Jenseits der Ceinture

Unterwegs mit Cendrars: ein Ausflug in den Westen Paris, weit vor unserer Zeit

Wenn man sich ans Ende des Jahres 1989 erinnert und dabei an Berlin, dann kennt man vielleicht noch die eigenartige Überraschung: daß dort  gleich nach der ehemaligen Staatsgrenze unmittelbar die reine Landschaft begann, grobe Pflasterstraßen führten durch stille Dörfer die seit 1945 in der Zeit eingefroren schienen. In Paris war das einmal ganz ähnlich.

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Den folgenden Bericht von Blaise Cendrars fand ich im Bildband „ La Banlieue de Paris“. Dieser erschien 1949 und war das erste Photobuch von Robert Doisneau, für das Blaise Cendrars den Text verfaßt hatte. B.C:: „Haben Sie mehr davon? dann machen wir doch ein Buch daraus..“ Das Buch begründete Doisneaus Karriere und ist ein kleiner Meilenstein seiner Gattung . Ein Stadtführer ist er außerdem. Stadtführer einer untergegangenen Stadt.

Im Abschnitt „West“ beschreibt Cendrars zunächst genau die Viertel, die ich gerade im lezten blog eintrag durchkreuzte und danach einen Radausflug hinaus:  ins Grüne.

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Ich gebe eine rudimentäre Übersetzung, (das Buch ist auf französisch erschienen) und verorte einmal die Stationen des  Textes  mit einer Vorkriegskarte von Paris, die ich dankenswert in einem Winkel des Internets fand . . ..ppssst: jetzt spricht Cendrars.:

Jeden Sonntagmorgen kann man in aller Frühe den Sonnenkönig auf dem Fahrrad sehen, wenn er sich in seinen Schrebergarten begibt. ….
DIE WESTLICHE BANLIEUE. DIE BANLIEUE DER REICHEN. MAN NENNT SIE AUCH DEN GRÜNEN GÜRTEL. Aber man vergißt die Arbeitslager von Renault in Billancourt und die Fabriken von Gennevilliers, Bois-Colombes, La Garenne, Courbevoie, Nanterre, Boulogne. Es ist der Produktionsbereich Autos und Flugzeuge, Hotchkiss, Citroen, Peugeot, La Licorne, Rosengart, der überbevölkerte  Gemeinden vergiftet, die sich zwischen Paris und das rechte Seineufer quetschen, Clichy, Levallois-Perret , Neuilly sur Seine und der am gegenüberliegenden Ufer eine ebenso hohe Bevölkerungsdichte gegenübersteht. Chenard&Walker, Hispano-Suiza und wieder La Licorne und wieder Peugeot, Aries, de Dion Bouton, Unic, Talbot, Blériot, Farman, Latil, Fiat, Mat-Ford, Saurer,

c-arbeitsraddie Insel Séguin mit ihrem glattrasierten, geizigen Profil des Generaldirektors des Unternehmens Renault, Herrn Widerlich, ein ewiges Getriebe und Gelärme  großer, randvollbeladener Laster mit 3 oder 5 Achsen, die  Tag und Nacht mit Vollgas im vorgegebenen Minutentakt der Ingenieure zwischen den Werken pendeln, so daß die Schulkinder nicht auf der Straße spielen können ohne die Gefahr , zu Matsch gerollt  zu werden, Kesselfabriken, Walzwerke, Autogenschweißanlagen, Montagewerke, Martinsöfen, Schmiedehammer, Reifenwerke, Vulkanisieranlagen, Ateliers für elektrisches  Zubehör, Karrosseriewerke, Tankanlagen, Erdölverarbeiter, Benzinlager, Garagen, die sich aneinanderreihen und den Reigen schließen, so, daß es einem gerade noch  gelingt sich hinauszuschlängeln zum Bois de Boulogne, den Parc von Saint Cloud, auf die Butte de Picardie

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(und dennoch: die Durchfahrt von Viroflay ist ein ganz schöner Flaschenhals und die berühmte „rote Kurve“ war lange der  Horror des vélocipédomanen!), oder der Umweg über Marnes la Coquette, die Straße der Kaiserin,  um zum Parc von Versailles (so ein Traum!) zu gelangen und dann muß man ein Auto besitzen oder hart in die Pedale treten denn der Weg ist weit und es gibt Steigungen und wirklich ländlich wird es erst jenseits davon. Auch die Schrebergärten (noch so ein Traum!) beginnen erst dort. Das ist ein guter Weg abseits der Königsstrecke , nicht um im Falle einer Revolution einen Fluchtweg zu haben, wie sich Reiche das vorstellen, sondern im Gegenteil :: um sich besser mit der Grande Banlieue vertraut zu machen, denn die Kontraste sind umwerfend und nur zwei Schritt vom Park Le Nôtres entfernt hinter dem  Trianon : in Rocquencourt  kehrt man zurück in das Reich der Lumpensammler, die Paris als  wandelnde Müllhaufen umkreisen,   an die Kopfstation der kleinen Bahnlinie, die den Dreck nach Mareuil-sur Mauldre bringt –  dem Zentrum der Gerbereien von Kaninchenfellen, (die in Luxuspelze verwandelt werden!) und einige wenige Zwischenstationen inmitten der unfruchtbaren Heidelandschaft  anfährt, auf der man über Kilometer alte Töpfe und leere Konservenbüchsen glänzen sehen kann , sowie weggeworfenen Hausrat und Emailletöpfe, die von dazwischen weidenden Schafen verschlungen zu werden scheinen, wie die rostigen Sprungfedern alter Betten,  die dichter wachsen als das Weidegras;

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und am anderen Ende des grünen Gürtels, zwischen St Germain en Laye und Maisons Laffitte, wenn man, nach einer guten Mahlzeit in Carrières sous Bois –  Spezialität des Hôtel de la Poste ist : das Omelett des Pfarrers-  dann  jenseits der Seine auf die Rieselfelder stößt , die sich von Cormeilles-en-Parisis und Argenteuil bis in die Nähe von  Vesinet und  Chatou  erstrecken und gegen Ende des Tages die Umgebung (herzhaft!)  parfumieren. Es stimmt ja, daß alles Grün aus Mist entspringt, doch hier handelt sich um menschlichen Aborte, die das schönste Gemüse und den prächtigsten Spargel gedeihen lassen.  Man muß sich seinen Teil denken. Man steckt in der Scheiße und an Regentagen schwimmt man drin. Wie in China.  . . .

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Die Banlieue Ouest entdeckte ich um 1900 in Begleitung meines Freundes Paul de Muralt, einem Schulkameraden aus dem Institut von Dr. Plüss in Neapel. Wir waren 12 und 13 jahre alt. Wir hatten Ferien. Wir wohnten bei  Mama in der Avenue Victor Hugo 29, und um unsere ersten Räder zu erproben,  nahmen wir natürlich den Weg über die Avenue Henri -Martin und den Stadtwald um den Grünen Gürtel in alle Richtungen zu durchkreuzen wie ich es beschrieben habe, von der Nationale 10 bis zur Straße der 40Sous, bis hin nach Rambouillet und Mantes-la Jolie. Unsere Räder hatten Flügel. Welche Freude! Wir gaben uns dem Geschwindigkeitsrausch hin und dem völlig neuen Gefühl, dem Überschwang,  in die Freiheit entlassen zu sein.

Wir verließen die großen Straßen um uns in Seitenwege zu stürzen und im Freilauf in enge, schattige Schluchten hinabzuschießen, deren felsige Hänge wir mühselig,  schwitzend unter gegenseitgen Anfeuerungen  erklommen, um dann Dörfer auf Plateaus zu erreichen, die uns ewig hoch vorkamen ;

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wir rasteten in den Dörfern auf dem Kirchplatz,  um in einer Kneipe zu Mittag zu essen, zusammen mit dem Schmied der Gegend, dem Briefträger oder einem Reisenden.

c-province  Wir galten damals als kleine Herren, denn damals war die ganze Gegend noch zutiefst bäuerlich. Paul de Muralt, der wagemutig und zerbrechlich war und bei der geringsten Gelegenheit entflammte, als habe er gewußt, daß er nicht lange zu leben hatte, verzauberte die Mädchen, jung Dinger,  denen wir in der Nähe der Obstplantagen begegneten oder am Waldsaum hinter einer Hecke, wo sie die Gänse hüteten;  sie waren nicht besonders widerspenstig  und nähten aus Stoffstücken  kleine vielfarbige Teppiche, auf die sie  mithilfe einer Blechschablone große Sterne aufstickten, deren Strahlen sie dann mit Scheren zerschnitten,  so daß,  wie Paul bemerkte, die Bettvorleger der Bauernhäuser dem molligen Geschlecht der Mädchen glichen – seltsam zerschnittenen Sternen, warm und wollig und gelblich, „wie Sesamkörner“ betonte er , was die Stickerin mehr erröten ließ als die  Küsse, die er ihr stahl und wenn er im Spiel rief: “Sesam öffne Dich“!  „Aber nein, ich heiße Susanne!“ sagte manchmal die Kleine, während sie ihren Rock glättete. „Das sage ich meiner Mutter“.

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Sanfte, unschuldige Spiele! . . .
Soweit der Chronist. Die Ausschnitte der Landkarte, die ich zwischen den Zeilen wiedergegeben habe, dürften den Zustand  den Cendrars beschreibt noch sehr genau wiedergeben. Der erste große Eingriff in die Landschaft im Westen von Paris war die Schaffung der „WestAutobahn“,  – der Autoroute de l’Ouest Richtung Chartres und  Normandie. Sehr bald waren erste Staus zu verzeichnen.  Heute wäre ein solcher Ausflug zu Rade unmöglich und die organisatoren von Paris Brest haben auch daher den Start weit vor die Tore der Stadt verlegt. . .

Dem  Fahrrad wurde kaum zehn Jahre nach Erscheinen der Cendrars/Doisneau Koproduktion vom Auto der Rang abgelaufen.
Es wurde die erste große Krise der Fahrradindustrie in Frankreich eine Krise, die geradewegs in unsere Zeit führt, die Zeit der Informationsgesellschft, der  Massenmobilität, der Staumeldungen und Feinstaubplaketten.
Dieser kleine Bericht ist eine gute Hilfe, nostalgische Regungen und den Retrokult unseres Jahrzehnts besser einzustufen; gestern kann nicht besser werden.  Das Verschwinden der industriellen Strukturen, die Cendrars beschreibt und Doisneau bebildert  ist ja nicht der Beginn eines postindustriellen Zeitalters. Die Industrien haben sich nur verlagert, und mit ihnen wurden auch die Lebensbedingungen „outsourced.“

c-arbeit2 Unser Gewinn ist eine (trotz Automobilverkehrs) deutlich geringere Belastung von Luft und Wasser und eine erheblich gestiegene Lebenserwartung. Der „Preis“ ist die Suburbanisierung  und das Pendlerdasein bei körperlicher Unterforderung. Eine subtilere Form Umweltverschmutzung , die im Gewand der ordentlichen Zivilisation daherkommt.

Ohne die Ausmaße der Suburbaniserung zu ahnen, sieht Cendrars schon Ende der 40er entsetzt den unbedingten Willen zur „villa“. Er berschreibt Menschen, die ihr ganzes Leben deformieren lassen  ( ihre Frauen und Kinder quälen) für einen am Ende zweifelhaften Traum, dem Häuschen im Grünen, an dem das Schild „Vorsicht bissiger Hund“ hängt.

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Man sieht diese Traumhäuser zuweilen noch , wenn man über die 8spurige Autobahn in den Großraum Paris eindringt,. Sie verbergen sich  zwischen Verkehrsdreiecken,  grenzen an  Gewerbeparks,  deren Parkplätze mit dem recyclierten Schutt ihrer ehemaligen Nachbarn grundiert sind, im Anflugkorridor von Orly, verloren unter einer riesigen Rampe, überwachsen,  wie die alte Rennstrecke von Linas-Montlhery . . . .

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Die Neuausgabe brachte Denel heraus, Unter ARD ist ein umfangreiches Archiv zu Robert Doisneau einsehbar.

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