Raid Pyrénéen- der zweite Tag

Raid Pyrénéen

Der zweite Tag  –  9 August 2016

a ariegeverte

Sie hatten mich gewarnt. Die Gegenrichtung sei schwieriger, das Risiko gegen den Wind zu fahren höher; und die Hitze usw. ganz kann ich das kann ich nach einem Tag noch nicht beurteilen , doch nun sind zwei amtliche Pässe nacheinander bewältigt, für mich eine Premiere in reifem Alter, die heute nach einer Fortsetzung ruft.

Ich behaupte also einfach das Gegenteil – meine Variante des raid ist die Leichtere. Die mediterrane Hitzeschlacht nehme ich als Lehrstück, und auch eine„nur“ 3 prozentige Steigung werde fortan so entspannt wie möglich angehen. Mein Körper lernt mit den Kilometern und darauf baue ich den nächsten Tag auf. Und den Übernächsten. Und heute zählt es schließlich, denn ich komme zum Kern der Sache.

DSCF4008

Das Wetter wird milder, die Anstiege kürzer sein, dafür sind es mehr Mein Herbergsvater hat kühles, bedecktes Wetter gemeldet, also ein Kontrastprogramm in langen Ärmeln. Es ist der Tag, an dem ich insgesamt fünf Pässe fahren will, mit dem Aspin als Abschluß. Die Etappe als solche ist  kürzer, etwas unter 200 km und viel viel grüner, es geht mitten durch die wilde Ariege. 5h45 : Auf nach Westen!

Die frische Hose ist dank der „ozone“ creme beruhigend kühl und die kleine Paßstrasse zum col de Port liegt im Morgendunkel – völlig menschenleer. Es ist kurz vor sechs und meine Lampe weist mir den Weg hinauf. Ein paar (wörtlich) verschlafene Dörfer habe ich bald hinter mir, nicht mal ein Hund ließ sich blicken; es steigt ganz anständig, lange schon, bevor ich das offizielle Schild des Passes entdecke. Nur noch 9km – und weiter.

a porte

Der Weg ist immer wieder von kleinen Höfen gesäumt, mal riecht es mehr nach Kuh, mal nach Schaf. Eine alte Frau schließt hinter ihrem Mann die Gartentüre und geht im Morgenrock zurück ins Haus, er ist zu Tal gefahren. „Bon courage“! ruft sie mir zu und ich winke zurück: , dieser kurze Ruf eines wildfremden aus dem Halbdunkel  , das ist das zweite Frühstück  für den Randonneur

Pässe, die auf der Landkarte langweilig geradlinig wirken, so ganz ohne dramatisches Serpentinengeschlängel kommen mir am schwierigsten vor. Sie sind unstet, nie kann man abschätzen, wie sich die Steigung gleich verändern wird. Oft kommt das übelste am Ausgang kleiner Dörfer, die einen gerade wieder an einen kleinen Gradienten gewöhnt haben. Der Col de Port ist so ein Paß.

a petedefruitsAus: faites votre patisserie comme Lenôtre, Flammarion, 1974

Dann setzt feines Nieseln ein. Regenjacke über, die Wolle bleibt erst mal in den Tiefen der Apidura trocken. Ein Griff in die Süßigkeitentüte fördert ein vorletztes Würfelchen Fruchtpaste zutage: Kirschgeschmack, vielmehr: reinste Kirsche, beinahe schwarz; ich lecke mir die klebrigen Finger ab, als der Zuckerflash schon ein Kribbeln auf der Haut produziert. Ich höre die Glocken

a porrte

Aber das ist nur die Herde cremeweißer Kühe, die den Col de Port gepachtet hat. Höflich gehen sie zur Seite und ich passiere den verregneten Paß ohne einen Gedanken an ihn  – alles grau hier –  zu verschwenden außer an die Bremsen, die ich auf der verregneten Straße brauchen werde. Shimano 600 funktioniert immer!

a casartelli1

Nur einmal wird es knapp, als aus dem Nebel das orangene Blinklicht eines Mähfahrzeugs auftaucht. „Fauchage“ heißt das Wort unter dem kleinen Warnschild: in einer blinden Kurve werden die Wegränder gemäht.

Die nächsten 400km werde ich alle Heusorten der Pyrenäen einatmen: die Basis für Aromen aller Käsesrten dieses grün in grünen Landes. Wir armen Kinder der Maissilage und des Sojafutters, wir aseptisierten Allergiker und larvenbleichen Stadtbahnkreaturen . Wir testen öffentlich Milchsorten und erheben dann fettarme H-Milch zur Referenz.

Ich erhebe hiermit das langbeinige Milchschaf mit den Schlafaugen zur Referenz, zum weißen Gold der Pyrenäen. Wo war ich?

a massat

Gerade noch in in Massat , da hat der Regen schon aufgehört – Neoprenüberzüge wärmen die Füße.   Richtung St. Girons. Fast schon dreißig Kilometern rollt das Snel durch das sanfte Tal .Und es geht immer noch leicht hinunter , leicht, leichter, fast ein Vogel .

a salatvallKurz Schokolade fassen, die zwischen den Straßenkarten seit gestern wieder hart geworden ist. Es ist still und um 8h 30 erreiche ich das Städtchen St Girons, das gerade erwacht. 2x Café und ein Stempel in der Flamme Rouge. Gegenüber ein Fahrradladen, der erst um 9 öffnet. Die nächste „größere“ Stadt mit Fahrradladen ist ungefähr 80km und zwei Pässe entfernt: Luchon. Also besser hier warten, um den Luftdruck zu prüfen: allein der Abfahrten wegen.  Außerdem ist die Telekom-Musette leer.

b musette

Beim Bäcker entdecke ich Croustade, einen Apfelkuchen, entfernt mit der toskanischen Crostata verwandt. Zugreifen! Zwei Männer sprechen mich an:

„Ich habe einen Freund, der Hendaye-Cerbere gemacht hat: „bon courage et bonne route.“

„Eh bien! – :je vous dis merde!“ sagt ein anderer, der gerade die Bäckerei betritt , was ungefähr dasselbe heißt.

 

a stgironsa

Die „Grand Prix /24“ haben prima die Luft gehalten. Mit vollem Magen und vollem Luftdruck (7), verlasse ich St. Girons Richtung Portet d’Aspet, über dreißig Kilometer entfernt. Ich durchstreife ein grünes, welliges Land, gerahmt von grünen Bergen. An Dorfbrunnen steht ausdrücklich:Trinkwasser.

a aspet1

Die Müdigkeit ist nach der langen Abfahrt gewichen, es tut nichts (besonders) weh, ich kann das Singen der Reifen hören. Die Gangwechsel klappen leicht, durch die kleinen Wellen der Strecke  hauptsächlich ein Spiel mitdem Umwerfer – großes Blatt, kleines Blatt.

a aspet2

Es ist halbwolkig, halbsonnig und mild,  blau und grau wechseln sich am Himmel ab und der alte Mann da unten genießt es auf seine Art . Ganz ganz langsam schraubt sich jetzt der Weg in die Höhe, werden die Dörfer kleiner und das Tal zieht sich zu, bis unter Bäumen nur noch der Weg und ein Bach Platz finden.

a aspet3

In Portet d’Aspet, der Paß trägt den Namen des Dorfes, ziehe ich die warmen Sachen wieder an. Volle Montur für die Paßhöhe und die Abfahrt danach, die dann auch feucht und feuchter wird.

DSCF4486Nach dem Dorf noch ein paar stramme Serpentinen: eine davon erkenn ich von einer Doppelseite in einem Radsportmagazin wieder und dann kommt im nieselnden Wolkennebel schon die Passhöhe.  Noch 50 km bis Luchon.

a aspet obenDie Abfahrt ist sehr knifflig, auf sehr steile Abschüsse folgt schonmal eine enge Kurve, die kaum einsehbar ist, denn der Hang ist steil und dschungelgrün. Ich gebe acht, aber die Bremsen ziehen gewohnt stramm. Hier immer noch lieber hinunter als hinauf.

a casasrtelli KurzeVollbremsung und Hommage an den unglücklichen Casartelli. Ich gönne mir ein kleines Stück Croustade und prüfe die eigenen Bremsen: kein Verschleiß. Ich bin im grünen Bereich, in jeder Hinsicht und es nieselt jetzt sanft. Energiesparmodus bis Luchon. Erste Sportler kreuzen meinen Weg.

a luchon1

Dann endlich mal ein Radfahrer auf Wanderschaft. Kleines Gespräch „Gut daß es uns gibt“. Im Tal der Garonne, die endlose Gerade ins Ziel, die rostigen Masten der Oberleitung und an ihnen die Pappen mit den Protestaufschriften gegen die Schließung der Bahnlinie. Frankreich rüstet zurück: auf Busse . . .

Luchon, die blühende Kurstadt der 1960er wird eine Sackgasse mit angeschlossenem Skigebiet. Villen stehen zum Verkauf. Emigirierte Fabrikanten?

Habe mir ein Mittagessen verdient.

a bagneresbaguette

Eine große Kreuzung. Links gehtes ins Zentrum, rechts sehe ich das Schild zum Peyresourde, der Hauptgang im Tagesmenu, und direkt hier gab es wohl mal eine Tankstelle. Das Gebäude teilen sich jetzt eine größere Bäckerei und ein kleiner Radladen. Zwei Dinge, die ich gebrauchen kann. Luchon Centre Ville und der charme der Vitrinen des Nachkriegs muß aufs nächste Jahr warten.

a bagners luchoncyling

Bei der zweiten Pizza bittet mich der Radhändler zu sich hinein. Er verkauft Wilier Räder und ich sage ihm, die Kappe sei ja ganz ordentlich und tippe an meine Kopfbedeckung. Die Kappe ersetzt mir jede Sonnenbrille, schützt mich vor Wind, Insekten und Regen. Sie hält den Kopf kühl oder warm, je nachdem.

„Bitte setzen Sie sich doch!“

„Vielen dank, ich sitze den ganzen Tag“.

Im stehen unterhalten wir uns und ich er bietet mir noch einen Café an.

Heute morgen war er schon auf dem Peyresourde , dem Hausberg. Wir besprechen ausführlich den Paß, Räder und alles was dazugehört. Ein Fachmann. Es wird Zeit und der Regen beginnt.

a peyres1

Ganz selten kann ich in den zweiten Gang, endlos zieht sich der Paß am Hang entlang. Irgendwann endet das letzte Dorf, nicht aber der feine Regen. Ein Motorrad, das ich gestern schon mal sah, überholt mich. Wohnmobile überholen mich. Mit dem Regen sinkt auch ihre Zahl, man tröstet sich, wie man kann. Der Peyresourde ist hart.

a peyres2

Jetzt erkenne ich die Akazien, die bei jeder Tour-de-France-Übertragung so malerisch ins Bild kommen. Das Tal öffnet sich an dieser Stelle, drei Kilometer unter dem Paß, hier kann der Hubschrauber bestens das Fahrerfeld zeigen. Auf den kahlen Hängen der Berge grasen die Kühe, ich sehe sie als beige Punkte. Ein tiefer Schluck aus der Overstims Flasche. Leichter Minzgeschmack und ab in die letzten Serpentinen.

a peyres3

Auf der Höhe der eindrucksvolle Meilenstein.  Rechts nach Argelés zum Mittelmeer, links zum Atlantik.St jean de Luz der große Atlantik! Nun hinunter, in die Wärme, denn hier ist auch die Wetterscheide. Wunderbare, sehr geradlinigeAbfahrt. Snel fliegt.

Arreau, Vallée d’Aspe erreicht

Darauf ein Chimay bleue,wie immer Jahrgang 2016. Bananen, Nektarinen, eine Tomate. Schnell noch ins Café, ein wenig Zeitung, ein wenig Olympiade. Frankreich hat wieder eine Medaille gewonnen – wer Gold geholt hat, wird nicht erwähnt. Das Wetter wird diese nacht schlecht, morgen besser. Chimay und Nektarinen tun ihre Wirkung, der Café macht die Finger warm. Der Aspin wartet noch , – trocken, warm und sonnig.

a aspin1

Es ist der nicht nur der letzte Paß für heute sondern auch der Schönste. Fast am Ende des Städtchen geht es kurz links in ein Bachtal, nach einer zünftigen Eingangssteigung wird es angenehm flach, und bald geht es rechts aus dem Wäldchen hinaus über den Bach in den eigentlichen Anstieg, der sich in langgestreckten Serpentinen die rundliche Bergflanke hinaufarbeitet. Immer wieder Alleebäume, hier und da ein Hof und ein Blick voller Genugtuung zurück zum Peyresourde und die Regenfront über Luchon.

a aspin2

Vielleicht fällt er mir auch darum leichter, weil ich immer wieder den Ausblick von der Hangseite genieße wenn gerade kein Gegenverkehr ist.

Unter mir meine ich einen Fahrer erkannt zu haben, der mir eben noch entgegenkam, ein rosaner Fleck. Also weiter. Jetzt ist die Schulter des Bergs erreicht und es geht längs der Flanke schon mit der paßkerbe im Visier. Noch 4 oder so. Fürs Bergtrikot oben verspreche ich mir das letzte Stück Croustade, das mir aus Saint Girons bleibt. Zur Ehre des Tages beende ich den Paß auf dem 24 er Ritzel. a aspin 3

Das Gefühl, eine Bergetappe der Tour gefahren zu sein, (ohne jeden Wettbewerbsdruck) ist nicht nur sehr befriedigend. Es hilft auch, (besser) zu verstehen, was in den Köpfen der Rennfahrer vorgeht, die beim dritten Tagesanstieg vom Straßenrand aus biertrunken beschimpft werden, wo sie gerade versuchen, nicht ihren Job zu verlieren. Ich verzeihe nichts, legitimiere nichts, verurteile aber auch nichts. Einen Radsportprofi muß man vor sich selber schützen: er wird immer nach dem Strohalm greifen wollen, der ihm den Besenwagen erspart oder den Sieg verspricht. C’est tout.

 

Meinen Tageserfolg feiere ich mit einer Croustade die ich in Gegenwart von zwei Holländern verschlinge. Die Reste des Blätterteigs verstreue ich Richtung Aspe.

a aspin4

Dann kommt der rosane Fleck vorbei: er ist heute den Aspin von beiden Seiten gefahren.

Flott hinunter nach Ste Marie de Campan am Fuß des Tourmalets. Dort Abendessen und Frühstück besorgen, denn es ist 18 Uhr. Die Abfahrt – schöne, weite Serpentinen, Tannen erinnern jetzt kurz an einen Alpenhang. Dann der mythische Ort auf den die Socété du Tour de France eine ganze Gründungslegende baut.  b torumalet2

Fast 36 Stunden bin ich jetzt unterwegs. Ste Marie de Campan ist erreicht. Km 426, das ist mehr als ausreichend für den Brevet. Ich bin müde, aber schmerzfrei, also frei von akuten Schmerzen. Ein kleiner Sehnenschmerz links, Kniestiche rechts: das alles hat sich im lauf des Tages verflogen. Kein Druck im Schuh, keine Gefühllosigkeit, die Kombination funktioniert. Sehr viel hat sich hier seit 1975 wirklich nicht verändert. Kirche, Kneipe, Gemsichtwarenladen und zwei, drei Hotels.

b torumalet

Natürlich ausgebucht. Jetzt erstmal in den kleinen Supermarkt, mein Bauch ruft. Noch drei Stunden bis Sonnenuntergang.

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4 Antworten zu Raid Pyrénéen- der zweite Tag

  1. randonneurdidier schreibt:

    Das Rustique an der Apidura gefällt mir besonders gut. Dazu ein leckeres Stück Käse und ein Schlückchen Rotwein…

  2. crispsanders schreibt:

    Am Koga und dem Brooks prof paßte sie noch besser. Hier hätte ich den Expander (notwendig) beser an der Sattelstütze befestigt, damit die Ladung noch weniger schwankt. . Das sind natürlich Details, die bei jedem Rad anders gelöst werden müssen. Alles hat funktioniert, alles hat gehalten und die Leute vom TCR können das sicher noch besser bestätigen.
    Inzwischen gibtes auch einen franz. Hersteller, der fast baugleich ist.
    Diese Form ist ein echter Fortschritt.

  3. mark793 schreibt:

    Was hat es denn mit dieser „ozone“-Creme auf sich?

  4. crispsanders schreibt:

    Was es genau damit auf sich hat, kann ich nicht mehr sagen, denn die Kappe brach nahc dem zweiten öffnen, so daß ich das Zaubermittel Mund zu Mund in eine kleinere, gute deutsche Qualitätsökokosmetiktube pumpen mußte. Grob gesagt halte ich ozone für eine dünnflüssige Variante sogenannter Windelcremes. Ich (Vater 4er Kinder) habe da eine gewisse Erfahrung. Vielleicht mache ich eine Art technik- Anhang an den letzten Bericht. ….

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