Advent #4 – eine CD verschenken!

Von der Schallplatte ( 33/min) gibt es jährlich neue Überlebensmeldungen. Irgendwo soll der Umsatz im Dezember höher als die Downloadraten einschlägiger Portale gewesen sein, die vor kurzem noch als the future of music inthronisiert wurden. Leben tote Götzen länger? Steht die Welt Kopf ?  a-biderstock-ellarIn Wetzlar gibt es jemand,der mir über die Zukunft  von Musik und Medien Klarheit verschaffen kann. Gelegenheit zu einem Adventsausflug.

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Zu Beginn der 90er  wurden Schallplatten und-Spieler wie verklapptes Treibgut auf die Flohmärkte geschwemmt. Die CD hatte die 10DM – Marke geknackt.  Schallplatten waren ein studentisches Einstiegsmedium. In Erwartung höherer Kaufkraft diente die abgelegte elterliche Musikgarderobe als Behelf und Zwischenstufe: ein todgeweihtes Medium, von Technolabels einmal abgesehen.

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Ich passiere gerade Merenberg , Heimat des Mikulski/Zyx Imperiums. In den 80ern besaß Bernhard Mikulski die Rechte der großen alten Jazzlabels Riverside und Prestige. Bis zu seinem Tod wurden die großen Alben unter anderem von Thelonious Monk hier in einem kleinen Preßwerk hergestellt.

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Einen Plattenspieler verschenken, zusammen mit einer Neupressung, ist inzwischen wieder  der Hit der letzten Saison. Was ist mit der CD? – ist sie der nächste Saurier? Der einst unumschränkte Herrscher des Musikplaneten wird immer unsichtbarer.

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Andererseits wurden Pferd und Automobil auch einmal als Konkurrenten gesehen. Langsam geht es aus den umjagten Forsten mit den vielen Sauen ins lichte Tal hinunter. Wetzlar:30km

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Es ist kühl und neblig – aber jenseits des Frosts.  Ein ganz schwacher Gegenwind aus Südost der mich daran hindert, Wetzlar schneller zu erreichen. Die Luft bleibt neblig, nichts kann die diesigen Massen heben, Umrisse verschwimmen, Farben gedämpfter noch als sonst in der Jahreszeit. Brücke  – Autos rauschen bunt unter mir hindurch.

a-total-jackpotNoch 10km: schnell mal nachtanken und fragen, ob der Jackpot schon geknackt ist. Weihnachten steht vor der Tür.   Der Fernseher läuft auf n-TV, während ich meinen Crema umrühre. Der Nachrichtenkanal zeigt eine Werbesendung über deutsche Rennfahrzeuge und das lavazza benannte Produkt ist nicht sehr empfehlenswert. Sobald der HD modus verlassen wird, sind die Bilder pixelig und das Auge versucht vergeblich, scharf zu sehen.

Weiter.

a-wetzlarmarktWetzlars Altstadt hat sich festlich  verkleidet. Dort hinter den Weihnachtsmarktständen warteten einst hunderte von Schallplatten und Audiogeräte auf mich. Jetzt hat sich ein Italiener eingemietet. Es brummt darinnen, Menschen drängeln. Die einen wollen hinein, die anderen hinaus.

a-wetzlarstudiohifi Eine Tür weiter empfängt mich mit einem gigantischen Bildschirm mein Medien-Orakel. Dieses Geschäft hat alle Tonträger überlebt. Mit der CD verschwand die Schallplatte, mit den Mediamärkten die CD und nun ist die Musik körperlos. Auf einem Podest klimpert ein kleines Tonmöbel, eine Art Riegel dessen Vorderseite mit Schaumstoff verkleidet ist, die oberseite glänzt weiß, was an ein technisch reduziertes Stück Schwarzwälder Kirsch erinnert. Ganz hübsch.

Ich lasse mich von der unverbindlichen Musik weiter in den Raum tragen, der mit Designstücken zum Thema Home Audio und Video gefüllt ist. Eine Sesselgruppe strömt etwas wohnzimmerliches aus, passend dazu Weinregale auf der anderen Seite des Geschäfts. Dazwischen zischt eine wunderbar glänzende Espressomaschine und ich höre über Zweikreis und Einkreis reden.

Dann führt mich der Inhaber anhand eines Tablets in die Welt des Streaming ein. Das kleine Tonmöbel wird vom internet aus mit Alben seiner Wahl gespeist; in CD Qualität strömen ihr (fast) alle Musikalben der letzten Jahrhunderte zu, gegen 9,99 Euro monatlich.

a-hifi-streamingKunden stoppen am titanischen Bildschirm, auf dem sich immer neue Skier die Piste hinabstürzen und gehen dann zu den Weinregalen. Der Inhaber vollführt mit dem Smartphone das Kunststück,  das Tonmöbel parallel zum Tablet zu befehligen. es funktioniert wie die gute alte Bibliothek, bei der ich mir Musik ausleihe, nur eben, daß ich sie damals auch kopieren konnte. Das, liebe Freunde des neuen Zeitalters ist nun nicht mehr notwendig. Tonträger zu besitzen ist in unserem Jahrhundert nicht erstrebenswert, sie nehmen nur den Platz an der Wand weg, die man für den 120kg bildschirm mit 2m Diagonale braucht. Zwei Meter.

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Es erinnert an Tafelbilder im hyperrealistischenStil, jedes Detail wird sichtbar: eine leuchtende Überwirklichkeit, die gleichzeitig völlig unwirklich anmutet . .

ich überlege:

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Natürlich kann ich meine Sammlung von 800 Silberlingen (ein beliebiger Wert) auf ca 600GB verlustfrei redigitalisieren und den Rest einem Händler schenken, der sich rühmt, ein neues Beschäftigungsmodell für Arbeitslose zu schaffen. Dann leiste man sich ein Tablet und dazu einige Abos und schon hat man „viel Platz“ gespart.   Aber die Lanze, die hier der klassischen CD gebrochen wird , ist keine Variante eines Retro Kultes, eher kühler  ökonomischer Digitalismus eines Musikliebhabers.

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Wetzlar ist eine alt-bürgerliche Stadt, die ich nun durchstreife. Sorgfältig restaurierte Fachwerkbauten, viel Privatbesitz. Ein gut besuchtes Idyll, ich kann mir mit dem Rad kaum einen Weg durch die vollen Gassen bahnen.

a-sparkaseErst am Ende des Wegs, dem Dom gleich gegenüber, hat sich die Deutsche Sparkassen-moderne breitmachen können. Das bekannte: Waschbetonquader, kupferig verspiegelte Fensterscheiben und düstere Massigkeit. Das war einmal die schöne neue Welt des Lebens und Arbeitens. Nur möchte heute dies niemand mehr hinter den schimmeligen Platten tun: der Bau wird abgerissen.

a-galerieEine letzte Abfahrt noch durch die verwinkelten Gassen mit ihren feinen Läden und schon hat mich die Funktionalität der Randstadt wieder.

a-geschaftsmodell-altLeaving this place slightly dazed and confused – Schnell hinaus, in zwei Stunden wird es dunkel.

a-schafherdeDraußen,    – dort, wo die Schäfer sind habe ich genug Zeit, über dies und das nachzudenken

Meine Sammlung von Schallplatten und CD ist ja keine Überfülle musikalischer Daten, die mir Albträume bereitet  sondern ein Korpus,  der nach und nach zusammengetragen wurde. Neugier, wachsende Erfahrung und die Suche nach Musik haben die sie entstehen lassen. Was mir im lauf der Zeit nicht mehr oder immer weniger zusagte wurde entsorgt und  Lücken aufgefüllt.Es ist meine kapitalisierte musikalische Erfahrung. Spolange ich sie sehe, anfasse, abspiele bleibt sie lebendig als kulturelles Kapital.

Gegen was dieses Kapital eintauschen? a-fuchs

Arno Schmidt bemerkte in vordigitaler Zeit, auch einem quasi professionellen Leser werde es unmöglich sein, mehr als nur einen Bruchteil der lohnenswerten Weltliteratur für sich zu erschließen. Musik zu konsumieren ist zwar ein wenig leichter, setzt aber ebenfalls  Zeit und  Aufmerksamkeit voraus. Was an großartigen Aufnahmen seit dem zweiten Weltkrieg erschienen und digitalisiert wurde, werde ich nie hören können.

Aber den Ausschnitt, der mich interessiert.

a-landskyDie interessanteste Option ist derzeit das Anlegen einer digitalen eigenen Bibliothek auch mit dem Saurier CD.  Der Gebrauchtmarkt im Internet wird immer größer, die Vielfalt ist enorm, der Träger altert nicht. Produktionen waren bis in die 90er jahre  sehr aufwendig und  die backlist-Schätze, die man so nie als Schallplatte gefunden hätte, wurden auf digitales Niveau gehoben. Eine goldene Zeit und viel billiger wird man ihren Sound nicht mehr bekommen.  . . .

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Ich durchstreife die Hügel, wintergrau und trübe, genau wie die Kugel des Wahrsagers von Wetzlar. Er ,der mit einem dutzend Boxen in Kühlschrankgröße begann hat jetzt mehrere dutzend Weine und Kaffemaschinen im Sortiment. Mit den Audio und Home Cinema Sachen ist er ans Ende gegangen, dort wo Design, convenience und Name das Geschäft machen. Meine CDs interessieren ihn weniger als seine Espressomaschine die Kaffeebohne. Noch leuchtet das kleine Rücklicht. a-sonndownerAm Ende gibt der Tag mir noch  einen Sonnenstrahl:  im Postkasten warten die nächsten Lieferungen der Pianistin Mitsouko Uchida. Sie wurde Mitte der 80er jahre zum Star der Philips BV. Ihre Mozart Sonaten hatte ich noch in vager Erinnnerung- my lost tapes!  und hörte noch jemand sagen, für Debussy sei sie auch ganz warm zu empfehlen.

Mittlerweile läuft die graue Kiste seit Stunden und läßt mich am wunderschönen Anschlag von Dame Uchida teilhaben. Alles über 30 jahre alt und doch unverändert wie das Antlitz Dorian Grays.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Advent #4 – eine CD verschenken!

  1. alex schreibt:

    Komisch, erst heute gedachte ich meiner Plattensammelung und dem dazugehörigen Abspielgerät. Sie warten immer noch gut verstaut im Schlafzimmer auf ihr Erwachen. Mystik & Traum oder Traum & Mystik.

  2. crispsanders schreibt:

    Das ist natürlich auch ein Generationen-Syndrom. Unsere schallplatten sind erlebte Geschichte, die Generation 90 kennt sie nur als freak-medium. Was ich versichern kann: Beim auspacken, anschließen und hören werden viele Gefühle und Erinnerungen wach. Mystische….

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