Über Achim – Täve ’60

Achim, das dritte Buch

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Die Umgebung:

Der Spiegel hat 1960 noch eine  eher lässige Rezension zur ersten Ausgabe verfasst, ein Jahr später wäre das vielleicht anders gewesen, denn Das dritte Buch (über) Achim spielt 1960, dem Jahr vor der Mauer und vor der Schließung der Grenze,  – ein Jahr später wäre das so ncht mehr möglich gewesen. 25tausend Exemplare sind verlegt, als meine Suhrkamp Edition mit 40tausender Auflage 1964 erscheint.

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Es ist ein Buch über den Radsportler Achim  aber vor allem ein Buch über den „anderen“ deutschen Staat, den sozialistischen, ganz kurz bevor die Mauer ihn abschließt.

Es ist Geschichte in Literatur gefaßt, heute ein historischer Roman. Warum Radsport? Vielleicht weil die zentrale Figur, der Radsportler, ein Volksheld ist.

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Noch 1960 veranstaltet die DDR die Weltmeisterschaft des Radsports auf dem Sachsenring. Internationale Anerkennung und Berichterstattung  hat einen politischen Preis, denn er Radsport ist in zwei Bereiche geteilt: den olympischen/sozialistischen  der Amateure und den kapitalistischen/professionellen. Aber wer A sagt muß B sagen und so trägt die DDR auch den professionellen (kapitalistischen) Wettkampf aus…

Zum Buch zurück:

Selbstverständlich sind alle Personen des Romans frei erfunden, so steht es dort. Der Journalist Karsch, der aus Hamburg kommt und seine alte Liebe besucht, die Staatsschauspielerin ist und berühmt und eben zur Zeit (der Handlung) die Freundin, Lebensgefährtin, Geliebte des Radrennfahrers Achim. Beides nationale Superstars, die auf der Straße erkannt werden. Der frei erfundene Achim ist niemand anders als Gustav Adolf Schur, der im Lande als Täve so bekannt ist, daß die Zimmerwirtin des Journalisten auf Nennung des bürgerlichen Namen gar nicht reagiert.

Täve Schur lebt noch , wie viele Bücher es über ihn gibt, ist mir nicht bekannt. Daß es dieses gibt, welches vorgibt, der Versuch zu einem weiteren Buch über Täve zu sein, sollte ihn ehren – so oder so

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Die Karriere des Radsportlers Achim. Die Parallelgeschichte der Schauspielerin Karin . Der Nebenschauplatz: gemeinsame Wohnungen, getrennte Wohnungen. Ein Journalist mit Auto aus Westdeutschland. Kommt zu Besuch, bleibt, wird aufgefordert, über Achim zu schreiben. Dafür zieht er zu einer Witwe, die das Arbeitszimmer untervermietet – Wilhelm.  Es soll das dritte Buch werden.

Schon bei  den Kindheitserinnerungen (HJ…)  erfolgt der Eingriff des Verlags. Wie der Autor zur Rede gestellt wird, wie ihm verständlich gemacht wird, warum gewisse Dinge keinen Platz im dritten Buch hätten undsoweiter. Allein das schon eine Abhandlung zur Meinungsfreiheit. Es ist ein Auftragswerk.

Dem Journalisten wird immer deutlicher, daß sein Vorhaben ein sehr spekulatives ist,  dessen Fortgang er nicht bestimmen kann.

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Die DDR investiert in den Radsport, die besten Amateure des Landes trainieren professionell an der Hochschule für Sport in Leipzig, sind faktisch von der Pflicht zur „Werktätigkeit“ befreit. Die Geschichte Achims, einem Maurergesellen der  dann, während seines zehnjährigen Sport-Studiums zur Radlegende wird und schließlich Abgeordneter der Volkskammer , ist (auch) die Geschichte einer politischen Korruption.

Entwicklung einer Gesellschaft, die sich entzweit und Widersprüche leugnet, die immer offener zutage treten (Wohnungsmangel, Lebensmittel..). 1 Deutscher Staat nach dem Krieg. Johnson: sehr zurückhaltend, distanziert beschreibend. Mit fast poetischer und bildhafter Schilderung (auch vom Radsport, immer wieder zwischengeblendet). Straßenoberflächen, Wetter und Alltagsstimmung. Der Unmöglichkeit, Schreibpapier zu bekommen („ein Brand in der Papiermühle“) Der Stolz auf die volkseigene Rennmaschine.

Das Sterben der Hoffnung

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Vom Volksaufstand, den alle vergessen haben, jedoch vor allem Achim, gibt es noch ein Bild, das Achim mit anderen Maurergesellsen beim Protest zeigt. Ein Bild das Karsch zugespielt wird, eines Tages hält er den Kontaktabzug in der Hand. Achim,  der das Beweisfoto verdrängt, so wie er die Trennung von der Schauspielerin verdrängt, die das Bild kurz zuvor sah und ihn darauf erkannte: tu quoque!

Die Beziehung zerbricht, das Mißtrauen weicht nicht mehr aus dem Buch, es gibt keine privaten Auskünfte mehr –  Karsch kann nur noch gehen.

 

Zum Radsport

Wir lesen von Amateursport unter professionellen Bedingungen. Das Training findet streng kontrolliert im Kollektiv statt, die Sportler bekommen Studentenstatus. In Herbergen und Klassenzimmern werden die technischen und physiologischen Grundlagen erlernt.

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Das Training in Begleitung von Trainern, die vom Motorrad aus Anweisungen geben. Formen des Intervalltrainings werden umschrieben. Auch der Aufbau des Jahreszyklus. Im Winter dann Kraftsport und Ausgleichstraining in der Halle.  – Johnson läßt diese Details immer wieder in die eigentliche Geschichte einfließen, die sich im Dreieck Karsch, Karin, Achim abspielt. –

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Der sportliche Teil gibt die Inhalte des kleinen Buch zur Grundschule des Radsports im groben wider.

(Eingeschoben: wer das Buch Achim liest, bei dem immer wieder Lebensmittelkarten, Kohleöfen Knappheit überhaupt durchschimmert, kann ermessen, wie utopisch allein der aufgestellte Speiseplan zum Radsporttraining ist: Fleisch, Vitamine, Fisch, Obst. Dann nach jedem Training ein warmes Bad – also 4xwöchentlich – , solche Rahmenbedingungen können nicht dem Alltag der Arbeiterklasse entsprochen haben.

Dann rechne man hoch die Betreuungsstunden, Erholungspausen,  Medizinischen Untersucheungen, Mannschaftssitzungen: Vollzeitarbeit . Dieses Training ist 1960 etwas, wovon manch ein professioneller Radsportler  im Westen meist nur träumen kann. Auch die Erfolgreichsten jener Zeit fahren rund ums Jahr, um  vielleicht eines Tages ein Häuschen zu bauen – mehr war es meistens nicht.)

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Wir sehen also vor dem hintergrund der Mangelwirtschaft und der politischen Zwangslage erstmals angewandte Sportwissenschaft: wiederum ein merkwürdiger Verdienst des Amateurstatus. Denn , wer nicht allwöchentlich um Prämien fährt, bei dem gibt es auch die Möglichkeit der wissenschaftlichen Optimierung.

Interessant stelle ich mir einen weiteren Nutzen dieser akribisch wissenschaftlichen Untersuchung ganzer Jahrgänge eines Landes. Anhand der Auswahlverfahren, wie sie bis 1990 einen Schur, aber auch Ampler, Ludwig, Ullrich und Voigt hervorbringen, Auswahlverfahren, die mit Sicherheit analog  und genau dokumentiert sind ,ließen sich sehr gut benchmarks für die Leistungsfähigkeit der Radsportler ermitteln. Gerade auch, wenn Vergleichsreihen mit Dopingmitteln gemacht werden. Wir hätten ein phantastisc material, alles, was in Wattzahlen auffällig wäre, als solches zu benennen. Aber das ist ein anderes Feld.

Zur Sprache noch:

Der Kniff , die Masche, der Manierismus den Johnson anwendet, ist eine weitgehend  „durchgehaltene“ Umstellung des Satzbaus. Johnson stellt die Sätze falsch auf oder eben um, was unserem üblichen Lesefluß hemmt. Wörtliche Rede, Subjekt und Objekt, einiges wird vertauscht. Förderlich ist dies beim lesen der Konzentration, klar. – (so zum Beispiel).: aber es ermüdet, schreckt vielleicht sogar ab. Andere Quellen verweisen auf Brecht und Bloch und den „nouveau roman“. Vielleicht war es die Zeit der Sprach-Experimente. Mich machte es neugierig, andere wird’s ärgern, weil „lesen und verstehen“merkwürdig verzögert ewerden. Nur wäre es nicht das gleiche Buch, und wer damit lesen lernt, den freuen der Tonfall, die Präzision der Wortwahl:  das Werk

Suhrkamp Edition 100

Sport frei!

 

 

 

 

 

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