For every mistake, we must surely be learning (while my guitar…)

Gießen. –  Geographischer Mittelpunkt . Rundkurs Osthessen, 400km. Jedenfalls theoretisch eine schöne Tour, die am 21.4  um 21h begonnen hatte. Jetzt schreiben wir den 22 April 2017 und es ist 8h30 –  kaum 60km von Gießen entfernt.

a91name: .  .  Lauterbach: dies ist die Letzte in der kleinen Reihe von Tankstellen. Die junge Dame bat mich, mein Geld für den Kaffeeautomaten genau abzuzählen. Der Becher wärmt meine Hände in dieser äußersten Ecke einer Shell . Mein Zug nach Gießen kommt in einer halben Stunde. Die Minuten wollen nicht vergehen.

Ein älterer Herr mit Kappe „Deutschland 2006“, leicht schuppig. Ächzend setzt er sein Übergewicht auf den Hocker neben mir. Dann grapscht er nach der Bild- zeitung vor meiner Nase. Ungefragt eilt die junge Dame herbei und drückt auf die Pumpe einer riesigen Kaffeekanne hinter der Theke. Der Mann nickt und sie reicht ihm Milch und Zucker.  Eine Tankstelle als zwei -Klassen Gesellschaft, das ist mal neu.

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Der Bildschirm der Lottogesellschaft springt um und bestätigt, was ich bereits gefühlt habe.  Dann blendet er wieder diverse Fußball „Nachrichten“ powered bei Bild..de ein. Namen von Spielern die ich nicht kenne. Und ich erinnere mich  – vier stunden früher:

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Km 159 Nicht weit von uns rauscht die Autobahn, vielleicht die A7. Unser Glück, denn durch die umliegenden Spielhallen und 24h Restaurants finden wir die Tankstelle offen: wir können eintreten. Zum ersten mal seit Mitternacht kann ich mich aufwärmen. Eine warme Bockwurst ist auch noch übrig. Ich senfe ausgiebeig und schaue auf die pinken Fingernägel an den dicken Fingern meiner Tischnachbarin.

Sie leistet ihrer Freundin bei der Nachtschicht Gesellschaft. Ihr Smartphone ist rosa. „Ey jetzt antwortet der schon, wo ich noch die SMS schreibe..-  -typisch Mann!“ Meine Mitfahrer meiden die Wärme und warten mit ihren Broten draußen. ich beeile mich – gleich geht es in den stockfinsteren Knüllwald. Deutschland schaltet ab. Kaum 2 Stunden zuvor:

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Km 124 – in Hessisch-Lichtenau hatten wir weniger Glück. Es wird am Nachtschalter bedient, die karten des 400er Brevets wie Reisepässe durch die Luke geschoben.  Die letzten drei warmen Bockwürste hat das Spitzentrio verzehrt, das sich gerade wieder auf die Räder macht. Hessisch Lichtenau ist der nördlichste Punkt der Fahrt. Auf den Straßen ist Salz gestreut, wir sehen es an den feinen weißen Linien, die unsere Mitfahrer auf den Asphalt neben die dicken Lasterspuren gesetzt haben.

Ein Schinken-Käse Croissant,  mittelfrisch, hat eine Periode aufkommender Übelkeit für mich beendet. Seit Homberg an der Efze, , dessen dunkles Fachwerk ich allzugern am Tag bewundert hätte, kämpft mein Magen mit mir und ich mit ihm. Dazu völlig durchgeschwitzt – der Preis für hundert allzuschnell gehetzte Kilometer. Alles schmeckt nach Salz. Wo bin ich? Hessisch-Lichtenau. Drei Stunden zuvor –  km 70:

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Kontrolle1 – Die tiefergegelegten Kleinwagen und alten Muscle Cars stehen am Rande der Tankstelle. Rauchschwaden strömen aus göffneten Scheiben, während die Autos im Leerlauf blubbern. Eben noch haben sie Nachschub geholt. Hartes und weiches, klares und dunkles. Das Mädchen an der Kasse bedient schweigend, Blickkontakt  nur wenn nötig und neben ihr sitzt ein schöner kleiner Jagdhund auf einer Decke.

a2Mit den schnellsten fünf bin ich eingetroffen; kaum aus Gießen heraus ging es ab wie auf einer RTF, nur etwas schneller. Es gibt ein Spitzentrio, das sich ablöst. Manchmal prescht einer vor und sieht sich um. Werde aus meinem Navi nicht mehr schlau und konzentriere mich auf das nächstbeste Vorderrad. Wir schießen durch Dörfer und ich sehe am Ritzel, daß es 2 Zähne zuwenig  sind; das ist ein Fehler, auch wenn er weniger als 70km andauert. Zuviel ist zuviel und 400 die Gesamtlänge von diesem  Brevet .

Und so fing es an:a1Die Temperaturen sind angenehm, es ist leicht bewölkt an diesem Freitagabend. Die Sonne ist gerade untergegangen. Dem Liegeradler fafnir wird für den gpsies Track (s.o.) im Chor gedankt…… schon bei leichtem Tritt wird uns warm, alle sind hier guter Dinge.

………………………..

Aber das ist lange her und nun um 5h30 ist mir kalt, die Umrisse des Knüllwalds liegen im ersten Morgengrauen hinter uns ;  das Lied der Eule – mit Strophe und Wiederholung, so, wie ich es nich nie gehört habe. das Grunzen eines Wildschweins, von den scharfen Lichtkegeln unserer LEDs erschrocken. Einmal rieche ich wilde Kirschblüten. Es ist mein Abschied von diesem Brevet.

DSCF1268Kurz vor dieser Kreuzung gebe ich meinen Mitfahrern bescheid mit der Bitte, den Abbruch den netten Veranstaltern mitzuteilen. Dann biege ich nach Westen auf die Landstraße ab, die mich irgendwie Gießen näher bringen soll.  a8Das ist die B62 nach Alsfeld. ich folge ihr schon über 20km gegen Wind und Nieselregen. ich zähle soviele Autos wie Finger an meinem Handschuh. Keine Plakate, keine Tankstellen, keine Supermärkte. An der Hügelkuppe sind es noch 6km bis zum schönsten Rathaus Deutschlands.  Irgendetwas erinnert streckenweise an einen Staat namens DDR. a7Statt in Alsfeld lande ich in Lauterbach, falsch abgebogen.Müde und fröstelnd truere ich dem verfehlten motiv nach…

Architektur: den Bahnhof habe ich noch nicht vorgestellt. Ich fasse mich kurz, über die Zukunft der Deutschen Bahn entscheiden andere. a9

Deutschland, ich bin in Deiner Mitte angekommen und Du bietest mir ein letztes Souvenir an. In der nikotinbraunen Wartehalle eines ansonsten dem Leerstand preisgegebenen Gebäudes (erwähnte ich die DDR?) empfängt die Kleinstadt den Besucher mit ihren Attraktionen.

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Ich will fort aus L. und das hier lasse ich besser mal stehen. In der Weltstadt Gießen warten Bücher und handgeschnitzelte Pommes Frites. Bis zum nächsten Jahr, 400er: we must surely be learning.

 

 

 

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4 Antworten zu For every mistake, we must surely be learning (while my guitar…)

  1. randonneurdidier schreibt:

    Lieber Christoph, Du bist zwar nicht im Ziel eingelaufen, dafür hast Du aber einer ganz wunderbaren Bericht auf`s Papier gebracht. Selten war ich so „drin“ und dabei. Danke dafür. Darf ich Deinen Bericht verlinken?

    all the best

    Dietmar

  2. crispsanders schreibt:

    Immerzu Dietmar und vielen Dank!

  3. Ulrich S. schreibt:

    Es ist natürlich immer sehr schade, wenn man eine Fahrt frühzeitig beenden muss. Kälte und Nässe sind aber definitiv absolute Motivationskiller. Hätte es am Wochenende auch in Berlin schon den 400er gegeben, ich bin mir nicht sicher, ob ich ins Ziel gekommen wäre.

    Wie Dietmar aber schon schrieb: Toller Schreibstil! So flott liest man gerne!

    Beste Grüße

  4. crispsanders schreibt:

    Danke fürs kompliment. Kälte und Nässe sind es nicht allein gewesen. Die Wahl zwischen 2 Stunden Regen oder 10 Stunden Quälerei durch eine an diesem Tag doch eher trostlose Provinz fiel zu leicht. Zudem es durch kulinarisch rückständiges Gebiet ging. Ich bin da leider sehr verwöhnt.

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