Ludwigshafen mon amour

alu01Sie hatten mich von der Schnellstraße gehupt und an der dritten Ausfahrt hinter Worms verließ ich den Randstreifender schönen B9  :rechts ab. Eine Brücke überquerte den vierspurigen Highway, auf dem heute nur alle zwei Minuten ein Auto vorbeikam. Ein Samstagmittag. Die Schnellstraße, eigentlich eine Pendlerbahn zwischen Worms und Ludwigshafen, lag in der Sonne und jetzt fuhr ich auf einem Feldweg neben ihr her.

alu03Ludwigshafen, von dem  Metallschornsteine der BASF -Refraktoren sichtbar wurden und einige Hochhäuser, kam auf mich zu. Diesmal würde ich die Sonne nehmen, die genau vor mir am blauen Himmel stand, um mich in diesem endlosen Dorf zu orientieren. Es war jedes Jahr dasselbe.

alu4In Mainz tauschte ich an der „ontherun“ Esso die Wintermütze gegen eine Kappe und die Winterhandschuhe gegen leichtere. Meine Finger tasteten gierig nach der Vollkornkruste des Eiersahnegurkebaguettes.  Der Cappucino war groß, der erste Teil der Reise nach Schwaben geschafft.

alu1Es war der letzte Tag vor der Zeitumstellung und die Sonne ging gerade auf, so um kurz nach 6 . Es war frisch, aber nicht zu sehr und der Horizont hatte einen rosanen Rand.

alu0Kondensstreifen am Himmel schienen vertikal aufzusteigen und ihre Muster wirkten wie ein fehlgeschlagener nordkoreanischer Raketenversuch. Der Wind war noch schwach und ich wußte, er würde von Ost kommen.  und das war gut , denn damit wurde dieses Wochenende zum Gegenteil vom vorigen: gleißend hell, trocken und frisch.  . . .

alu04Nun stand ich also an der Esso, wo sie noch versuchten, die Wintersachen loszuschlagen . Alles fein gelaufen im nebentaunus , der lockere Teil der Reise nach Schwaben konnte beginnen. Immer am Rhein lang, so ungefähr 70 Kilometer senkrecht nach Süden bis Speyer.

Ich fuhr ganz ohne Karte oder Navigation und tatsächlich: immer wenn ich dachte da kommt doch  gleich eine Abzweigung  erkannte ich eine Wegmarke wieder, die mein Hirn auf den letzten drei Fahrten abgespeichert haben mußte.

alu5Die Weinberge zogen vorbei, der Rhein glitzerte ab und zu an meiner Seite. Der Wind stand gut und machte mir die Sache leicht. In einer Ortschaft stauten sich die Autos, Blaulichter blinken und auf einmal kam mir ein ganzer Konvoi kleiner Jeeps entgegen. Für einen paramilitärischen Verein wird die Straße gesperrt?

alu6Es war eine kleine Gedenkveranstaltung und weil der Radweg direkt am Rhein vorbeiführte hielt ich an der Balustrade.

alu7Männer mit unendlich viel Orden an der Brust standen herum. Ein paar alte Knacker wurden aus einem Jeep gehievt. Vielleicht waren sie die letzten, die den Rheinübergang an dieser Stelle erlebt hatten . Genau 72 jahre war das heute her und ein 18 Jähriger GI wäre dann  mittlerweile 90. Für s 75 jährige jubiläum könnte es mit den Überlebenden knapp werden.

alu8Während  ich sehe, wie langsam alle ihre Postion einnehmen, die Kameras,  die Lokalpolitiker und die echten und falschen amerikanischen Soldaten wird mir klar, daß nur 14 Tage nach der Überquerung sich der Wahnsinnige im Bunker das Licht ausknipst. Und dann alle noch fast einen Monat mit dem totalen Irrsinn weitermachen.

alu9Auf den Feldern blühen die ersten Obstbäume . Das weiße Band des Randstreifens läßt die Reifen noch leichter laufen. Ich fahre geradewegs durch Worms zu fahren, soweit das eben geht. Es geht leidlich. Vom Dom ahne ich nur einen rosanen Schatten. Als ich die kleine Stadt verlasse, leuchtet links neben mir  blauer Kunstrasen beinahe elektrisch in der Sonne. In der 6ten minute führt die Mainzer Hockeymannschaft mit 2 zu0 gegen die Wormser Juniorinnen . . .

alu02Und dann bin ich wohlin Ludwisghafen. Zumindest glaube ich das. Hier sind die mächtigen Pfeiler der Autobahnbrücke aus den gleichen rosanen Quadern wie die Dome von Worms und Speyer und dann ein Lagerhaus der BASF. Ich muß also dort sein. Da ich auf einem Radwanderweg bin kann ich Gleichgesinnte  nach der Gartenstadt fragen. Wir sind glich in Oppau sagt die nette Dame und die Gartenstadt sei ja nun ganz am anderen Ende der Stadt. Ihre Stimme sagt mir, daß die Gartenstadt weit weg ist, so gut wie auf einem anderen Planeten .

Die Glocke schlägt 12 über dem Kriegerdenkmal und die Bushaltestelle weiß, daß ich in   . . LU –  EdigHeim bin.

alu11Also noch alles in grün. Die Straßen sind klein, es gibt hier und da noch Traktoren in den Einfahrten. Gleichzeitig sehe ich immer wieder Anlagen der chemischen Produktion. Sie muß über die ganze Stadt verteilt sein, die eigentlich keine Stadt ist sondern eine Summe von Epizentren. Eine Summe kleiner Dörfer mit kleinen Straßen , die irgendwann resorbiert wurden . Kreuzungen und Wohnanlagen, über denen ein eigenartiger Duft liegt.

alu12Ich folge der Sonne und versuche , irgendwie Kurs Südost zu halten. Dann sehe entfernt ich zwei drei Scheibenhochhäuser, und es beginnt wieder verstärkt zu riechen. Instinktiv folge ich jetzt einer alten Platanenallee an Kleingärten vorbei, dann einen Grüngürtel, hinter dem ich Mietshäuser schimmern sehe. Friesenheim stand da….

alu13Diese länglichen, dreistöckigen Mietshäuser  abgewandelt auch für Kasernnen gebaut. Die Wurzel der Bundesrepublik,  das alte Land der Produktion.

alu14Der grüne Parkstreifen geht über Kilometer. Immer wiedfer das Zeichen der BASF. Dann ein Heizkraftwerk, davor ein Megamarkt  namens Dogan.

Ich versuchs irgendwie  mit der Sonne, aber die Hauptverkehrsachsen lassen das nicht mehr zu.  Wieder eine Ausfallstraße mit Straßenbahnschienen, eine Autobahnbrücke nein zwei, die über endlos viele Bahngleise führt.  Ein Absperrgitter, die Silhouette eines alten Hochbunkers. Die Falle hat zugeschnappt. Ludwigshafen, die Stadt der Hochbunker hat mich eingeschlossen.

alu15Aber dann habe ich den Bunker von Maudach wiedererkannt, bin drunterweg und dann klammerte ich mich wieder an meine Erinnerung. Der Alptraum endete in Waldsee, wo der beliebte Espresso wartete. In zehn Minuten war es vergessen. alu16

Es ist toll hier auf dem Lande und ich genieße den espresso im stuckverzierten Interieur. Die Dame des Hauses spendiert mir Mineralwasser in die Flasche. Tische aus dunklem Marmor, ich könnte bleiben  und ihnen zusehen, wie immer nue Gäste sich das erste Eis des Jahres aussuchen………weiter !

alu92

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7 Antworten zu Ludwigshafen mon amour

  1. monnemer schreibt:

    Falls es tröstet: Eine die mentale Gesundheit nicht gefährdende Durchquerung dieser Stadt mit dem Fahrrad ohne mich zu verirren habe ich in über 5 Lebensjahrzehnten noch nicht hinbekommen. Ich versuche das auch gar nicht mehr. Für das richtige Armageddon-Feeling hätten Sie den Rhein auf der Autobahnbrücke überqueren müssen, links und rechts des Radwegs je 2 Spuren der A6 – 1000m Horror.
    Bringt aber ansonsten auch nichts. Wenn Sie als Ortsunkundiger Mannheim von Nord nach Süd durchqueren, steht hier dann ein ähnlicher Blogeintrag. Was angesichts des aktuellen 200-Jahre-Fahrrad-Täräääs hier ziemlich peinlich ist. Eigentlich Zeit genug, eine halbwegs vernünftige Transitmöglichkeit hinzubekommen.
    Ich habe es da etwas besser, in Mannheim-Neckarau auf die Fähre nach Altrip und dann bei bester Laune in dieser wirklich empfehlenswerten Eisdiele eintreffen (oder schon in Altrip Eis und Espresso, da gibt es etwas ähnlich Gutes).

  2. crispsanders schreibt:

    Mannheim, die Wiege des Automobils . . . man muß seinem Ruf schon treu bleiben. Klar ist es ein Trost, wenn selbst ein Einheimischer an der Topographie scheitert.Danke dafür!
    Was mich vielleicht mehr befremdet als mein privater kleiner Verkehrsärger, der ja auch für Abwechslung sorgt, ist das Weichbild einer solchen Stadt wie Ludwigshafen.
    Sie gleicht der alten Bundesrepublik auch insofern, als es irgendwie eine Größe ohne rechte Form ist. Genau darüber hatte man sich auch in der KohlÄra mokiert: zum Riesen mit winzigen Kirchtürmlein geworden. Heute entdeckt man das unvollendete: der Versuch eines Radwegs, der Versuch eines Autobahnrings usw. Sie werden nie vollendet werden, weil sich allmählich die Produktionsverhältnisse ändern -meine ich. Nicht plötzlich,sondern ganz allmählich. Die ersten Abgaben (Zwangssteuern) zum Aufrechterhalt des Straßennetzes kommen im nächsten jahr und die motorisierten Kilometer nehmen nach wie vor zu. . . .
    Was aber eine Entscheidung der Automobilisten ist, genauso wie es meine Entscheidung ist, ein rotes Koga Miyata zu bevorzugen . . .

    • mark793 schreibt:

      Ja, die sich ändernden Verhältnisse und das Stückwerk. Wie ich hörte, soll die Ludwigshafener Hochstraße abgerissen werden. Hier in Düsseldorf gab es ja tatsächlich Proteste von Nostalgikern, die ein vergleichbares Betonungetüm namens Tausendfüßler gern im Stadtbild erhalten hätten. Ich muss sagen, mir fehlt nichts ohne dieses Monster, und ich bin gespannt, was LU aus der Chance macht. Aber so ganz ohne nostalgische Wehmut blicke ich nicht zurück: Um die Tortenschachtel ist es schon schade, finde ich.

      • monnemer schreibt:

        Ja, die Tortenschachtel. Auch so ein prototypisches Bauwerk der alten Bundesrepublik. Für die Stadt Ludwigshafen zählte die wohl nicht zum Tafelsilber, schade drum.
        Der Abriß der Hochstraße, der wohl 2019 beginnen soll, ist für mich die viel spannendere städteplanerische Aufgabe, als der Umgang mit den Konversionsflächen in Mannheim.
        Da taucht vielleicht etwas aus den Staubwolken auf, das das angesprochene Weichbild der Stadt deutlich verändert. Der Oggersheimer wird’s vielleicht noch erleben.

  3. crispsanders schreibt:

    Bei Tortenschachtel muß ich passen, bin wohl um einiges zuspät vorgedrungen. Hochtrassen waren so eine Fantasie der Sachbücher, müssten heute sechsspurig sein. In berlin die Joachim Tiburtius Brücke gibt es noch, mit integrierten Parkplätzen rechts und links. Steglitz. Die einstmaligen Fantasien der grenzenlosen Mobilität ungefähr so wie die Träume vom demokratischen internet.

    • mark793 schreibt:

      Die Tortenschachtel war ursprünglich eine kreisrunde Kaufhof-Filiale mit eigener Straßenbahn-Haltestelle, in den 50er Jahren ein geradezu avantgardistisches Ensemble. Die Hochstraßen waren in den 60er Jahren gewissermaßen ein visionärer Vorgriff auf die metropolitane Zukunft, in der die Autos durch die Häuserschluchten fliegen, und in diesem Sinne war Ludwigshafen dmals viel mehr auf der Höhe der Zeit als die benachbarte Quadratestadt oder gar Heidelberg mit seiner Butzenscheiben-Romantik.

  4. crispsanders schreibt:

    Aufklärung-Reaktion-Moderne : unser Deutsches Spannungsdreieck. Dank für die Archive visionärer Architektur. Vielleicht baut Gehry den nächsten mediamarkt vor den Toren der Satdt?

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