Fünfmal Primavera

DSCF0211Vielleicht sind es auch nur viermal gewesen, ich bin jetzt zu faul nachzuzählen.  Die Fahrt ins Weinland ist immer der erste längere Frühlingsritt, so um die 250km . Bei den ersten Sonnenstrahlen gehts los und später am Nachmittag ist man da  – je nach Wind Wetter und Fahrfehlern – aber nie ist es gleich. heute das kirschrote koga unter kirschblüten!

bro1Zugvögeln wird nicht langweilig , Kilometer sind Kilometer. Und irgendwas geht ja immer schief oder leicht schief. Die Wetterprognose vorher ist fast das kniffligste, sie bestimmt, wieviel Packlast aufs Rad muß, die Jacke mehr (oder weniger) , usw. .  alles tun für ein gutes Gefühl im Sattel

alu91Samstags fahren , weil so ein wichtiges Problem unterwegs leichter gelöst wird: was gibts zu essen? Gutes Essen (schnell)  finden ist nämlich nie leicht, aber wenn klar ist, daß südlich von Mainz eine Esso wartet , die ordentliche Baguette macht, sind das eben fast hundert Kilometer ohne Sorgen . Denn der Kalorienspeicher hält nur drei Stunden vor (maximal) . Wenn das Rad sich gut anfühlt, nichts zwickt und dann gleich von Beginn an Sonne scheint ist es fast zu schön. Eine zeitlang.

bro3Nach einer Stunde schwebt man sowieso in seiner eigenen kleinen Zeitkapsel dahin. Du siehst die anderen gähnend aus ihren Autos steigen; Leute, die hoffen, daß die Schlange beim Bäcker nicht zu lang ist.  Du nimmst ihr Hupen wahr, wenn das Morgenlicht den Rhein unter Dir kitzelt. Aber es interessiert  nicht wirklich – es ist Samstag und wer jetzt hektisch wird , hat wohl  im Baumarkt den verbilligten Hochdruckreiniger verpaßt.

bro2Was Dich interessiert sind die neuen Farben an den Bäumen, die Träume in Weiß an den Sträuchern,  Zeichen, das es höher und weiter geht. Du siehst den Bauern im Weinberg zu und sie sehen zurück, grüßt Eltern, die sich vor den Kinderanhänger gespannt haben: ihre erste Fahrt ins Grüne. ein Gefühl von Freiheit, das man teilen kann.

Beim Italiener wird die Flasche gefüllt, einfach so: „das brauchen Sie“, sagt die Dame des Hauses und gießt fast einen Liter Mineralwasser ein. Menschen spüren,  wenn sie jemand eine Freude machen.  Eine Kerze stiften.

bro5Für die ersten Primavera Fahrten mußte stundenlang mit  die Route geplant und dann alles auf eine Pappe geschrieben werden, um mir die völlig unbekannten Orte zu merken. Jetzt grüße ich Kirchtürme schon wie alte Bekannte. Das ist ein gewisser Unterschied zu Brevets, die oft mit Blick auf das Navi gefahren werden, unterwegs im nirgendwo.  Der Weg kommt mir umso kürzer vor, ein schöner Gewinn und eine Methode die ich nur empfehlen kann.  Nur eine Stadt gibt mir noch Rätsel auf.

Aber das ist eine andere Geschichte, und ich werde sie jedes Jahr aufs neue erzählen.

bro6Das dicke Ende kommt zum Schluß, auch wenn die Sonne unablässig scheint und schon die Vögel singen. Davon wird Gegenwind nicht angenehmer. Der Pegel sinkt , aber d-markt hat kein isotonisches mehr. Dann eben eure Zitronenlimo.  An die Reserven: das Putenbaguette aus Mainz hinten aus der Rückentasche. Jeder Biß ist ein Genuß. Vor den letzten Hügeln ein uraltes Powergel ausdrücken. Die Kraft kommt langsam wieder und die Erinnerung auch. Man vergißt  schnell, wie schlecht es einem ging an gewissen Abschnitten; schlechter als heute, viel viel schlechter.

bro80zum Schluß  die Strecken von damals. Die alte 40km Runde, die mir einst  lang vorkam. Und abenteuerlich schwer! Nur noch 10km,  nur noch 3 km, der Weinberg ist da.

bro8Ich erkenne meine alte Nachbarin beim Schneiden der Reben. So macht sie es von Kind an. Wir schwätzen in der Sonne. Bei ihr holte ich jede Woche die Eier auf der Treppe, sie standen bereit und es wurde in eine Sparbüxe eingezahlt. . „Jo,  des sie mich noch kennt hän!“

Auf die Leut kommts an.

April in Paris, chestnuts and blossoms . . .  this is a feeling no-one can ever reprise.

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Eine Antwort zu Fünfmal Primavera

  1. mark793 schreibt:

    Was Dich interessiert sind die neuen Farben an den Bäumen, die Träume in Weiß an den Sträuchern, Zeichen, das es höher und weiter geht.

    Genau darin liegt die hohe Kunst, immer wieder gefahrenen Strecken etwas abzugewinnen. Oder wie schon Heraklit sagte, man steigt nie zweimal in den gleichen Fluss.

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