Adventsritt 3

Gegen 9 ist es endlich hell. Dann kann man den Himmel lesen. Nebel  im Tal, dicht wie eine Wand. Nullkommaneun Grad. Ich sehe hinauf zum Kirchurm und warte auf ein Zeichen von oben. Der Nebel bekommt Rauchfahnen, sie ziehn hoch. Er wird durchsichtiger und als das Grau eine Spur Blau zeigt ist es höchste Zeit.

a-anebel
Nach zehn Minuten bin ich 150m höher und die Sonne blendet mich. Links unter mir die weiße Watte im Flußtal – unter meinem Michelinreifen knistert es salzig. Die Bäume haben den Reif abgeworfen und  mein rotes Rad schwebt über dem weißen Teppich hinter mir : es ist der dritte Advent.

a-riding-hogh
Durch die tiefe Sonne sind Dörfer in der Ferne nur Schattenrisse, spitze Kirchtürme schlagen ihre Glocken zu meiner Fahrt.

a-dampfmist

In einer Waldecke sendet der Misthuafen Rauchzeichen. Und abwärts ins kühle Gelbachtal, dem verborgenen Zufluß der  Lahn. Kalte Dämpfe.

 

Das Wildschwein, das mitten im Dorf über die Straße galoppiert stößt Wolken aus, im Gegenlicht sehe ich die aufgestellten Haare – der Lieferwagen vor mir konnte noch rechtzeitig bremsen

b-jagde
Um die Ecke das Schild: Treibjagd. Männer in Leuchtwesten säumen als Wachtposten meine Strecke. : als  Irrläufer ,-   3 bis 4km dauert der Geleitschutz mit Gewehr im Anschlag. Schwarzkittel nennen sie das Tier, auf das sie es abgesehen haben.

a-arnstein
Als ich die Lahn bei Obernhof erreiche, schlägt es von Arnstein aus zu Mittag ins blaue. Die Weinhänge in praller Sonne, darüber der sogenannte Goethepunkt, ein Ausflugsziel, das ein listiger Pfarrer erfand, weil er sich einen Haltepunkt für die Lahntalbahn wünschte: Anschluß an die große Welt. Im Sommer brummt das Dörfchen.

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Mehr als zwei Stunden schon auf einem Rad, das nur 2x 5 Ritzel hat. Also richtig olde school (nicht uralt). Es verlangt mehr Konzentration, da die Unterschiede zwischen den Gängen bedeutend größer sind als beispielsweise zwischen 6 und 7 fach.  Die Abstufung untereinander sind dort erheblich sanfter, hier aber muß schon eine Umdrehungszahl von fast 100 gemacht werden, bevor man flüssig ein Ritzel kleiner (schwerer) schaltet. Am Ende schult es den Tritt, weil es keine „Zwischengänge“ gibt, man kann nicht halbschnell machen.

b-lahnetruen

Ganz auf den Rhythmus und das Summen von Kette und Reifen konzentriert, durchstoße ich  immer neue Turner Momente,  „fog pockets“, hier am Wasserwerk noch durchräuchert von Fisch .

a-lahnidyll

Wenn ich will, erhöhe ich das Tempo oder gehe am Hang länger aus dem Sattel  – die Sonne motiviert, der Körper versucht nicht, sich ständig zusammenzukauern.  Am Hang nach Holzappel rieche ich die Kiefernwurzel in der Sonne. Und Schuß ihr runden Räder!

a-nebeltal
In Diez hängt noch der Nebel in den Gassen, die Sonnenscheibe wird gegen 13h zum ersten mal für die Bewohner sichtbar.  Autos schleichen durch die alte Stadt, suchen Parkplätze für Weihnachtskäufe, auf zur zweiten Kirche…. a-koga-weihnachtetIch habe ein Weihnachtsmotiv gesucht und gehe es jetzt ausdrucken. Rossmann rüstet auf im Kampf der Drogistenketten . Der Fujidrucker übertrifft alles, was ich im Selfservice erlebte.  Digital ist definitiv besser.

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Die Barhocker an der Fototheke sind  bequem und  so widme ich mich der schweren neuen Zeitschrift die von der Abkürzung her “ Frequently Asked Questions“   heißt. Q steht für Quarterly wie einst bei der GQ, die den ungefähr gleichen Ton übte, das Bescheidwissen auf Magazinniveau. Kommt irgendwie nicht ganz in meinem Kopf an, was das Ding will. Autos ,Brillen, Uhren? Interviews sind immer noch das Beste an allem, :  10 Seiten von ca 300.

In die
Nachmittagssonne fürs letzte Drittel. Schöne, klare Stimmung, alle Nebel sind fort. An der ruhigen Lubentiusbrücke möchte ich länger bleiben.

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Dort oben öffneten sie neulich das Beinhaus, tausende säuberlich gestapelte Knochen die nun wissenschaftlich erforscht wurden. Die Menschen waren klein um 1200, Männer maßen unm die  1m60 und sie wurden nicht alt. Mit 50 wäre ich dann ein elder survivor der Grippeepidemien und Mangelkrankheiten, wohl auch des Hungers. Es hieß, der erste Friedhof mußte wegen der vielen neuen Pestopfer geräumt werden und dann im ossuarium komprimiert werden.

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Weiter hinten im Schatten sehe ich regelmäßige Streifen auf dem Wasser. Zwei Ruderer in einem gelben Boot gleiten langsam näher. Regelmäßig schlagen die Ruder einen neuen Streifen ins Wasser . An ein japanisches Kurzgedicht gedacht über das Leben und die Glätte des Wassers nach Vorüberziehen des Fischerboots. Diese Ruderer haben jeder nur ein Ruder, einer links einer rechts. Vielleicht ist das gar kein Rudern.  Paddeln? Aber das Boot ist ganz schmal und spitz und lautlos gleitet es unter mir hindurch. Weiter im Leben.

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Noch einmal zur vollen Sonne hinauf. Aus dem Lahntal auf die Hochebene, wo ich auf der Kuppe einem anderen Radfahrer begegne. Wir nennen und die Hügel rundum, von Taunus bis Westerwald und orientieren uns an den Windrädern. Der Limburger Dom als Schattenriß, die Autobahn als gleißendes Band.  Kurz bevor die Sonne wieder den Horizont berührt , stelle ich das Rad ab. Drinnen warten die Kerzen.

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8 Antworten zu Adventsritt 3

  1. randonneurdidier schreibt:

    sehr schön beschrieben, Du hast mich mitgenommen auf die Reise. Und die Fotos garnieren das ganze auf das Feinste.

  2. mark793 schreibt:

    Was mein Vorredner sagt. Zumal das eine oder andere Teilstück eigene Erinnerungen hervorkitzelt. So eine Zwei-Koga-Runde könnten wir jetzt farblich besser abgestimmt fahren als damals.

  3. crispsanders schreibt:

    durchaus, rotsilberner Ritter mit dem Aluminiumschwert. Freut mich, diese Gegend erkannt zu sehen. Beim Grafen von Catzenelnbogen! (ausgestorbenes Geschlecht).

    • mark793 schreibt:

      Das Gelbachtal hat sich mir natürlich besonders eingeprägt, aber auch das Stichwort Katzenelnbogen sagte mir noch was. War das nicht unterhalb der Laurenburg, wo wir an einem Bahnübergang warteten, bis das weißgrüne Regionalbähnlein vorbei ist?

  4. crispsanders schreibt:

    dort, mein Lieber, begannen Deine Qualen erst – nach der Bahn rechts geht es 7km hinauf durch das Rupbachtal. Der Lohn war ein guter Cappucino in diesem Fachwerk Café – welches sogar Werbung für einen gewissen brevet Film machte

    • mark793 schreibt:

      Ach, wirkliche Qualen waren das noch nicht, da hatte ich zuletzt aus dem Lahntal hoch Richtung Nentershausen (und auf dem allerletzten Anstieg nach Gackenbach) mehr gelitten. Zumindest in der Erinnerung. Und ja, voriges Jahr mit der Chemo im Blut hoch nach Wallmerod, da habe ich mich auch sehr gequält.

      Bist Du eigentlich mal zur Burg Nassau hochgefahren? Das war so ziemlich das steilste Stück, das ich in der Gegend gefunden habe.

  5. crispsanders schreibt:

    Burg Nassau: ein Desiderat. Ich werde mir die Sache aber im Archiv ansehen. Steilstücke gibt es in dieser Gegend genug – meide Sie!

    • mark793 schreibt:

      Keine Sorge, die Zeiten, in denen ich die hochprozentigen Herausforderungen aktiv gesucht habe, sind vorbei. Ich bedaure nur ein bisschen, dass ich den Fußgängerweg hoch nach Schloss Burg nicht probiert habe, solange ich noch die Chance hatte, es zu schaffen.

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