Am Bismarck vorbei zur Gummi-Insel

 

a34Es war der Tag an dem ich Bismarck verpaßt habe. Vielleicht erinnert sich ein treuer Leser an die unendliche Serie  der Turmfahrten. Guterbubi)   rief sie vor einigen Jahren ins Leben  und solange niemand die Türme in Deutsch Südwest angefahren hat, wird es immer noch einige standhafte und Uneroberte unter diesen Denkmälern des großen Lotsen geben. Heute jedenfalls blieb einer stehen.

Da sind andere Sorgen.  Die Sorge um die Form beispielsweise. Die haben jetzt viele Radsportler und die Gazetten der Mode und des guten Geschmacks sind voller moralischer Druckmittel, daran zu erinnern.  Es gibt einfache Wege zu einer Antwort:  Nehme eine bekannte Strecke und vergleiche.

a2Vor recht genau zwei  Jahren ( blogarchiv!) fuhr ich die Strecke Richtung Gießen schon einmal und sprang etwas kürzer, nämlich nur bis Wetzlar. Damals hatte ich ja auch nur den schönen Turm als Ziel.  Auch in Gießen steht ein solcher Turm und diesmal

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wollte ich mehr:  mehr Kilometer, mehr Literatur und mehr Frühling. Es ist mild an diesem 5ten März, besser kann es nicht sein. Die ersten Kraniche durchgezogen, die ersten Krokusse im Garten, die ersten Weidenkätzchen usw.

a4Runter vom Acker, stadtfein machen – ein Sonntagsrad nehmen. Eddy mit dem weißen Sattel trägt mich über die Wellen, die sanft über den südlichen Westerwald führen.

a7Der Feldberg ist in Sicht, mittelklar, der Wind kommt den Fahnen nach aus Nordost ; eine gute Prognose,  – so wird er mir den Rückweg versüßen.

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Schnell ist die erste Stunde herum, nun kommt das flache Lahntal, dessen Herausforderung darin besteht, sich zwischen Radweg, Fernradweg, Radwanderweg und Bundesstraße zu entscheiden . Heute, beim fünften Durchgang gelingt mir ein passabler mix, zu dem ich mir

a94beim “bonjour“  Espresso gratuliere. Der aber ist, trotz Wohlfühlambiente und Flachbildschirm keineswegs besser geworden .  Total Oberbiel werde ich von meiner Liste empfehlenswerter Raststätten streichen müssen, auch wenn sie in echtzeit über neue Ausfälle de Erdogan berichtet.

Die Anstiege liegen hinter mir,  ich bin gut warm geworden, keine Schmerzen, keine Kurzatmigkeit  –  Form sitmmt, ich kann Gedanken schweifen lassen. Nun im Dauertempo bis Wetzlar

a81Dort begegne ich der E-Generation der Bundespost. Das sind die neuen Modelle für den Sommer, sehen lustig aus. Hier wird die Vorstadt beliefert. Österreicher Straße, Breslauer Straße, lautlos gleitende Post. In der Sichtachse Industriegebiete.

Über die Lahn gesetzt und Wetzlar postindustriell gestreift. Die Ruinen der Buderuswerke heißen hier ductus dort  Bosch Thermotechnik.  Abrupt endet die Vergangenheit auf einer riesigen Kreuzung vorm  Einkaufszentrum.  Tausende sind unterwegs an diesem ersten Samstag im März. Sonne: etwas fahl, diffus, schon spürbar.

Dazu der Ticker der inneren Uhr, wenn Tage sich verlängern. Werden Roboter einen Biorhythmus entwickeln? Sich paaren wollen?

b5Mein Rhythmus stimmt, der kleine Obstriegel und ein Stück Mandelschokolade reichen. Der Radweg ? R8? mit seinen lustigen Winkelzügen erspart mir die winzigen Kuppen der Landstraße. Verstreute Fahrer, kleine Gruppen, Grüße aus Atzbach.

In der Ebene zeichnen sich die Alleen noch dunkel und blattlos ab vor dem matten Grün;  Heuchelheim.  Barocker Kirchhelm, dann Siedlungshäuser im Spalier – Grundrisse aus dem Vorkrieg;   Bushaltepunkte  mit Wartenden deuten auf die nahende Stadt, der geflickte Asphaltpatchwork  verrät die Finanzlage der Kommune. Ich jongliere zwischen den Teerschichten und Gullideckeln.

b4Gleich dahinter der vierspurige Zubringer, die Brückenunterführung, das Ortsschild

Halbzeit –  Gießen (hierzu : hessische-erstaufnahmeeinrichtung-fuer-fluechtlinge)  ist erreicht und beginnt mit einem Trödelmarkt. im Schrittempo balanciere ich durch die Stände, deren Waren ein wenig lustlos in der Sonne liegen. Ich höre eine Gitarre

a31-das ist der Moment, an dem ich den Bismarckturm vergessen habe.

Djangology  – und wenn Django vor diesem Wohnwagen säße  – würden sich Trauben von Menschen bilden? Mir fallen viele  Roma oder Sinti hier auf dem Platz auf. Hier beginnt  die  Gummi Insel . Diese Gemarkung  vor den Toren der Stadt (die am Gegenufer liegt) ist seit jeher das Areal des fahrenden Volkes, der Lumpensammler und Schrotthändler. Ein altes Zigeunerviertel vor den Toren der Stadt, in dem sogar noch manisch gesprochen Wird. Es sind die Mäckeser,  die sich verständigen über den Abfall dieser Welt.

http://manisch.pxwrk.de/#cat/alle/ Manisch ist ein rotwelsch, ein Mischdialekt , der in Gießen von den Menschen der Gummi –Insel gesprochen wird. Gummi-Insel bezeichnet das vom Stadtkern durch die Lahn abgeschiedene Areal , das den Gießener Gummiwerken vorgelagert war. Eine Siedlung winziger Klinkerbauten zeugt vom einst größten Gießener Arbeitgeber, den Poppe Gummiwerken. Insel bezeichnet im Grunde ein Arbeiterghetto und was daraus nach der Einschrumpfung der Gießener Gummiwerke wurde, kann man sich denken.  In kleineren Städten fallen solche Kontraste natürlich wegen der Überschaubarkeit sofort ins Auge.  Hier sind es  überfüllte Bushaltestellen,  umherziehnde Trupps von Einkäufern mit Plastiktüten und Handwagen, die von der nahen Stadt hin-und herströmen.

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Gießen behält das geographische Privileg ein Knotenpunkt zu sein. Waren es  im  Mittelalter die fahrende Händler und die Könige des Trödels,  so sind es  jetzt  Flüchtlinge, die sich Deutschland hier über die Erstaufnahmeeinrichtung erschließen. Sie sind die Kulturfolger eines mehr oder weniger diffundierten Proletariats. Und wenn nicht alles täuscht diffundiert seitdem auch eine gewisse Unsicherheit und Angst, die nichts anderes als die Folge der Unkenntnis ist.

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Die Fahrt und meine Entdeckung am Westrand von Gießen machen hungrig. Ich will Bürgerlich genießen und begebe mich in die Innenstadt, einem großen Denkmal der Nachkriegszeit.

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Ich weiß, wo ich meinen Burger suchen muß. . .

 

 

 

 

 

 

 

 

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12 Antworten zu Am Bismarck vorbei zur Gummi-Insel

  1. tinotoni67 schreibt:

    Welcher Burger ist es geworden?

  2. monnemer schreibt:

    „Technische Herbst-Laubschuhe“ gelesen und gestaunt, was es alles so gibt. Ist aber auch in der Originalbezeichnung erstaunlich.
    Ein Mohrenköpfle-Ferkel, der Weg nach Schwäbisch-Hall aber noch ein Stück.
    Solche Assoziationen habe ich des öfteren, wenn ich auf den Königstuhl hochfahre, den Weg über den Bierhelder Hof nehme und dort die Black-Angus-Rinder auf der Weide grasen…

  3. mark793 schreibt:

    Ach Gott ja, die Bismarckturm-Challenge. Ich habe die Beiträge beim Bubi immer gern gelesen, aber mein eigener Ehrgeiz, irgendwelche Türme als erster anzufahren, war doch recht limitiert, zumal der Kollege Prieditis mit seinem Wanderer-Rad hier in der Gegend schon das meiste abgegrast hatte.

  4. crispsanders schreibt:

    der Gießener Bismarckturm ist schon längst erobert. Da er aber so nah an der Strecke liegt, hätte ich das Stück natürlich gern persönlich begutachetet. Renovierung und so.
    In Süchteln steht noch ein unbenannter Bismarckturm, nah der A61. Der wäre doch locker drin? Wäre ein Überraschungscoup jedenfalls……………………………………………………

    • mark793 schreibt:

      Sollte der Kollege den tatsächlich ausgelassen haben? Ich kenne nur einen in Viersen, und den hat Prieditis schon abgehakt. Die nahegelegene Haltestelle heißt zwar Süchtelner Höhen, aber der Turm liegt zwischen Viersen und Dülken. Wenn es Süchteln noch einen geben sollte, müsste der sich gut versteckt haben, denn die ganzen Höhenzüge Richtung Hinsbecker Höhen kenne ich ziemlich gut.

  5. crispsanders schreibt:

    Dann wars der wohl doch. Aber fahr dorthin zurück, die Süchtelner Höhen sind gut für Dich, selbst wenn die Erstbesteigung an den WWanderer geht. Et.: Lobberich hat einen imposanten Dom und gute Bäckereien!

    • mark793 schreibt:

      Die romanische Doppelturmspitze von Lobberich ist mir natürlich ein vertrauter Anblick, die Süchtelner Höhen habe ich in den vergangenen Wintern oft angesteuert, wenn mir das Bergische zu viel Kletterei war und ich aber auch nicht nur völlig flach fahren wollte. Auch bei den ganzen Pommes-Runden nach Venlo komme ich da regelmäßig durch, egal, ob ich die stillgelegte Bahnstrecke nach Kaldenkirchen nehme oder den Weg am Krickenbecker See sind und am Segelflugplatz vorbei. Ich mag die Gegend sehr, die Fietsallee Nordkanal hat da auch schöne Teilabschnitte. Mal gucken, wenn morgen der wind aus West kommt, wäre das in der Tat eine Option.

  6. crispsanders schreibt:

    Er könnte aus Nordwest kommen und Du wirst nicht allein auf dem Rad sein. Eine silberne Gazelle, blau paspeliert, wird Richtung Taunus unterwegs sein . . . . . ,der gespendete Mavic Vorbau ist mein ganzer Stolz – Wie gut, daß französische Supermärkte den 7er Inbus in der fahrradabteilung anbieten, so konnte ich einen Monteur beeindrucken.
    Es grüßt, mit einer Teetasse in der Hand.

    • mark793 schreibt:

      Es freut mich zu hören, dass der Mavic-Vorbau einen würdigen Platz gefunden hat, und ich sehe einem ersten Fahrbericht schon gespannt entgegen.

      Wind kommt heute wohl aus Südost, dann geht es eher in die Hügel rund um Erkrath.

  7. crispsanders schreibt:

    ich darf bestätigen: er kam aus Südost und der würdige Vorbau hat gehalten – so auch der Rest. Rekon Modus

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