwende sein könnte, sind in Wahrheit zwei Geigen. Gewisse Geigen tragen die Namen ursprünglicher Besitzer, – zumindest bei Stradivaris, Amatis und Guarneris ist es so.

Lady Inquich müßte dann eigentlich WestLB heißen und jetzt, nachdem diese schöne landeseigene Konstruktion überschuldet ist, Portigon AG. Seitdem die Geige nun Portigon heißt und unserem Volksvermögen entrissen wurde zur besseren Befriedigung der Gläubiger (ich erinnere kurz an den Fall Achenbach), hat Frank Peter Zimmermann ein Problem.

Wer ist Frank Peter Zimmermann? Ein Geiger natürlich, durchaus auf Augenhöhe mit Ann Sophie. Zimmermann war mit Lady Inquich vermählt, sie war, wie er völlig richtig sagt, seine Stimme. Leider war sie nur eine geliehene Stimme und ihr Eigentümer, der namentliche Portigon, wollte sie zurück, denn zum Spielen ist eine solche Geige eigentlich zu schade – als Vermögensposten hingegen ungemein nützlich. Die Lady muß wieder in den Safe . –  a ghost in the cupboard.

Vorbei an den Geisterhöfen.

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Nun hat Frank Peter Zimmermann ein Problem, denn er hat keine Stimme mehr. Und darum beschließe ich, heute doch noch meinen warmen Bau zu verlassen und nach Wetzlar zu fahren. Dort nämlich möchte ich General Dupont treffen , seine Stimme in spe.

General Dupont ist eine weitere Geige , eine andere Stradivari. Aber der General ist nicht Herr seiner selbst, sondern gehört einem chinesischen Millardär. Dieser Millardär ist im Moment offenbar guter Dinge, er kann es sich leisten, seine Geige in den Händen eines Dritten klingen lassen. Er bietet also Frank Peter Zimmermann an, sie zu spielen und als seiner würdige Stimme zu betrachten. Auch deshalb, weil jener das Repertoire in dem Zimmermann glänzt, die großen, romantischen Violinkonzerte , namentlich die Deutschen, so verehrt.

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Die ersten Höhenmeter sind genommen, der Wind bläst zuverlässig sein östliches Hoch von vorn. Das Benotto rollt komfortabel und klaglos. Die Big Sky Ranch hißt die Flagge Montanas hinter dem indianischen Totempfahl, es geht allmählich ins Lahntal hinab.

Frank Peter Zimmermann spielt also die Geige Probe, irgendwo in einem NewYorker Hotelzimmer, und es durchfährt ihn. Er sagt, er kenne diese Geige, er kenne sie sogar ganz genau. Und deswegen fahre ich nach Wetzlar: denn was Zimmermann ganz genau kennt, sind Aufnahmen von Arthur Grumiaux , dem größten Belgier seit Hercule Poirot und Eugène Ysaye.  Grumiaux‘ Ton war makellos, seine Triller waren perfekt, rund , klar sein Vibrato elegant und unsentimental. Er nahm zeitlebens für Philips auf und noch heute gelten seine Mozart Einspielungen als Vorbilder. Für mich, für AnnSophie Mutter und (vielleicht) auch für FP Zimmermann. Grumiaux‘ Geige war die „General Dupont“ .

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Der Weg nach Wetzlar ist hinter Biskirchen dankbar flach und verkehrsarm: vor allem an einem solchen morbid grauen Tag. Natürlich sind die Passagen in freiem Feld unangenehm, aber im Unterlenker geht es. Bald habe ich Braunfels passiert und erreiche Burgsolms. Dann schließe ich zur Bundesstraße auf: nur noch sechs Kilometer.

Auffallend saubere Autos mit tropfenden Auspuffrohren hupen mich an. Sie können unmöglich die General Dupont gehört haben, sie wissen auch gar nichts von dem kleinen Laden an der Ecke zur Wetzlarer Altstadt. Sie haben sorgfältig die Angebotslisten der Supermärkte studiert und lassen sich nun letzte Eilmeldungen vom Kurs der spanischen Gurke per Rundfunk durchgeben.

Die letzten, leicht abschüssigen Kilometer der Chaussee verliefen in einem schönen Allegretto. Unter die Brücke der alten LeitzWerke hindurch: am Ziel.

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Dieser Laden an der Ecke ist eine schöne Einrichtung. Ich entdeckte ihn vor einem Jahr, ziemlich genau, nur daß schon erste Cillae und Krokusse blühten. Neben unendlich vielem Hifi und ex-High-End Gemöbel, verfügt er auch über die einzige nennenswerte Sammlung klassischer LPs in einem Kreis von 50km, den ich um mich ziehen könnte. Hier also würde Grumiaux, aka general Dupont aka die neue Stimme Zimmermanns auf mich warten.

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Es erwarten mich nur die traurigen reste einer Geschäftsauflösung. Verstreut gestapelte Plattendreher, Rollen von Packfolie, keine Schallplatten mehr: ein geordneter Rückzug.

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Ich parke vor dem benachbarten Geschäft für HiFi und Wein, überzeugt, hier eine Erklärung für diesen Verrat an der guten Sache zu finden. Der Herr des Hausees schenkt mir einen ganz ausgezeichneten Espresso ein, während im Hintergrund auf  einem 2Meter breiter Bildschirm Schifahrer kristallin in die Tiefe stürzen. In den Jahren habe man sich immer angepaßt, nach der Schallplatte , nach der CD , nach dem Heimkino jetzt das Lifestyle Ambiente mit stoffbespannten Lautsprechern, großen Flachbildschirmen und seit über zehn Jahren einer Weinecke. Schweden, Tja.

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Der AltHifi Nachbar . .  – man habe sich gerade aneinander gewöhnt,  nun ziehe er mit seiner Frau nach Schweden, ein Haus sei schon gekauft, die Ware werde verpackt und über das weltweite Netz verkauft, ja, ein lang gehegter Traum. Ich muß dem Herrn dankbar sein über soviel privates Wissen und kaufe für den  Sonntag einen toskanischen Wein. Pärchen betreten den Laden und mustern die Getränke.  Schweden, so ein Bullerbü Blödsinn, ein Ikea Paradies voll rostiger Saabs, ein Fetisch genau wie der goldene Tonabnehmer in Samtschatulle  mit der besonder feinen Auflösung der oberen Mitten . . . .. .

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Ich kaufe mir ein Baguette und beginne die Rückfahrt . Der Wind schiebt  mich nun leicht wie eine Feder die Lahn-abwärts . Während ich ein paar verirrte Hundebesitzer überhole und mir in homöopathischer Dosis Radler engegenträufeln, hallt es nach :Schallplatten in Wetzlar? Hifi und Phono? Nein, Limburg, Gießen, Marburg: alle haben aufgehört. Echo einer fernen Zeit. Wir lachen heute über napster.

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Warm wird es dennoch nicht und so gönne ich mir zwischendurch noch einen großen Kaffee an der Tankstelle und sehe, wie an diesem matten Tag ein Auto nach dem anderen zum Glänzen gebracht wird. Ein Gummibärchengeruch kommt von den rotierenden Fasersäulen herüber und füllt das Gewerbegebiet mit seiner unbestimmten Frucht-blase.

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In den Auen werden große Pappeln waidgerecht zerlegt. Naturthräne.

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Kurz nach dieser schönen Brücke verengt sich das Lahntal wieder und läßt nur noch Platz für einen schmalen Streifen: ein kleines Paradies zwischen Weilburg und Runkel, das sich Bahn und das Zweirad teilen. Ich erkunde es zum ersten mal und es kompensiert den abgereisten General Dupont vielfach. Besser als alle Schwedens dieser Welt ist es sowieso. dann General Dupont eben Digital: wozu habe ich noch die alte CD Kopie aus Berliner Tagen?

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Natur am Abend, stille Stadt!

 

 

 

 

 

 

 

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