Die Milch machts

a1Unser Essen ist gut. Auch die niedrigpreisigsten Supermärkte bieten sehr gute frische Ware in ordentlicher Qualität an – und die Preise in Deutschland sind beneidenswert niedrig, wie jeder Europäer bestätigen kann. Kein Grund zur Klage also.

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Der Milchpreisrutsch in der letzten Woche allerdings ließ in mir den Wutbürger aufkommen. Besonders nachdem ich die Sonntagszeitung las. Dort wurde nämlich ganz kursorisch die Milch getestet, die Vollmilch. Soviel zum Ergebnis:  lebensmittelchemisch gibt es keine schlechte Milch. Kein grund zur Sorge von dieser Seite. Wir können uns freuen, ein fantastisches Produkt zu einem Kilopreis, der knapp über dem von Mineralwasser liegt, massenhaft kaufen zu dürfen.

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Zwei Sachen treiben den Zorn: die Laktoseintoleranzpropaganda und die Kreuzpreiselastizität der HMilch. Da das erste Thema sich besser mit aktuellen veganen und anderen Ernährungstrends deckt , stelle ich die Mikroökonomie erstmal nach hinten.

Sicher sind 70% der Erdbevölkerung laktoseintolerant oder wenig tolerant. 70% (wenn nicht mehr)  der Weltbevölkerung haben jedoch aus reiner Not heraus keine milchbasierte Ernährung. Reis, Mais, Hirse und Weizengries, das sind die drei Grundprodukte die den größten Teil der Welt ernähren, wenn denn davon genug vorhanden ist. Milch und seine Derivate sind jenseits unserer grünen Weiden eher teure Exportprodukte, und vor allem in pulverisierter Form bekannt, aber hier verlasse ich die Insel der Glückseligen.

Auf der leben nämlich wir Kern-EU Konsumenten, die wir Großteils sehr laktosetolerant sind, selbst wenn einmal versucht wurde, das schmutzige Derivat  Rohmilchkäse, von der Liste unserer Lebensmittel zu streichen. b2

Einerseits haben wir also eine allgegenwärtige Biopropaganda von Großmärkten, die in  computergenerierter Druck-handschrift die Naturnähe und Nachhaltigkeit der von den Kunden begehrten Produkte verkündet. Zudem etliche Versprechen, was Qualität und deren Kontrolle, Anbauverträge mit regionalen Lieferanten und eine qualitätsgesicherten Produktion angeht. Alles zu ihrer gefälligen Bedienung . . . .

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Im Fall der Milch treffen die Versprechen eindeutig zu, wie oben erwähnt. Und jetzt geschieht folgendes: der Abnahmepreis für dieses großartige, unverschämt günstige Produkt  fällt um 20cent, er halbiert sich über Nacht. Würde der EK eines VW Autohändlers sich über Nacht halbieren (gedacht einmal, Autos würden wie  in Supermärkten verkauft), hätte Wolfsburg eine Krise, die nationaler nicht sein könnte. Und nicht nur für Wolfsburg.

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Von diesem Erdrutsch von Preisverfall bekommt der Kunde immerhin noch 25%, nämlich nette 10 cent weitergereicht, seine Milch kostet statt 52 nur noch 42 Cent. Da heißt es zugreifen! Die Folgen für Bauern, die ihre Kühe ja nicht abschalten können, male ich hier nicht aus. Statt das katastrophenModell  weiter zu verfolgen (nicht jugendfrei),  möchte ich nun auf das Produkt hinweisen, das meine Wut ausgelöst hat: den armen, sterilen und geschmackskastrierten Bruder der Vollmilch, die Cola Zero, das zero vom zero: die Null-Milch, die H-Milch genannt wird.

Denn da, als ich vor dem wohlgestapelten Turm dieses Milchersatzes stand, wurde mir die Bedeutung des herrlich B/lDzeitungskompatiblen Begriffs der Kreuzpreiselastizität deutlich:

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An dem Tag, an dem die Vollmilch mich weniger kostete als ihre Herstellung und die Differenz der Rivalen gegen Null lief , war der Stapel der H Milch gegen Mittag noch mannshoch, wo es sonst Bückware ist. Die Nullmilch ist ganz klar der ärgste Rivale der Vollmilch, also sein Substitut. Und jetzt war die Preisdifferenz  O, und endlich konnte sich ein Deutscher Rentner, Arbeitnehmer, unterdrückter Lohnsklave oder Freiberufler in der Startup Gründung in seinem Leben echte Vollmilch leisten! Das zeigt uns, wie hart in deutschen Haushalten kalkuliert wird.

Haushalten mit Kühlfächern voller Sahneeis, Kellern voller Sprudelkästen, Truhen voller Gammelhackfleisch. a6

Es zeigt uns vor allem, wie wenig uns ein gutes Produkt wert ist, das nur so gut ist, weil es vor unserer Tür mit strengen Kontrollen hergestellt wird, statt wie so viele andere Dinge aus obskuren Quellen fern von uns und unserer Kontrollschwelle zu stammen. Wenn wir Milch zu einem reellen Preis kauften, gute Milch aus gutem Futter , müßten wir immer noch wenig mehr als 1 Euro zahlen. Das ist sensationell und noch viel sensationeller wäre es, wenn der Gedanke dabei auch an die Koppelprodukte ginge: Sahne, Käse, Butter usw., deren Qualität zur Milch ja proportional ist. Daß wir damit ausschließlich die geliebten Bauernhöfe in unserer Nachbarschft ernähren, kommt dazu, aber die Nachbarschft der meisten Menschen besteht vermutlich aus sauber gefegten Wendehammern, Zubringern und Ampelkreuzungen . . .

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Sie wollen lieber H-Milch, weil sie so schön praktisch und  haltbar ist, in der Espressomaschine nicht gammelt , vor allem aber weil sie so sch**billig ist und dennoch aussieht, wie echte Milch: weil wir uns so wunderschön selbst damit betrügen können, wir laktosetoleranten, tendenzeill übergewichtigen, tendenziell gefäßkranken armen reichen Menschen mit Nutellaproblem . Grüne Landesregierungen haben schließlich wir gewählt, lieb Wolfsburg magst ruhig sein.

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In einem Gedicht Erich Kästners ist irgendwann von einem Vorstadtzug die Rede, in dem der Schreiber sitzt. Und eine der traurigsten Zeilen, eine Zeile aus einer sehr traurigen Zeit, der großen Wirtschaftkrise, in der Hunger keine Option für die Bikini Diät war,  erscheint das Menetekel:

„Trinkt Magermilch, steht an der Wand . . . .“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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9 Antworten zu Die Milch machts

  1. randonneurdidier schreibt:

    Du sprichst mir aus dem Herzen! Unfassbar, wie die Politik, WIR, die Verbraucher uns hier aufführen. Genauso wird es mir aber schlecht, wenn ich mir die sogenannten Milchproduktionsbetriebe ansehe. Da werden Kühe zu Produktionsmitteln, stehen angebunden, fressen, scheißen, und geben Milch bis sie kaputt davon sind… Ethik, Tierschutz, Anstand, Vernunft, … Ja wo denn?

  2. crispsanders schreibt:

    Die Produktionsbetriebe sind mengenanpasser, das heißt gezwungen, geringere Absatzpreise durch größere Mengen zu rentabilisieren. Die kleinen Höfe sterben ja nicht erst seit gestern. Was auch immer falsch gemacht wurde: es ist eben eine Folge auch von Kaufgewohnheiten, und da kann doch wirklich niemand sagen, es schmerze uns (in D) der Milchpreis, wenn wir zB für eine Kugel Eis mittlerweile einen Euro auf den Tresen legen….

  3. mark793 schreibt:

    Sie wollen lieber H-Milch, weil sie so schön praktisch und haltbar ist, in der Espressomaschine nicht gammelt , vor allem aber weil sie so sch**billig ist und dennoch aussieht, wie echte Milch

    Auf den Preis muss ich wie gesagt nicht gucken (vielleicht bin ich da eine glückliche Ausnahme), aber es widerstrebt mir zutiefst, einen Liter Frischmilch zu kaufen und dann mindestens die Hälfte wegzukippen,weil sie nicht rechtzeitig aufgebraucht wurde und schlecht wurde. Die (laktosefreie) H-Milch hingegen ist hier in aller Regel aufgebraucht, bevor sie verdirbt.

  4. crispsanders schreibt:

    Wer bei Milch auf den Preis sehen muss, dem gilt mein Mitleid. Die allermeisten müssen aber nicht und sie kommen mit einem Auto vorgefahren. Auch einem single Haushalt dürfte es gelingen, 1liter BioVollmilch in 14 Tagen aufzutrinken, es sei denn, er verzichtet auf dieses Nahrungsmittel, das die Basis der säugetierlichen Existenz darstellt. Ob er sich einen Gefallen tut?
    Die Lactoseunverträglichkeit halte ich, selbst wenn die Produktion des Enzyms Lactase bei Erwachsenen zurückgeht, für einen halben Mythos. In jedem Schokoriegel, Kakaopulver Kuchenhelfer und anderer süßer Fertignahrung ist dieser billige „Strecker“ drin. Man korrigiere mich.
    Es sei an den kommenden Film „Milch und Kohle“ erinnert, der auf einem Roman Ralf Rothmanns basiert. Es geht auch um gesunde Ernährung in Zeiten der Armut.

    • crispsanders schreibt:

      Irrtum.
      Junges Licht heißt der Film, der Roman Milch und Kohle wird darin mit – verarbeitet!

    • mark793 schreibt:

      Dass ein angebrochener Literpack Vollmilch 14 Tage hält, deckt sich jetzt nicht unbedingt mit meinen Erfahrungen. Ich habe einfach schon zuviel davon weggekippt, Punkt. Die Damen des Hauses präferieren zudem lactosefrei, somit kein Änderungsbedarf von meiner Seite.

      Die Frage, wieviel vom dem Lactose-Gedöns reine Kopfsache sein mag, stelle ich mir natürlich auch. Einem Bekannten von uns wurde erst kürzlich eine massive Unverträglichkeit attestiert, dabei trinkt der Mann jede Menge Milch, und es geht ihm gut damit. Mit geht es aber auch nicht schlecht ohne große Milchzufuhr, und obschon ich Butter und Käse sehr schätze, würde mir nicht so viel fehlen, wenn Kuhmilch in in flüssiger Form den Kälbern vorbehalten bliebe.

  5. crispsanders schreibt:

    Wenn man sich gegen die Milch entscheidet, ist es etwas anderes. Ich sehe mir an, was wir haben und was wir daraus machen.

  6. donferrando schreibt:

    Zum Thema Milch hab‘ ich auch was geschrieben
    https://foroboario.blogger.de/stories/2579708/

  7. crispsanders schreibt:

    Ja, für den aufgeklärten Konsumenten ist das ein Idealangebot, warum nur ist es so selten? Vielleicht weil die Bauernhöfe sich so schlecht in Gewerbegebiete integrieren lassen?

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