Adventsritt 3

Gegen 9 ist es endlich hell, dann kann man den Himmel lesen. Nebel ringsum, dicht wie eine Wand, nullkommaneun Grad. Ich sehe zum Kirchurm und warte auf ein Zeichen von oben. Aus Nebel werden Rauchfahnen; die ziehn höher, der Himmel wird durchsichtiger und als das Grau eine Spur Blau zeigt, ist es höchste Zeit.

a-anebel
Nach zehn Minuten schon 150m höher und die Sonne blendet. Links hinten die weiße Watte im Tal – unter den Michelinreifen „endurance“ knistert es salzig. Die Bäume haben Reif abgeworfen und mein rotes Rad schwebt tau-mattiert über dem weißen Teppich hinter mir : am dritten Advent 2016 eröffnen sich Möglichkeiten, an die ich vor einer Stunde nicht glaubte.

a-riding-hogh
In der tiefen Sonne sind Dörfer nur Schattenrisse, spitze Kirchtürme schlagen ihre Glocken zu meiner Fahrt. Die klare Luft trägt den Ton weit.

a-dampfmist

Vom Waldsaum sendet der Misthaufen Rauchzeichen. „Fumier“ heißt er deshalb auf Französisch. Und abwärts ins kühle Gelbachtal, dem gut verborgenen Zufluß der Lahn- 20km bis zur Mündung.  Kalte Dämpfe steigen aus dem Gelbach, der sich gelich neben mir schlängeln wird, bis er die Lahn erreicht

Das Wildschwein, das mitten über die Dorfstraße galoppiert stößt Wolken aus , im Gegenlicht sehe ich die aufgestellten Borsten – der Lieferwagen vor mir konnte noch rechtzeitig bremsen. Am Kriegerdenkmal springt die Sau in Deckung.

b-jagde
Um die Ecke das Schild: Treibjagd. Männer in Leuchtwesten säumen als Wachtposten meine Strecke. : als  Irrläufer ziehe ich vorüber ,-   3 bis 4km dauert der Geleitschutz mit Gewehr im Anschlag. Schwarzkittel nennen sie das Tier, auf das sie es abgesehen haben.

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Als ich die Lahn bei Obernhof erreiche, schlägt es vom Kloster Arnstein aus zu Mittag über das Tal.  Weinhänge in praller Sonne, darüber der sogenannte Goethepunkt, ein Ausflugsziel, das ein listiger Pfarrer kurzerhand erfand, weil er sich einen Haltepunkt für die Lahntalbahn wünschte: Anschluß an die große Welt. Goethe war hier! Im Sommer brummt das Dörfchen, mal sehen, ob es ein guter Jahrgang wird .

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Mehr als zwei Stunden jetzt auf einem Rad, das nur 2x 5 Ritzel hat. Also richtig olde-school (nicht uralt). Es verlangt mehr Konzentration, da die Unterschiede zwischen den Gängen bedeutend größer sind als beispielsweise von 6- zu  7fach. Die Abstufung untereinander sind da sanfter, hier aber muß schon eine Umdrehungszahl von fast 100 gemacht werden, bevor man flüssig ein Ritzel kleiner (schwerer) schaltet. Am Ende schult es den Tritt, weil es keine „Zwischengänge“ gibt, man kann nicht halbschnell machen.

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Ganz auf den Rhythmus und das Summen von Kette und Reifen konzentriert, durchstoße ich jetzt an der Lahn immer neue Turner Momente,  die „fog pockets“ halten sich länger, je enger das Tal;  hier am Wasserkraftwerk noch durchräuchert von Fisch, der in der Staustufe gezüchtet wird.

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Wenn ich will, erhöhe ich das Tempo oder gehe am Hang länger aus dem Sattel  – die Sonne motiviert, der Körper versucht nicht, sich ständig zusammenzukauern. Am Fuß der Laurenburg geht es in den Hang nach Holzappel, eine moderate, gleichmäßige Steigung von 3 km. Kiefernwurzeln strömen in der Sonne Duft aus. Oben!, –  und ab im Schuß ihr runden Räder!

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In Diez hängt noch der Nebel in den Gassen, die Sonnenscheibe wird um 13h zum ersten mal für die Bewohner sichtbar.  Autos schleichen durch die alte Stadt, suchen Parkplätze für Weihnachtskäufe, auf zur nächsten Kirche…. a-koga-weihnachtetIch habe ein Weihnachtsmotiv gesucht:hier ist es. Jetzt ausdrucken. Denn Rossmann rüstet auf im Kampf der Drogistenketten. Der Fujidrucker übertrifft alles, was ich im Selfservice erlebte. Digital ist definitiv besser, vor allem durch 6 Farben.

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Die Barhocker an der Fototheke sind  bequem und so widme ich mich während der Drucker läuft der schweren neuen Zeitschrift, die von der Abkürzung her “ Frequently Asked Questions“   heißt. Q steht für Quarterly wie einst bei der GQ, Vierteljahresheft für den Gentleman, die einst, im 20Jh. den ungefähr gleichen Ton übte – Bescheidwissen auf Magazinniveau. Eine Formel, die schon seit Ullstein imer neu erprobt wird. Teure Illustratoren, Edelfedern, oder eben der gedrechselte Stil, der eine neue Erhabenheit verkünden möchte. Dabei geht es um Autos, Anzüge, Uhren und Handtaschen.

Interviews sind immer noch das Beste an allem, : 10 Seiten von ca 300! Dick wie ein altes Telefonbuch. Sie sollten mal 20 Seiten zu einem Thema herstellen mit kluger, guter Information. Aber für wen? Für die gebildeten Stände. Zurück an die Luft.

In der Nachmittagssonne das letzte Drittel. Schöne, klare Stimmung, alle Nebel sind fort. Wieder zur Lahn und über den schönen neuen Holzsteg. Ganz Ruhe ist der Fluß mit dem Blick auf St. Lubentius. Schon eine Postkarte, fast 1000 Jahre alt. . .

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Dort oben öffneten sie neulich das Beinhaus, tausende säuberlich gestapelte Knochen die nun wissenschaftlich erforscht sind. Die Menschen waren klein um das Jahr 1200, Männer maßen an die  1m60 und sie wurden nicht alt. Mit 50 wäre ich dann ein elder survivor der Grippeepidemien und Mangelkrankheiten, wohl auch des Hungers. Es hieß, der erste Friedhof, dessen Gebeine man untersucht hat mußte wegen der vielen neuen Pestopfer im 14ten ahrhundert geräumt werden und wurde zum ossuarium komprimiert. Geblieben ist uns das ossuarium, den jüngeren Friedhof pflügten die Jahrhunderte um.

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Weiter hinten im Schatten sehe ich regelmäßige Streifen auf dem Wasser. Zwei Ruderer in einem gelben Boot gleiten langsam näher. Regelmäßig schlagen die Ruder einen neuen Streifen ins Wasser.

An ein japanisches Kurzgedicht gedacht über die Glätte des Wassers nach Vorüberziehen des Fischerboots. Diese Ruderer haben je ein Ruder, einer links einer rechts. Vielleicht ist das gar kein Rudern.  Paddeln? Aber das Boot ist ganz schmal und spitz und lautlos gleitet es unter mir hindurch. Ich weiß es wieder: ein Kanadier, die indianische Form.  Weiter im Leben.

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Noch einmal zur vollen Sonne hinauf. Aus dem Lahntal mir 28Z auf die Hochebene, wo ich auf der Kuppe einem anderen Radfahrer begegne. Gespräch in der späten Sonne.

Wir nennen uns die Hügel rundum, von Taunus bis Westerwald und orientieren uns an den Windrädern. Der Limburger Dom als Schattenriß, die Autobahn als gleißendes Band auf dem die Scheiben der Fahrzeuge endlos reflektieren.

Kurz bevor die Sonne wieder den Horizont berührt , stelle ich das Rad ab. Drinnen warten die Kerzen.

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8 Antworten zu Adventsritt 3

  1. randonneurdidier schreibt:

    sehr schön beschrieben, Du hast mich mitgenommen auf die Reise. Und die Fotos garnieren das ganze auf das Feinste.

  2. mark793 schreibt:

    Was mein Vorredner sagt. Zumal das eine oder andere Teilstück eigene Erinnerungen hervorkitzelt. So eine Zwei-Koga-Runde könnten wir jetzt farblich besser abgestimmt fahren als damals.

  3. crispsanders schreibt:

    durchaus, rotsilberner Ritter mit dem Aluminiumschwert. Freut mich, diese Gegend erkannt zu sehen. Beim Grafen von Catzenelnbogen! (ausgestorbenes Geschlecht).

    • mark793 schreibt:

      Das Gelbachtal hat sich mir natürlich besonders eingeprägt, aber auch das Stichwort Katzenelnbogen sagte mir noch was. War das nicht unterhalb der Laurenburg, wo wir an einem Bahnübergang warteten, bis das weißgrüne Regionalbähnlein vorbei ist?

  4. crispsanders schreibt:

    dort, mein Lieber, begannen Deine Qualen erst – nach der Bahn rechts geht es 7km hinauf durch das Rupbachtal. Der Lohn war ein guter Cappucino in diesem Fachwerk Café – welches sogar Werbung für einen gewissen brevet Film machte

    • mark793 schreibt:

      Ach, wirkliche Qualen waren das noch nicht, da hatte ich zuletzt aus dem Lahntal hoch Richtung Nentershausen (und auf dem allerletzten Anstieg nach Gackenbach) mehr gelitten. Zumindest in der Erinnerung. Und ja, voriges Jahr mit der Chemo im Blut hoch nach Wallmerod, da habe ich mich auch sehr gequält.

      Bist Du eigentlich mal zur Burg Nassau hochgefahren? Das war so ziemlich das steilste Stück, das ich in der Gegend gefunden habe.

  5. crispsanders schreibt:

    Burg Nassau: ein Desiderat. Ich werde mir die Sache aber im Archiv ansehen. Steilstücke gibt es in dieser Gegend genug – meide Sie!

    • mark793 schreibt:

      Keine Sorge, die Zeiten, in denen ich die hochprozentigen Herausforderungen aktiv gesucht habe, sind vorbei. Ich bedaure nur ein bisschen, dass ich den Fußgängerweg hoch nach Schloss Burg nicht probiert habe, solange ich noch die Chance hatte, es zu schaffen.

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