Der Rhein ist eine alte Postkarte

b remagenpost

Heute ist Vatertag, heute geht es runter an den Rhein. Remagen liegt um die 70km entfernt und der Tag ist himmelblau. Ich nehme das rotweiße Strobl und folge den letzten Kuppen des Westerwalds.

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Vatertags (auch Himmelfahrt genannt) ist an deutschen Tankstellen einiges los. Wer es dort nicht auf ein Bier abgesehen hat, wird  Erfolg haben.  Mich zieht es heute an den großen Strom zu Radsport Schauff. Aus logistischen Gründen hatte Schauff sen.  seine Produktion von Fahrrädern nach Remagen verlegt. Die Nähe zum Rhein, die Nähe zur Eisenbahnlinie und auch der Krieg waren 1940 ausschlaggebend.

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Schon die letzte Fahrt am Rhein entlang war mit gewissen Hindernissen gespickt , heute kam eines dazu: die goldene Meile hat einen neuen Eigentümer und der hat seine Domäne eingezäunt wie einst die Amerikaner dort ihr Gefangenenlager. Es bleibt dabei : am Rhein  „Strecke machen“ geht mit der subgenialen Verkehrtführung nicht. Doch zum Glück

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geht es dann durch liebliche Niederungen zur  Ahrmündung weiter. Die Baumart oben hatte fast keine Blätter ausgetrieben – was es wohl war?

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Ein Kurzer  Blick auf Linz ( gegegnüber)  erfrischt das Herz. Eisenbahnfreunde, Binnenschifffahrtsfreunde und Wasserfreunde kommen auf ihre Kosten – träge versorgt die Ahr den Rhein hier mit (frischem) Wasser aus der Eifel. Gleich wird sich die Fähre ins Bild schieben.

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Postkarten lügen nicht. Nur die Wirklichkeit von 2017 ist eine andere als die von 1965, die Line der vernunft hat sich verschoben. ..

a rhenus2 Vatertage sind zu 2Rad Tagen geworden. Fast zu extrem, wenn alle Väter auf einen Schlag serviert werden. Allein:  bis hin zur Massenmotorisierung und dem jetzt omnipräsenten Ebike, das locker dem Wind trotzt war es ein langer Weg.

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Dies ist ein Schaltwerk. Man muß sich mit Rädern nicht sonderlich auskennen, um das zu sehen. Was man allerdings nicht sofort sieht, ist das Herstellungsdatum: ca 1938 oder ein Jahr später. Der  Jahrgang meines Vaters. Das Schaltwerk an seinem Falter Sportrad sah kaum anders aus, und wenn ich heute an meinem Strobl hinuntersehe . .. gibt es doch deutliche Ähnlichkeiten Aber dies hier gehört zum ältesten Rad in der Sammlung von Jan Schauff, Sohn des Gründers der Fahrradfabrik.

Das le Simplex von 1938 war eine Revolution. Sein Einsatz in der Tour de France wurde zunächst nicht zugelassen, die wirklichen Helden sollten weiterhin mit Wendenabe und zwei Gängen siegen. Die andere 3 gang Schaltung kam aus Schweinfurt und machte Familie Sachs zu Zillionären und Sohn Gunter zum Ehemann von B. Bardot : die Torpedo

an old schauffSelbst wenn beide Schaltungstypen überlebt haben, ist das Schauff Geschichte, ebenso wie die Fahrradindustrie als Standortfaktor in Deutschland. Der umsatz ist groß, dank der EBikes sogar steigend, doch die zahl wirklich produzierender Betriebe ist schon seit langem sehr übersichtlich. Wenn es sich nicht um reelle kleine Nischenanbieter handelt müsste man eher von Endmontagewerkstätten ohne Fertigungstiefe.

an older schauff

Die Fahrradfabrik Schauff hingegen fertigte alles, vom Kinderrad bis zum Einzelstück fürs Zeitfahren. In den 80ern entstanden neben „Rudi Altig“ Lizenzrennrädern fast schon experimentelle Aerorahmen mit ovalisierten Rohren. Radsport HighEnd aus Remagen. Wer sich also Zeit nimmt, das Museum and der Werkshalle zu besuchen, taucht direkt in eine goldene Zeit des Radsports ein: Werkzeuge, zubehör, trikots, rarissima

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Draußen wartet der inzwischen ebenfalls historische Werkswagen zum Erinnerungsbild.

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Schon komisch, wie die Zeit dahinfliegt . Aero, eines der Überwörter aus den 80ern ist  eine Postkarte im Vergleich zum tweet. H-Kennzeichen kann beantragt werden.

Technik ändert sich, der Rhein fließt weiter. In 3h30min geht die Sonne unter.

a linz

die Fähre setzt über, eine Ladung guter Vatertagslaune wechselt das Rheinufer. Der Weg von Linz nach Neuwied ist, ein paar kleine Seitenwechsel ausgenommen erheblich geradliniger als die Hinfahrt. Die menschen sind draußen und spielen, der Rhein ist das ruhige blaue Band, das sie erfrischt . Es duftet nach sanften Narkotika.

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In Bendorf verlase ich die alte Postkarte, auf der immer noch Schiffe mit Schornsteinen aus reinem Vergnügen herumschippern.

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b bendrf

Die Robinien duften, die Kühe sehen mir hinterher, langsam wird die luft frischer und kühler, mein Schatten immer länger. Ein Tag wie eine Postkarte geht zuende.

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2 Antworten zu Der Rhein ist eine alte Postkarte

  1. Albrecht schreibt:

    Kleine Korrektur zum Simplex-Schaltwerk: Das ist definitiv nicht von 1938 sondern von 1961 – das erste Parallelogrammschaltwerk von Simplex und für lange Zeit das letzte aus Metall.

  2. crispsanders schreibt:

    Schade!
    dann freut sich Jan Schauff sicher über ein historisch korrektes Simplex an seinem 1938er Rad, wenigstens da gibt keinen Irrtum. Ein Bild vom „le champion Modell 1936“ würde mich freuen. Vielen Dank

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