200 und ein Kölsch

Enterprise

Manchmal gibt  frühe Zeichen

a drkentrep

Mein wackliges altes Raumschiff ist mit einem fahrrad an Bord Richtung Köln unterwegs. Es ist bereits warm aber die Sonne schafft es nicht, die immer neuen Wolkenschleier ganz zu verdrängen. Ein schwüler, warmer und langer Tag kündigt sich für die 45te Forsbach Tour an. Est. 1972…

rtc-forsbach-tour-flyer-2017

 

212 km führt sie durchs bergische Land, ein Revier  Kölner Radsportler… Startort ist Zündorf , südliche Ausläufergemeinde von Großköln, eine kleine Siedlung in den Feldern, weiter rechts ist der Flughafen und in Richtung Rhein sieht man  Schornsteine der großen Raffinerie über die Gerste ragen.

Old School

Kleine Gedenkminute im Schulzentrum, bis die Startunterlagen beisammen sind. Die Qualität deutscher Schulzweckbauten  ist angenehm, solche Gebäude sind unterschätzt – eine Moderne vor Ikea. Die Bäume die man damals pflanzte ragen über die Flachdächer hinaus und geben üppig Schatten, mit ein bißchen Pflege könnte das Ensemble über 100 Jahre alt werden. Die Stimmung ist freundlich entspannt.

Einige sind schon schlag 6h30 auf die Strecke gegangen – es wird ein warmer Tag; ich rolle durch die verkehrsberuhigte Siedlung, verabschiede mich von den schlafenden Mittelklassewagen, spähe auf endlosgeraden Feldwegen nach den Trikots der Vorfahrer.

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Heute wird die silberne Gazelle geprüft. Es ist die erste Ausfahrt über 200km in unbekanntem Gebiet. Meine 7fach übersetzung beträgt 13-26, vorne drehen 52 und 39 Zähne. Dieses Rad habe ich mit allen überschüssigen Teilen aufgebaut, die im Keller zu finden waren. Der Lenker hat eine leicht abfallende Biegung – Bauform „Gimondi“. Etwas  größere Überhöhung im Vergleich zu  geraden Modellen (bauform „Merckx“) – mal sehen wie ich (auf der Distanz)  damit zurechtkomme.

a garniturDas Ensemble besteht aus schwarzer Hose und altem fruit of the loom trikot – einer der ersten „Marken“ für TShirts . Früchte des Webstuhls –  Mädchen mit Clogs, schwebenden Maxiröcken und Fruit of the Loom . . . .  .

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Mittlerweile sind (gepflegte) Klassiker auf diesen Veranstaltungen akzeptiert. Das Material auf dieser Marathonstrecke ist ohnehin recht gemischt, von 2000er Alu bis 2016er fullcarbonio ist alles dabei.

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Die Strecke ist angenehm gestaltet,  nach einer Einrollzeit  von 20min steigt die Straße ganz sachte bis zur ersten Kontrolle an. Dann ist man im Bergischen Kernland und auf geht es in winklige Abfahrten, durch kleine Dörfer und schließlich Anstiege der mittleren Kategorie. Es sind nie besonders viele Höhenmeter am Stück, dafür auch nie richtig flach Das heißt: Rhythmus finden, nicht überdrehen  . . ..

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Das Grün ist noch frisch, die Sonne  bleicht den Himmel. Kurze folge ich einem Paar mit RTC Trikots aus Essen, dann kurble ich wieder in einer Gruppe. Also doch nicht zu spät dran heute. Zwei Vorteile: man sieht sich unterwegs immer wieder und an den Kontrollen sind die Vorrägte (noch) nicht aufgebraucht; die Veranstalter machen einladende Gesichter und schöpfen aus dem vollen.

Kleine Wölkchen ballen sich zu Schleiern. In der Rheinebene wird es jetzt schwül. Nach zwei der fünf Kontrollen ist klar: das wird heute was. Auf den ersten 90 Kilometern nur wenig essen, immer wieder trinken, die Wassertanks an den Haltepunkten nutzen – Pausen kurz halten.

a overgreen Siegtal, Tempo und Sonne (aufsteigend)   – fast aggressives Grün der immer noch hellen Blätter. Junitau hieß eine Indianerin bei Cooper. Cafés am Straßenrand ignorieren, dies ist kein Brevet. Carbon rauscht am Fluss entlang.

Abzweig, hinein in einen kühlen schattigen Grund, eins der vielen Mühltäler. Die Bäume und Sträucher hier weniger kultiviert, Bachkräuter duften, auf und ab zieht sich der geteerte Wanderweg durch die Wildnis. Dunkelblaue Libellen flattern mit metallischen Reflexen über den Weg. Das kleine Blatt vorn ist nun der Freund und irgendwo weiter vorne fährt eine Gruppe voraus, die auf langen Geraden sichtbar wird und in den Schleifen verschwindet.

Und oben

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schweift der Blick. Beinahe Halbzeit.

Satte Schnitten von dunklem belegten Brot , Salami und Gouda, warten an der nächsten Kontrolle. Es wird zugesprochen. dazu Apfelschorle und reichlich Wasser. Der Rest in die 1l Flasche, denn es wird warm. Auf der Gegenseite eine dunkle Wolkenfront, die Wetterapps sollen gewarnt haben. Wetterapp Du schönes Wort. Ich lasse den Blick schweifen und rechne: die Marathonextraschleife beginnt hier und endet hier, ca 50km, was dann schon satte zwei Stunden macht. Der volle Kreis bedeutet: egal von welcher Wetterapp geredet wird, es wird uns treffen, wenn es uns denn überhaupt trifft.

Ab in die Tiefe des nächsten Tals. Ich liefere mir Ideallinienvergleiche mit Motorrädern. das Rad macht einen stabilen Eindruck. marathonisti werden mit dem schönsten Teil der Tour belohnt.

b milkSchön meint: urwüchsiger, weiträumiger, abgelegener. Die Milch dieser Kühe würde ich unbesehen genießen. Immer wieder Herden auf sanft abfallenden, sattgrünen Hängen,  manchmal um Bäume gruppiert. In die Tiefe des bergischen Landes vorgedrungen glaubt man kaum, weniger als 100km vom nächsten Smog entfernt zu sein. Eis steigt noch ainmal kräftig und es hilft, weiter oben Vorfahrer zu sehen. Mein Puls geht nicht durch die Decke, aber bei mehr beginnt der eigene Grenzbereich: 135. ich nehme kurz raus um wieder so auf 110 zu kommen. Nicht schlecht so eine Uhr,

der Lohn des Marathons

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in einem kleinen Weiler weit draußen steht diese kleine Hütte, vollständig eingerichtet um die marathonfahrer zu belohnen der Verein RTC hat an alles gedacht. . Veganer mögen es mir nachsehen, aber heißer Rindergulasch auf einer kühlen Steintereppe ist in so einem Moment etwas wunderbares. Es sind jetzt um die 110 km gefahren, ein langer Anstieg liegt gerade hinter uns und einige werden folgen. Die Radfahrer sehen einigermaßen geschafft aus. Die Stullen vom letzten Stopp sind bei mir schon lange verraucht: man entschuldige, wenn ich soviel vom Essen rede. Das leigt nicht nur daran, das es so geschmeckt hat – es hat vor allem geholfen .

Es geht  stetig weiter hinauf bis zum Dach der Tour, daß sich Blockhaus nennt. Das kleine Blockhaus ist nach neuer Fasson mit Natursteingittern eingefaßt, mir gefällt diese Art der Geländesperrung nicht und darum gibt es kein Bild.

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Dagegen setze ich dieses Fachwerk mit dem Sonnengiebel, daß ich als solist streife. Plötzlich allein mit der Landschaft zu sein und gleichzeitig zu wissen, daß kurz vor mir und gleich hinter mir jemand unterwegs ist, ist immer wieder ein merkwürdiges Gefühl. Hin und wieder glaube ich jemand gesehen zu haben und dann war es wieder nichts.

b kuhwink

Als die Kuh einen kleinen Kratzfuß macht habe ich durchquere ich einen Ort mit historischer Selbstironie

Husten

b husten

600 jahre Husten muß man schon aushalten.  Aber ich habe genauso einen Bauernhof noch gekannt. Der alte knorrige Vater wohnte mit seinen Söhnen unter einem Dach, die Kühe gleich um die Ecke und die Scheune in der Hausverlängerung. Der Hoferbe war Junggeselle und das Sonntagsvergnügen waren „die Leute von der Shiloh Ranch“. das Bild war schwarzweiß und wir durften kein Wort sagen, schon gar nicht „SiloRanch“. Vater und Sohn sprachen dann bergisches Platt und kommentierten damit die Revolverhelden , die sie bewunderten.  Um 6 wurde gemolken.

b retrofriktion

Retrofriktion

Sehr geschmeidige schaltung – besonders angenehm, wenn man müde wird und von der Hitze groggy ist. Die Simplex war das beste, was dem Radsport passierte, bevor es mit der Indexierung losging. Der Schweiß rinnt, doch die Gewitterfront zog weiter. 30km vor dem Ziel mit leerem Tank an der letzten Kontrolle. Ich fülle Salz in den Eistee und stopfe Gummibärchen. leere Colakisten sehen dich an. Weiter nur, zurück in die Hitze.

Wahner Haide

Der Flughafen KölnBonn liegt in einem flachen, sandigen Stück Heide, das mittlerweile ine Backofen ist. Es ist auch eine Trainingsstrecke, ein regelrechter Rundown für Zeitfahrmaschinen. Sie schwirren auf und ab, die Piloten auf Aufliegern, die Trinkflaschen aerodynamisch hinter dem Sattel . Auf der Suche nach der vmax. Es riecht nach kerosin, aber das liegt nicht an den Triathlonrädern, sondern an den Flugzeugen die über unseren Kopf donnern. Gleich seid ihr da, gleich bin ich da.

b zeugnis

Ausrollen lassen,  day is done.  Das Buffet ist gerichtet, der Sommer kann kommen.

b 21Das Kölsch vom Faß war die Reise wert. Mich prickelts immer noch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Eine Antwort zu 200 und ein Kölsch

  1. randonneurdidier schreibt:

    da hast Du eine beschaulich-schöne Tour durch die Heimat meiner Vorfahren ( Radevormwald) gemacht. Und einen genauso fühligen Bericht geschrieben. Auf einem kleinen Bauernhof habe ich meine Ferien bei der Oma verbracht. Irgendwann muss ich auch wieder dorthin – am besten auf dem Colnago, mit 7 Gängen – ohne Rasterung.

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