Der Mann, der den Himmel entdeckte

„…above us only sky…“ (aus einem volkslied)

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Der Himmel ist in der Malerei über Jahrhunderte ein zweitrangiges Motiv. Wolken und Wetter waren bis ins 19Jh entweder Hintergrund (passend) oder Allegorie. Drama und Erlösung sowie göttliche Vorsehung ließen sich bestens in Form von Wolken , Blitz oder königlichem Azur darstellen.

Nur Holländer machten als erste eine kleine Ausnahme indem sie Städtchen, Polder und die See zur Erbauung malten. Es war aber der Sohn eines englischen Müllers, der den Himmel selbst in den Mittelpunkt der Malerei stellen sollte. Um 1820 begann er damit.

b edisIch bin auf dem Weg nach Wetzlar. Die Luft ist mild und warm, seit gestern dem 13. Mai ist der Kuckuck zu hören. Dier ersten Wellen liegen hinter mir und ohne lange „stockings“ fühlt sich alles müheloser an.  Hinter dem Örtchen Barig – Selbenhausen  entschließe ich mich zu einem kleinen aber steilen Umweg, der ins nächste führt. b arigselbenhausen

Vom Straßenrand grüßen die letzten Apfelblüten, die Bienen sollten sich beeilen.  Dann geht es hinunter nach Probbach. Ein unerwartetes Schild bremst meine Fahrt. Es führt an einen märchenhaften Ort .

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Wo einst der Knappe das Pferd an den  Bach führte, halte ich nun meine (leider einzige) Trinkflasche an den achteckig eingefaßten Brunnen. Der Geschmack dem anderer Sauerbrunnen ähnlich: stark, prickelnd und angenehm.

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Das Kleingedruckte kann die milde Strontiumnote nicht wiedergeben, noch weniger den Unterschied von frei gelöstem Kohlendioxid zum derben Biß des herkömmlich zugesetzten Co2 . Der Ausguß ist rostrot,  genau wie in Rückershausen oder Zollhaus, 20 km Luftlinie von hier.  Einmalig.  Weiter ziehe ich  die Landstraße hinab zur Lahn nach Wetzlar. Im Tal ein Hauch von Regenschauer – hinter mir.

Guter Wind. Fast mühelos erreiche ich die Altstadt, in dessen Fachwerk sich die Cafés so wohlfühlen. Zunächst fahre ich aber die Backstube an und bekomme die letzten zwei Belegten beinahe geschenkt. Danach ist hier Feierabend.

In diesem Fachwerk wird noch selbst gebacken.

Die Altstadtmeile ist gut besucht, langsam schiebe ich mein <Edi Strobl> die abschüssige Straße hinunter auf der Suche nach einem Café meines Geschmacks. Man ist doch ungeheuer verwöhnt. Dreimal Eis und 4 mal Café auf 200m. Heute wird ein Landtag gewählt, Frankreich hat einen neuen Präsidenten.  Ruhig sitzen Ehepaare vor ihrem Gedeck.

W:“Was sollen wir also machen?“

E:“Gar nichts. Das ist klüger.“

W:“Warten wir ab, was er uns sagen wird.“

E:“Wer?“

W:“Godot.“

Meine Wahl:  das ilsapore, auch weil in diesen Räumen einmal altes Hifi und viele Schallplatten zu finden waren. Der Publikumsverkehr an diesem Samstag zeigt, daß Italienisches immer geht.

Ich sehe hinaus auf den Markt mit den vielen Tischen, prüfe die Wolken, die sich immer wieder verdunkeln. Für alle Fälle wartet in meiner Rückentasche die leichte weiße Regenhaut. Himmel. Wolken. Der einzige Ort, an dem etwas geschieht ist der Himmel.

Die Landstraße hat mich wieder und dort nutze ich  geschickt den Windschatten der Lamborghinis und Porsche, die auf dem Weg zur Autobahn sind. Die Stauampel steht auf grün.

„Aber sie sind grün,“ sagte John Constable , als er auf die Farbe der Wiesen angesprochen wurde, „warum sollte ich sie nicht auch grün malen?“… Die frisch aufgeschossenen Weizenhalme flirren durchsichtig in der Sonne. Junges Laub glitzert und die Lahn spiegelt den Himmel.

Und er entdeckte den Himmel . Das Leben der Wolken malen, in unzähligen Studien die flüchtigen Konstellationen festhalten. Er nannte es skying. Das machten um 1820nicht viele und Constables Skizzen in Öl Wasserfarbe erschienen  Zeitgenossen grob und unfertig.

Wetzlar liegt weit hinter mir, jeder Anstieg enthüllt eine neue Luftskulptur über frischem Grün. Das Glück der Landstraße im Mai.

Himmelsstudien: Was die Zeitgenossen als Mangel an handwerklich sauberer Ausführung empfanden, ziert heute  Keksdosen und feines Porzellan . Bilder mit Heuwagen, Kirchtürmen und Schleusenwärtern gelten uns als Idyll ohne engen Realitätsbezug  –    das täuscht, denn zu Lebzeiten Constables stehen Dampfmaschinen erst am Anfang ihrer Geschichte und das Leben auf dem Lande ist hart.

Was unser Urteil verzerrt, sind 200 Jahre Malerei nach Constable, dessen sichtbarer! Pinselstrich oder pastoser Auftrag die malerische Technik entfesselt und der mit Chromgelb  und Smaragdgrün gerade erst erfundene Farben verwendet . Constable wertet als erster die ursprüngliche Plein Air-Fassung,  den direkte Eindruck  – der anderen Malern nur als Skizze dient – als das eigentliche Werk. Für ihn liegt im ersten Wurf die eigentliche  Aussage.

Heute fänden wir an Constables  Himmel sicher  Kondensstreifen  – und vielleicht einen Radfahrer im Vordergrund, der vor dem Unwetter flieht……

(sicher heimgekehrt am 14.5.17)

 

 

 

 

 

 

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4 Antworten zu Der Mann, der den Himmel entdeckte

  1. randonneurdidier schreibt:

    sehr schön! Und Dank für den Hinweis auf Constable. Hier zur Themenergänzung ein Gedicht von Goethe, der auch ein großer Wolkenkenner war.

    http://bib.gfz-potsdam.de/pub/schule/goethe/startgoe1.htm

    Wolkenbildung

    Stratus

    Wenn von dem stillen Wasserspiegel-Plan
    Ein Nebel hebt den flachen Teppich an,
    Der Mond, dem Wallen des Erscheins vereint,
    Als ein Gespenst Gespenster bildend scheint,
    Dann sind wir alle, das gestehn wir nur,
    Erquickt‘, erfreute Kinder, o Natur!
    Dann hebt sichs wohl am Berge, sammelnd breit,
    An Streife Streifen, so umdüsterts weit
    Die Mittelhöhe, beidem gleich geneigt,
    Obs fallend wässert oder luftig steigt.

    Cumulus

    Und wenn darauf zu höhrer Atmosphäre
    Der tüchtige Gehalt berufen wäre,
    Steht Wolke hoch, zum herrlichsten geballt,
    Verkündet, festgebildet, Machtgewalt,
    Und, was ihr fürchtet und auch wohl erlebt,
    Wie’s oben drohet, so es unten bebt.

    Cirrus

    Doch immer höher steigt der edle Drang!
    Erlösung ist ein himmlisch leichter Zwang.
    Ein Aufgehäuftes, flockig löst sichs auf,
    Wie Schäflein tripplend, leicht gekämmt zuhauf.
    So fließt zuletzt, was unten leicht entstand,
    Dem Vater oben still in Schoß und Hand.

    Nimbus

    Nun laßt auch niederwärts, durch Erdgewalt
    Herabgezogen, was sich hoch geballt,
    In Donnerwettern wütend sich ergehn,
    Heerscharen gleich entrollen und verwehn! –
    Der Erde tätig leidendes Geschick!
    Doch mit dem Bilde hebet euren Blick.-
    Die Rede geht herab, denn sie beschreibt;
    Der Geist will aufwärts, wo er ewig bleibt.

    Johann Wolfgang von Goethe, 1822

  2. crispsanders schreibt:

    Historisch informierte ergänzung!
    Danke dafür, alter Wolkenspieker.

  3. bikesnob28hb schreibt:

    Ich musste spontan an diese hier denken, da nimmt der Himmel mehr als die Hälfte der Leinwand ein:

    https://de.wikipedia.org/wiki/Ansicht_von_Delft

  4. crispsanders schreibt:

    Der Delfter ist hochgeschätzt. hatte eine Vorliebe für ruhiges, sonniges Wetter, Streiflichter und andere Raffinements. Mit Constable kommt Bewegung in den Himmel, davon haben viele Generationen nach ihm profitiert.

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