Zurück in den Eiskeller II – Fléche 2017 ff

Zu Zeiten der Besatzungsmächte gab es in Deutschland off limits. Das waren Gaststätten  und andere Vergnügungsbetriebe, zu denen nur Alliierte Zutritt hatten. Darin gab es dann zu Spottpreisen all die schönen Cocktails und seltenen Brände , von denen man so träumte. Es lag ein bisschen vor meiner Zeit, aber so ähnlich fühlt es sich heute an, wenn man nach Mitternacht an einer Tankstelle hält.

a04Wir sind in Allendorf City – Hessen –   eingerollt. Hier gibt es eine Shelltankstelle. In dieser Tankstelle steht ein blondes Mädchen, wie in einem Aquarium. Das Mädchen sieht uns nicht. Es ist hinter Panzerglas eingeschlossen – wir wollen ihre Befreier sein, doch sie bewegt sich nicht. Fremder, nimm Dich in Acht.

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Irgendwann ist eine ferne Stimme zu hören: „Sie müssen reden“. Sie ist hinter dem Nachtschalter gefangen: Kaffeebestellung für 1dreißig  und wir erhalten eine üble Jauche Brühe, die immerhin warm ist. Die Brötchentheke ist leergefegt. Du hast hier nicht die Wahl, Fremder.

Wir sind in Stadtallendorf und ratlos.  Thomas, unserem vierten Mann, zieht es die Atmung wegen Heuschnupfen zu. In der klaren Nacht werden die Pollen nicht mehr abgefangen, die Luft ist zu trocken der Körper bildet keine Barriere mehr.

Hier: die  Hauptstraße, eine hunderte Meter lange Lichtoase nach dem Dunkel der Felder. Die Saloons sind geöffnet Ein Café reiht sich ans nächste, kühle Neonbeleuchtung und der markante Duft von Shisha Pfeifen. Vor dem Glücksspielpalast Royal gegenüber stehen Taxen Schlange. Männer auf den Gehsteigen.  Stadtallendorf: Eine Gießerei macht in  Bremsscheiben und Ferrero  produziert hier die bekannte Piemont Kirsche. Es gibt eine Moschee, eine evangelische und eine katholische Gemeinde – nach dem Krieg ein melting pot (Flüchtlingsstadt) dazu später Bundeswehrgarnison wo vorher TNT produziert wurde.  a23Team Deutsches Eck, hier Falko T.,  rüstet zur Weiterfahrt. Die Abholung von Thomas ist geklärt. Es ist bitter, der Faden ist wieder dünner geworden. Ein Torhaus im Wald ist das letzte Relikt der Garnisonsstadt, dann verschluckt die Nacht uns wieder. Ziel: Rotenburg an der Fulda. Dort gibt es eine Shell Tanke, Diese Shell Tanke soll offen sein und voller Delikatessen . . .

Wir sind jetzt zu Dritt, die minimale Teilnehmerzahl für eine Wertung unserer Flèche. Die Voltarentabletten aus Hochheim i. Ts helfen, Ralf rollt weiter. Weiter und weiter.

Bei Homberg Efze haben wir die Bundesstraße verlassen und zum ersten mal setze ich den kleinsten Gang  – 26 – ein. In der Nacht scheint die Steigung kein Ende zu nehmen. Vor mir nur Ralfs Rücklicht, nicht überall gibt es die reflektierenden Baken. Voltaren Tabletten müssen ein fabelhaftes Zeug sein.  Noch 25km bis in dieses Rotenburg, wo es auch eine Tankstelle geben soll.

Etwas rauscht – es ist die A7, die Lampionketten der Autos unter uns wirkt wie eine Prozession  von Leuchtfischen in einem unsichtbaren Fluß. Dann hat die kalte Leere uns wieder. Ich ziehe mir die Mütze nochmal über die Ohren und die Halskrause hoch. Es ist dunkel, die kleine Mondsichel ist schon lange verschwunden.

a nachtDas Fuldatal ist erreicht und das hat Kraft gekostet. Bei Lichte besehen sind es keine übermenschlichen Steigungen , aber Zeit und Kälte essen Kraft auf. Der Hunger kommt und das Fuldatal bietet wenig. Ich greife auf meine Datteln aus der Lenkertasche zurück, die Trinkflsachen sind eiskalt, aber nicht gefroren, es ist noch genug Salz drin. Wir halten zusammen, der Rhythmus ist gleich, wir verfahren uns kaum  (geht schneller als man denkt) und machen so unsere Kilometer im dunkeln. Das Wort kalt macht die Runde.

Es ist die Phase, in der der Körper auf Autopilot geht. Das Gehirn vermeidet die Sinnfrage, die Beine halten den Rhythmus, die Augen suchen im dunkeln nach Abwechslung und folgen den Lichtkegeln dieser herrlichen LED Lampen. Und alle denken an die hell leuchtende Tankstelle, die bald kommen muß.

 

Das Leben draußen beginnt wieder: dreimal hat uns jetzt der extralange Sprinter mit 120  überholt, der in den Dörfern  ZeitungsStapel  deponiert; es war knapp, aber er hat uns nicht erwischt.

Rotenburg an der Fulda ist nur ein Nachtschalter. Als wir mit den grünen Brevetkarten winken, müssen wir dem jungen Mann erklären, was wir da machen. Er erbarmt sich, für jeden eine Bockwurst aufzuwärmen. In seinen warmen, lichtdurchfluteten Palast lässt er uns nicht ein. Vor der geschlossenen Schiebetür ist mir etwas wärmer, als zwischen den Zapfsäulen. Falko schenkt mir aus seinen Vorräten ein letztes Schinkenbrot,  wunderbar geräuchert und nachgesalzen. Diesmal schmeckt der Kaffee, aber lange bleibt er nicht warm. Als wir Richtung Bebra aufbrechen friere ich mehr denn je: Der Magen entzieht Händen und  Füßen das Blut, das er für die Verdauung braucht. Keine Zehen, keine Finger. Aber eine singende Feldlerche. The lark!

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Das erste Morgenlicht kommt gegen 5 , die Vögel beginnen bei Minus 3° ihr Konzert. Es ist Frühling  und das Schild „hier war Deutschland . . . “ liegt hinter uns. Es war schon nicht schön festzustellen, daß mit dem Gepäck das Raleigh kaum freihändig zu fahren ist, – Schwerpunkt? – so wars unmöglich, die Finger warm zu bekommen. Schlimmer noch  die Minuten, als das Blut wieder einfloß. Eine Kneifzange pro Finger. Plötzlich : wohlige Wärme allüber, während draußen Reif die Felder ziert. Beginnin to see the light so. oder so .

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Und irgendwann ist sie da, die neue Sonne. Einen zähen Höhenkamm haben wir direkt genommen, dann durchs Werratal, an der Wattebergen des Nebels und den Halden der Kali und Salz vorbei: Immer weiter rollen die beiden vor mir in den neuen Tag hinein, auf die letzte Kontrolle zu.

a badsalzgUnd dort stehen Räder aus Karlsruhe, ihre Reiter machen ebenfalls hier die letzte, die 7uhr Kontrolle. Frisch wie der junge Tag.

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Zweimal heißen Kakao für mich: nur noch einen Schritt (27km) vom Ziel entfernt. Zweimal quälen wir uns dafür noch in die Höhe:und die letzten Kilometer gehören Ralf.

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dem Helden dieser Fahrt .  Hier weiß er noch nicht, daß in seiner Schulter die Bänder gerissen sind.

Am Ziel sitzt Claus Czycholl, der elder Statesman aller Randonneure , nimmt persönlich unsere Karten in Empfang und stempelt sie. Proof of the Pudding. DSCF1637Dann gibts die Medaille. Ich bin satt, satt, satt.

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Aber da kommen gut gelaunte Jungs aus Berlin. Der vorderste, Florian, zieht einen roten Flachmann heraus und wir stoßen an. Den Geschmack dieses kleinen Schluck Glenxxxdie werde ich so bald nicht vergessen.

Wir rollen zum Treffpunkt, den Eisenacher Motoren Werken.  Danke an Alle!!!!!!

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6 Antworten zu Zurück in den Eiskeller II – Fléche 2017 ff

  1. randonneurdidier schreibt:

    harte Jungs! Aber ist es nicht gerade das, dieses Erleben von Erschöpfung, Schmerz, und dann wiederkehrenden Kräften… It was the nightingdale and not the larke… Und schön, dass ihr die Berliner Jungs – die kernigsten unserer Truppe, auch noch gesichtet habt.

  2. crispsanders schreibt:

    man spricht von Dir Dietmar, man spricht von Dir – und nicht nur Schlechtes . . . das Meerglas kannte ich je bereits und damit war die Gruppe ja bestens eingeführt.
    Danke für Deine Empfehlungen –
    man muß sich immer wieder vergegenwärtigen, daß nachher die guten Dinge erinnert werden – und davon gab es genug. ! Richtig kalt aber sollte den Freizeitkapitänen von „mannemer dreck“ geworden sein. Die Rhön Höhenroute geht über 800m

  3. Andy schreibt:

    Gruß von der Berliner Schnapsfraktion. Zumindest wir konnten unsere Tankstellendame nachts doch noch erweichen uns in den warmen Palast einzulassen 🙂
    Ein paar Bilder von uns:
    https://www.dropbox.com/sh/ww7t1syh4lndnud/AAC6NXm-00D2qTYI4aEXvCHYa?dl=0

    Gruß,
    Andy

    • crispsanders schreibt:

      Gruß zurück Jongens! Ihr wißt halt, wie man die einsame Tankstellenfee erlöst .
      Vielen Dank für die Bilder: sehr gut, besonders die stimmungsvollen Ortsdurchfahrten. Irgendwann müssen euch zwei Begleiter abhanden gekommen sein – oder habe ich mich verzählt?
      So long Christoph

      • Andy schreibt:

        Hi Christoph, hast Recht. Ein Freund hat uns nur ein Stück mit raus begleitet und der fünfte Mann musste leider bei Halle aussteigen

  4. crispsanders schreibt:

    …manchmal kriegst Du den Bären, manchmal kriegt der Bär Dich . . . . .

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