Freiburg 400: wie ich dem großen Regen entkam (1)

280516  Der  Freiburg 400

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Die Dose Paulaner in meiner Hand ist angenehm kühl; die Wiesen, die meinen Weg seit Stunden begleiten sind  mindestens so grün wie mein Krautscheid . Ich genieße den Sundowner in der Wärme des Abends und einen Himmel so blau wie in Bayern.

Aber hier ist Baden Württemberg.  Und vor genau  12 Stunden ,  um 8Uhr startete der 400km Brevet  von Freiburg an einer bayrischen Institution: dem Augustiner Lokal (mit Biergarten) .

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Die Brevets vom ARA Breisgau haben  den Ruf,  viele Höhenmeter zu bieten. Auch wird es in diesem Teil Deutschlands, wie mir der blühende Jasmin bestätigt,  schnell warm. Und eben diese zwei Erfahrungen suche ich für meine Pyrenäen-Durchquerung  im August: Anstiege und Wärme.

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Kurz nach 7 ist die Luft bereits milde gestimmt, das Lokal mehrheitlich von Männern in kurzem Sportgewand gefüllt. Mir fällt auf, daß viele Randonneur-Trikots getragen werden, die Paris BrestParis als Überschrift tragen. Ich komme mir in meinem Gonso-Dunova etwas underdressed vor, aber  wer hier  mit einem Stahlrad aufkreuzt genießt eine gewisse Narrenfreiheit.  Dafür gönne ich der Jugend ihre bunten Beintätowierungen.

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Ein netter Mann bittet mich um Erlaubnis, das Krautscheid zu fotografieren. Bittesehr:es hat drei  Kettenblätter, dafür hinten nur 6 Ritzel. Mit der kleinsten Untersetzung lege ich etwa 2m80 pro Umdrehung zurück, das sollte auch hier reichen.

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Kurz begrüße ich den Forums-Genossen Crocodillo und sein Castelli Rad. Mit Technik kennt er sich aus und viele gute Montagehinweise /tipps  las ich schon von ihm. Im Forum für Stahlrenner vor 1990 ist er eine feste Größe.

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Dann ist die Zeit des letzten gemeinsamen Gebets schon gekommen,und es geht hinaus in den Frühsommer.

Die Stimmung vor einer Fahrt ist ein untrüglicher Indikator. Bei Rennen muß es ganz furchtbar sein, denn schon bei Radtouristikfahrten ist oft eine verspannte Nervosität mit Füßescharren etc.  zu spüren. Hier nun sind alle ganz nett und der Breisgauer Akzent tut ein Übriges, die leichte Anspannung und das Piepen der Garmins zu dämpfen. Wir starten in einer Gruppe und bald aber spüre ich, hier geht es zur Sache.

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Gefahren wird einreihig, zerlegt in kleine Gruppen, die sich in Sichtweite verfolgen.Es geht durch die Felder ins idyllische Umland, vorbei am Dreisam-Stadion, das demnächst wieder Gäste aus der ersten Liga empfängt. Stolzes Freiburg.

Meine zwei Vorfahrer sind schon auf dem großen Blatt unterwegs, der Eine in einem gelben trompe-l’oeil Trikot (Löcher) aus Emmentaler Käse. Es riecht aber nur nach Lycra, wie die anderen hier auch. Jetzt erst nulle ich mein kleines Navigationsgerät, in dessen Chip irgendwo die 6 Subtracks dieses Brevets versteckt sind. Nur wo?

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Diese Frage verschiebe ich auf später, denn ein Schild weist  unmißverständlich in den ersten Anstieg des Tages, den Thurner, etwas mehr als 5km lang. Freiburg ist eben nur zu einer Seite hin offen : nach Westen. Wir aber sind genau entgegengesetzt zum Bodensee unterwegs. Die Flauheit vom flotten Anfang ist fort, ich kann mit dem Umwerfer spielen, auf dem kleinen 30 er Blatt hochorgeln .  Frischgeschälte Baumstämme verbreiten das schöne Aroma des Schwarzwaldes.

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Oben dann Zusammenschluß. So ungefähr zu zehnt  geht es erst über die Höhen weiter, und dann lang hinunter. Irgendwo weist ein Schild zum Titisee. Und schon kommt der nächste Anstieg, steil am Waldrand entlang. Ich lasse sie gleich ziehen, schalte in den Komfortgang und beobachte ,wie sich über mir die Gruppe auseinanderdehnt, zerreißt, zerfällt. Sichtkontakt muß ich halten, denn ohne Sicht auf Vorderleute weiß ich nichts über die Strecke. Es haut hin.

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An der Kontrolle in einem Idyll Namens Bräunlingen lasse ich nur kurz stempeln,  die  Backwaren überlasse ich den Übrigen.

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Durchs Stadttor Bräunlingens folge ich irrtümlicherweise einem Paar auf Sonntagsausflug. –  Radsport ist hier sehr populär. . . 1 verwirrter  Blick zurück: da nähert sich schon das Emmentalertrikot gemeinsam mit einem Brest 2011 Spezi . Balde schon (1mal Verfahren)  begreifen die Beiden meine Navigationslosigkeit. Es geht durch grüne Wiesen und Felder, auf denen Getreide reift, punktiert von leuchtenden Trikots.b3

Es ist leicht windig, immer wieder bewölkt und von Zeit zu Zeit, eigentlich alle 5 Kilometer, ist ein neuer Anstieg zu bewältigen.  Tendenziell zweistellig.

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Richtung Schweiz dann bin ich mit einem jungen Herrn in Sandalen und einem katalanischen Paris Brest trikot von 2007/8 unterwegs. Er spricht allerdings deutsch und wir verstehen uns auch sonst. Gemeinsam geht es abwärts Richtung Schweiz. Ich erinnere mich da an eine Rampe im Wald, schnurgerade, ein Fahrer in rotem Trikot kommt hohlen Blicks hinauf, dort waren theoretisch 100kmh möglich..

Schaffhausen, Heimat des Rheinfalls und der Uhren.

Endlich werde ich ihn sehen, den besungenen Wasserfall. Wasser aber kommt seit einer Viertelstunde von oben und im nu verwandelt sich der glatte Schweizer Bitumen in eine spiegelnde Oberfläche, von der es lustig aufsprizt. Meine Stimmung trübt sich ein.

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Kurz aufgehellt wird sie nur vom grandiosen Ausblick auf die große Rheinbeuge. Meine Vorfahrer ziehen weiter, ich muß unbedingt einmal anhalten.Die lustigen Boote, die kleine Brücke mit der Straßenbahn und das krachende Tosen der Wassermengen. Wo geht es lang?

Weiter hinunter.  Wir sind jetzt am südlichsten Punkt ungefähr – von hier aus geht es West 50km nach Konstanz an den Bodensee. Das Wetter kommt von Süden und ich komme aus dem Norden, um Sonne zu sehen. Die ist weg. Zeit für eine strategische Planung.

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Der Mediziner Konopka ist Autor eines sehr erfolgreichen Buchses zum Radsport, ich glaube, es hat über zehn Auflagen gesehen seit 1982. Darin beschreibt er sehr anschaulich die Veränderung der Umweltwahrnehmung bei steigender Belastung, den sogenannten Intensitätsniveaus von 1 bis 5. Ab der dritten Stufe „muß man erhöhte Konzentration und Willenskraft aufwenden. Das Gesichtsfeld wird etwas enger, die Landschaft wird aber noch wahrgenommen. Die Lust zur Unterhaltung nimmt ab. Man kann jedoch kurze Sätze ohne Atemnot sprechen.“ Trifft auf die Bisherigen 100km voll zu und erfüllt das Trainingsziel Ausbildung von Tempo- und Willenshärte.

Hier in Schaffhausen gibt es also zwei Alternativen: ich nehme die Landschaft ab jetzt vollumfänglich  wahr und unterhalte mich hoffentlich  prächtig mit einem neben mir daherfahrenden Randonneur (der noch nicht aufgetaucht ist),  oder ich setze die Ausbildung von Tempo- und Willenshärte  weiter fort, soweit möglich, nicht aber über 400km.

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Die Kontrollstelle von Schaffhausen ist der internationale Tourismus Gift Shop . Eine Schlange zahlungswilliger Nippeskunden aus allen Teilen der Erde steht in dem kleinen Bau vor mir an der Kasse. Das reicht, ich mache auf dem Absatz kehrt und frage draußen den Mann im Emmentalertrikot, der gerade eine Jacke überzieht, ob er mir die mitgereichte Landkarte erklären könne . , verdutzt hilft er mir weiter, als er begreift, was ich von ihm will – doch der Würfel ist gefallen

Erst geht es jetzt 50km zum Bodensee, dann von Konstanz wieder nordwestlich.  Auf der Höhe von Tuttlingen dann ist  der Freiburger Breitengrad wieder erreicht, die maximale Annäherung. Jetzt weiter und dranbleiben, dem neuen Ziel folgen.

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Das merke ich mir, pule schnell noch die Regenjacke hervor und folge dem Emmentaler und „Brest 011“ wieder aus dem Rheintal : die Diretissima führt exakt dorthin, woher wir kamen. Die Firma SIG dominiert mit ihren Nachkriegsbauten das Geschehen.

Es geht noch eine Weile hoch, Verkehr, Ampeln, Straßenbahnen und eine einspurige Brücke erinnere ich noch im Bemühen , Anschluß zu halten. Dann kein Regen mehr,  schwitze in der Jacke drauflos in der Folge eines neuen schwäbischen Vormanns. Irgendwann ein Halt. Ich kann die Jacke öffnen und noch in die Hand nehmen, schon geht’s weiter mit einem weiteren Gesellen. Die Straße ist feucht, wir fahren auf dem Randstreifen, immer geradeaus.  Solange es keinen Radweg gibt,  ist  die gestrichelte gelbe Linie unsere Zone. Taucht ein Radweg auf, ist dessen Benutzung hier in der Schweiz wohl Pflicht. Wir sind unter uns. Ein Problem: die Regenjacke, die ich geballt in meiner Linken halte, damit sie mir nicht in die Speichen fällt,  während ich mit den zwei Vorleuten im Wechsel fahre. Ich nehme die Jacke in die andere Hand, aber ewig geht das auch nicht.

Irgendwann lasse ich sie ziehen und stoppe, um die Regenhaut im Kofferraum zu versenken. Schließlich ist die Strecke hier übersichtlich und gerade. Da erreichen mich wieder das Emmentalertrikot und sein Spezi.Praktisch:gGemeinsam wird gefahren und  aufgeschlossen. Endlich mal eine Gruppe.b7

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In Konstanz ist es auf einmal warm und schwül, die Wolken verschwunden. Erfrischung an einem Dönerstand, eben weil dort auch einHaufen Mitfahrer sitzt.

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Der junge „Katalane“ ist ebenfalls dort,   bietet mir sogar ein Stück seiner Pizza an, mir aber reicht der Rinderspieß- Döner und das kleine Tannenzäpfle. Schmeckt in ganz Deutschland gleich.

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Flaschen füllen und weiter. Versuch den Track auf dem Navi endlich einzupeilen: gescheitert. Die nächsten 60 km wird mich das nervtötende Zirpen der Maschine an den fehlenden Kurs erinnern. Neue Gruppe: der Mann mit dem Katalonientrikot ist dabei. Fast hätte ich im Verkehrsgewirr und den Radwegführungen von Nord-Konstanz wieder den Anschluß verloren. Es ist recht warm. Ich verstehe die Einwohnerdichte.

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Auf der geschotterten, wunderschönen Allee neben der Insel (Mainau ?) geht es für mich dagegen auf federndem Stahl locker dahin, während einige Carbonräder doch eher Vorsicht walten lassen. Dann in der  Mittagshitze wieder hinauf nach N. Stufenweise. Immer wieder schiebende Mountainbiker.  In Wellen arbeiten wir uns langsam aufwärts, der Tag ist herrlich und trotz anhaltender Intensitätsstufe 3+  kann ich die Aussicht  genießen, der kurze Zwiebelmoment des Döners ist vorüber. Hier leiden jetzt andere.

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Überall wird Obst angebaut, manchmal hängen Netze darüber. Außer dem blöden Zirpen des Garmin schleppe ich ein anderes Handicap mit: das lange schwarze Shirt, welches ich in Schaffhausen übergezogen hatte: einfach zu warm.  Ich muß es loswerden, ohne die Gruppe zu verlieren, die mich durch das unbekannte Süddeutschland lotst.

An einem längeren Hang fahre ich einen( zu ) kleinen Vorsprung hinaus. Kaum habe ich den Helm ausgezogen, das Trikot übergestreift und in den Kofferraum gepfercht, ist die Gruppe schon vorbei, lang und abschüssig, tonlos in einer Reihe unter der Sonne. Intensitätsstufe 3 bis 4.

Auf der Abfahrt komme ich auf die Höhe des Sandalen-Katalanen, er sieht mich an.  Dann sage ich ihm: „Wer glaubt, Brevets seien keine Rennen, der irrt sich.“ Er nur (aber lächelnd): „Es gibt keine Randonneure mehr.“

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Irgendwo auf der Höhe stößt der Track auf die B14 nach Tuttlingen. Ich erreiche sie allein, nachdem ich einem anrollenden, schnellen neuen Mitfahrer im ARA Trikot einige km gefolgt bin, und das das Spiel seiner Muskeln zeigte mir, daß er sich nicht schonte.

Dann bog ich nach links ab, Richtung Tuttlingen und Donaueschingen, 120km vor Freiburg nach meiner Schätzung. ich wollte die Stadt vor völliger Dunkelheit erreichen: und vor allem vor dem Regen. Was aus den anderen wurde, die weiter nach Norden in den Schwarzwald fuhren, weiß ich nicht. b8

 

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