Berlin – ein Besuch

ab2Ja, es ist eine Designer-Hose , und wer auf den Hintergrund achtet sieht: das ist Berlin. Der gelbe Backstein, die massive Eingangstür zum S-Bahnhof, das kleinteilige Pflaster. Ich war kurz dort: die Luft prüfen.

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Und die ist für eine europäische Großstadt bei 30Grad Celsius gar nicht einmal schlecht. Neben dem (vor allem westlich des Tiergartens) üppigen Grüns, trägt die Gnade der späten Geburt zu diesem Privileg bei.  Durch eine großzügige Anlegung der Viertel und Hauptachsen hat Luft zwischen den Mauern genug Platz zur Zirkulation . Daneben kommen viele Wasserflächen und eine tendenziell kontinentale Sommerwitterung. ab3Ein Grund auch, weshalb neben London die Fahrrad- und Hipsterdichte dieser Stadt am höchsten sein dürfte. Auch auf dem Rennrad kann die Fortbewegung hier Spaß bereiten, besser aber, man hält sich dann von  Mitte und den eng anliegenden Bezirken fern. Warum ausgerechnet dort Stummellenker und Fixantriebe  eine Renaissance erlebten, ist schleierhaft. Andere Beispiele zeigen, was da besser paßt.

ab4 Mehr als drei Gänge braucht diese Stadt nämlich an keiner Stelle. Aber wenn es im Leben immer nur nach dem Praktischen ginge, gäbe es wohl zwei Drittel  unserer Garderobe nicht-  (und die Hälfte meiner Räder).

DSCF3291Zwischen Rathaus Schöneberg und Akazienstraße entdecke ich ein französisches Konditorlokal (Patisserie), der Blaubeerkuchen ist fein das Klima sehr freundlich .An Konkurrenz mangelt es in diesem Viertel nicht.

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Anderswo  bewahrheiten sich jedoch alte Befürchtungen. Der interessanteste Buch-  und Medienladen der Kantstraße:  2001,  ist nicht mehr. Ungefähr zehn Jahre nach dem Verkauf durch die Gründer schloß  dieser Lichtblick  meiner Stadt. Den Aufkäufern kann man keinen Vorwurf machen Die Nischen und Extreme die von 2001 bedient wurden haben sich digitalisiert. Der Tonträgermarkt ist  völlig gewandelt  -erinnnern wir uns noch , daß Tauschbörsen kriminalisiert wurden? Die Konkurrenz ist immer nur einen Mausklick entfernt.

ab1Digitales Gruppenkuscheln am Ausgang des Gleisdreieckparks. Die Deutsche Bahn ( man sage nicht nur schlechtes)  hat ihr  Großprojekt Nord-Süd Achse seit geraumer Zeit vollendet.  Blieb der oberirdische Teil, dermitten durch Kreuzberg lief.

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Die  kilometerlange Brache vom Südkreuz bis zum Potsdamer Platz reichte, wurde nach über 50 Jahren definitiv den Bürgern überlassen. Statt Gleisen endet hier nun der Radfernweg Leipzig Berlin.  – Soll eine großartige Strecke sein.

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Zwischendurch: entspannt genießen wir auf dem Sofa die Gigabite-große  Unterhaltungsvielfalt  auf unserem kleinen Bildschirm. Der Brockhaus: ein Möbelstück, die CD: Füllmasse der gelben Tonne.

Und doch

DSCF3224das Angebot meines Referenzladens Radkunst Trikot, einige Mausklicks von 2001 entfernt,  rouliert und wird von Besuch zu Besuch kostspieliger. Ein Klassiker unter 1000? Nicht einfach: aber es sind ausnehmend schöne Stücke, fachkundig präpariert.

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Alte Räder rollen also rund um die Uhr. Vielleicht auch, weil die Verkehrsbetriebe einfach zu gierig sind? Das Radwegnetz ist eine starke Alternative geworden. – kurz in Begleitung eines alten champions vom Alex aus Kreuzberg.

Der schöne Sonnabend neigt sich langsam. Ich suche eine Pilgerstätte auf: hier in der Waldenserstraße steht das Amstelhouse, ein sogenanntes Hostel, also eine Herberge für jugendliche, ganz ähnlich dem circus hostel auf dem zweiten Bild.

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Das Amstel liegt in einer ruhigen Seitenstraße von Moabit, einem Teil des Weddings, der der ehemaligen DDR nun wirklich nicht unähnlich war, gebäudetechnisch gesehen. Aber das ist lang her und heute spielt Moabit seine verborgene zentrale Schönheit aus. In diesem gelben Gebäude mit seinen Fresken treffen sich regelmäßig die Randonneure Berlin – Brandenburg zu ihren wagemutigen Expeditionen.

ab6 Ich ziehe weiter und genieße wie alle Touristen aus der Provinz den Hauch von Exotik,  Historie und Anarchie, der unseren Alltag beflügeln wird.aa4

 

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6 Antworten zu Berlin – ein Besuch

  1. randonneurdidier schreibt:

    Hallo Christoph, es ist so: Berlin muss man mit offenen Augen, mit dem Blich auf das Jetzt durchstreifen. Dann gibt es reichlich schöne Sachen zu entdecken. Und bei Deinem nächsten Besuch unbedingt hier vorbeischauen:
    CICLI BERLINETTA
    Schönfließer Str. 19
    10439 Berlin
    http://cicli-berlinetta.de

  2. crispsanders schreibt:

    Durchaus durchaus, Dietmar, ich habe mich keine Sekunde gelangweilt. – cicli berlinetta wurde irgendwann von mir erwähnt, ich glaube im Herbst 2013, da kam ich dort vorbei. Danke für den Tip!

  3. Takeshi schreibt:

    Apropos Erwähnen: du hast mal über Emily Chappell geschrieben, die ich seitdem begeistert lesend verfolge. Danke noch dafür und für den feinen Blick auf vertraute Ecken, und außerdem eine gute Fahrt durch die Berge! Auch ich freue mich schon auf die Berichte.

  4. crispsanders schreibt:

    Emily Chappell ist heute Abend (TCR) wieder dabei. Wagt sich in Bereiche, die jenseits der Grenze liegen.

  5. Twobeers schreibt:

    Schade, dass wir uns in Berlin nicht getroffen haben! Den Radweg Berlin-Leipzig probiere ich morgen aus.

  6. crispsanders schreibt:

    es war wirklich zuwenig zeit – bin aus dem Westen so gut wie nicht herausgekommen. Soll nicht die letzte Gelegenheit gewesen sein. Könnte man nicht auch Leipzig-Berlin (oder Berlin-Leipzig)ausrichten, wenn der Radweg es hergibt?
    Berichte!

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