November 71, September 75

ali 1

„Es steht aber in der Zeitung“, sagte mein Freund Berthold  aus der anderen Haushälfte, als ich ihn damals, an einem kühlen Novembernachmittag ungeduldig bedrängte. Wer hat gewonnen? „Frazier!“ ?! ..Mit 6 jahren will man es einfach nicht glauben. Berthold ging also hinein und holte die Zeitung.

Tatsächlich: in der 13ten Runde war Ali sogar zu Boden gegangen und nach Punkten hatte er sein Comeback verloren. So stand es in der Volkszeitung, ein Schwarzweißbild, gerastert, war auch dabei. Fraziers Gesicht aber sei bis zur Unkenntlichkeit geschwollen und Ali habe protestiert. Eine schwache Genugtuung für uns, der Größte hatte verloren. 1971.

ali2Heute weiß ich, wie es ihm damals ging und wie er sich dann auf die große Revanche gegen Smokin Joe vorbereitete, die nicht kommen wollte. 4 jahre lang. Ich war dann 10 und hatte das Glück einen Boxnarren mit Fernseher zu kennen. In den Herbstferien,  am 30 September 1975 um 4 Uhr nachts weckte er mich „Vögelchen!“ rief er und es kam mir endlos vor bis die verschwommenen Helikopteransichten von Manila endlich zum Kampf wechselten.

Was wir dann sehen ist kein Kampf, sondern ein Orkan und die Ungewißheit nagt an uns. Wer liegt vorne? Keiner. Es war unterträglich, bei jeder Bewegung die Angst, daß Ali den entscheidenden Treffer kassieren würde. Diese Bulldogge von Frazier. Dann ruft mein Nachbar: „das Handtuch!“ und ich verstehe erst nichts, bis der Tumult in eine merkwürdig ruhige Siegesfeier übergeht.

Reemtsma hat die Sache dann im Detail genausestens beschrieben (fischer verlag) .Danke youtube, daß auch der erste Kampf für alle nun sichtbar wird und nicht nur als entfernte Zeitungsmeldung verblasst. Ich kann nicht wegsehen und verschlinge beide Kämpfe hintereinander, mehr als 40 jahre später.

Ali ist erwachsener geworden, Frazier älter. Beide Kämpfe gleichen sich sehr, vielleicht hat der erste von 1971 sogar noch mehr Tempo. Der Unterschied liegt in Alis Beinen. In beiden Kämpfen beginnt er ab der 5ten Runde zu „tanzen“, aber  im ersten Kampf hört er so ab der 8ten Runde auf sich zu bewegen,  und auszuweichen,  im Zweiten hält er das Tempo bis in die 12te – …

Man kann vom Boxen halten was man will, aber der Mann, der heute beerdigt wurde, hatte die Traute, damit eine 1:200 Millionen  Wette anzugehen, die Wette der Rasse. Um gehört zu werden, mußte er Boxer werden – und der Beste dazu, denn Gewinnern hört man zu.

Wer das oben abgebildete Buch liest, weiß,das unsere gerade geführten Sport vs Politik vs Rassismus Diskussionen ein Kindergeburtstag gegenüber der Welt sind, aus der Cassius Clay hervorging und Muhammad Ali wurde.

„..and I never let them forget.“ (Jack Johnson)

 

 

 

 

 

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