Als Farbe in unser Leben kam

a4Lange schon nichts mehr von en 60ern gehört, wer wird sich dann noch um die 70er kümmern? Das waren die Jahre, in denen unser Leben butn wurde, das Jahrzehnt, in dem Stern und Spiegel auf Farboffset umrüsteten.

a9An ein Interview mit David Bailey erinnert, der Modephoto- Ikone der 60er. Nicht nur ein Mann der gut im Geschäft war, auch einer der wenigen, die als Filmfigur zum Symbol der Dekade  taugten. Blow up, der Antonioni Film, ist ein Stück dieses alten Jahrzehnts, das hoffentlich noch lange überdauert.

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Wenn Bailey vom Leben des Swinging London erzählt , das „vielleicht  für nur 2- oder 3000 Menschen existierte, den Übrigen ging es ebenso dreckig wie zuvor.“ wehrt sich „east-ender“ Bailey gegen eine Mystifizierung einer Generation und eines Jahrzehnts. Und mit dieser Mystifizierung sind wir inzwischen weit gekommen.  . . .

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Ein Jahrzehnt, das in unserer Erinnerung noch stärker durch den verzerrten Rückspiegel gesehen wird sind die 1970er. Das coolste und wirklich neue an den 70ern dürfte allein das Farbfernsehen gewesen sein, verbunden mit dem großen Erwachsenenspiel Olympia. Das ist meine erste große allgemeine Aufregung, das Eindringen einer neuen  und auch sichtbar besseren Welt in die letzten Winkel unserer Bundesrepublik.

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Die Grafiken von Otl Aicher, die lässigen Trainingsanzüge, ein Mittelding von Sport, Freiheit und vielleicht: Party. Ein Traum in Farbe, den auf einmal durchaus würdige Erwachsene trugen. Strahler 70 – das war der fast surreale name einer Zahnpasta deren Werbung nah an explicit lyrics ging – nur eben visuell.

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Nur die anorganische Struktur der 70er, die konkrete Welt der Städte und Vorstädte, war eben nicht ganz so. Mietskasernen waren (auf Wunsch der Bewohner) grau und rochen nach Krieg, die Kohlehaufen lagen vor dem Kellerfenster. Aldimärkte (keine Regale!) trugen den Ruch von Notkäufen,  Konservenstapel und Tütensuppe. Kränkliche Neonlampen leuchteten die Läden kaum bis in die Winkel aus, ebenerdige Paletten auf denen sich Kisten stapelten. Nur H-Milch, keine Kühltruhe, überhaupt alles leicht unfrisch wie weiches Graubrot in Plastiktüten. Margarine war billiger.

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Die meisten Autos in unseren Straßen ließen damals ihren Tacho bei 160 enden, was dann echte 140kmh waren, wie uns das Autoquartett bewies. Die gelben Sportwagen mit 240er Anzeigen kannte man nur vom Papier, wenn man nicht neben Auto Becker in Düsseldorf lebte. Es gab sie irgendwo, die lässigen, poppigen 70er und bald versuchte sich auch der kleine Fabrikant in der Provinz an ihrer Nachahmung. Aber das meiste geschah in Würde, bedächtig mit leicht hinkender Kriegserinnerung, die man  endlich endlich hinter sich lassen wollte. Die Wolle aus den Kleiderwerken war grob: überall hörte man von Lenor.

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Fabrikant, Zahnarzt, Architekt: deren Kinder dann – das waren die early adaptors. Mit ihnen kam etwas vom Farbfernseher und von Strahler 70 ins Leben, auch mehr Musik.

Für die anderen war mit 15 meist Ende und das Buch des Einzelhandelskaufmanns, des Schlosserlehrlings oder Schreiners mußte gelesen werden. Der Alb des Kriegs, (des immer Ungenannten) setzte sich fort in den Köpfen. 1945= 25, 1970=50, Männer in den besten Jahren.

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Der Plattenspieler, die eigene Musik, das war wohl der zweite Schlüssel, denn Alkohol gabs schon vorher, Zigaretten immer (hier sind 2 mark, hol mirmal ne Schachtel Astor), nur eben nicht in der Kombination mit RockuPopetc. Ist bekannt.

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Weniger bekannt inzwischen ist das, was auf der Straße und um die Ecke der Fall war. Rentner mit dem Stock.  Die Dunkelheit der Nacht. Die off limits der Städte: geschlossen oder – hier kommst Du nicht rein. Die Müdigkeit der Arbeiter, Schichtarbeiter, Kumpel, der KaEffZettMechaniker ohne eigene Werkstatt, die schwarz  dranhängten. Ein wenig Siegfried Lenz über den Gummiwerken, Ralf Rothmann in den Kokereisiedlungen, fortgesetzt im häuslichen Regiment.

Vielleicht faszinieren die 70er immer noch unsere Medien (und uns) , weil sie für einen bunten Anfang ihrer eigenen „Moderne“ stehen, eine Selbstdarstellung die weiterhin expandiert und munter fortfährt, ihre Ursprünge  zu recyclen;  eine konsumistische Moderne , die auch die  Verweigerung zur ökonomischen Geste werden lässt, Brechung  und  Negierung locker vereinnahmend …

Das macht die Dinge zwar nicht gerade übersichtlich, doch ein Unglück ist es eigentlich nicht.  So viel Potential liegt  brach und ich freue mich,  im Netz ein gigantisches Archiv zu haben, das erlaubt, Erinnerung  und Wirklichkeit abzugleichen,  die Festplatten sind groß genug – macnhe sehen das als Fluch, ich finde, die Geschichte hat uns ein großes Geschenk gemacht .

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Ich befinde mich übrigens im jahre 1978, bin 13 jahre alt und fahre auf einem Koga Miyata über die holländische Grenze, wo ich mich mit David Bailey und Jean Shrimpton auf ein paar Pommes mit Matjes treffen werde.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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