Immer mehr Ferien

Schüler atmen auf, Wecker werden entsorgt. 6 Wochen ohne zu schnell verschlungene Frühstücksbrote und halbleeren Müslischalen liegen vor den Kindern  – und ihren Eltern. Danach wird eine neue Seite aufgeschlagen im Buch des Lebens, der Kindheit, der verlassenen Kindheit.  Aber das verraten wir  ihnen noch nicht, sondern lassen sie schlafen.

Mit der  Ältesten verreisen: ab zur Gastfamilie, denn mit fünfzehn ist man fast schon selbständig – und ich bin der ergebene Chauffeur, der sich gerne erinnert an die allerersten Monate und die handgestrickten warmen Socken.

Diesen Bildband entdecke ich auf einem Altbüchermarkt, den es, trotz internet und allen bequemlichkeiten unserer Zeit, immer noch gibt ;  im 15ten Arrondissement, Place Georges Brassens. Da wo die Schlachthöfe waren, wo das Fleisch vom Güterbahnhof Montparnasse abgeladen und verarbeitet wurde.

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„Les ENFANTS“  ist das erste publizierte Werk des Zuwanderers Ungarn Andrè Kertesz, 1933 in Paris veröffentlicht, im achten Jahr seines ersten Exils. Das zweite (Exil)beginnt 1936 mit der Auswanderung in die Vereinigten Staaten, als Jude hatte man keine große Wahl und die Amerikaner boten ihm einen Vertrag, dank dem er von Photographie leben konnte.

Aber Paris gab ihm alles und er gab Paris alles zurück: seinen Nachlass stiftete der alte Kertesz vom Washington Square, NYC, am Ende dem französischen Staat. Für das Vermächtnis der Photographie ein Glücksfall, für die Kunstgeschichte auch.

Für mich ein Glücksfall, dieses schmale und einfache Buch zu entdecken, es bestätigt mir die Stellung, die Kertesz einnimmt. Der weitaus berühmtere Cartier-Bresson sagte zurecht:  „wir alle schulden ihm etwas.“ Kertesz beginnt schon sehr früh, 20 jahre früher!  vor dem ersten Weltkrieg, seine gleichzeitig ungestellten und präzise komponierten Photos zu machen – als Autodidakt gewinnt er erste Preise.

Als photographischer Autodidakt schulde ich ihm einiges: eine Form, mit dem Apparat zu sehen.

Ende 1990 entleihe ich der Stadtbibliothek Köln einen üppigen Bildband, den ich mehrfach verlängere. Drei Monate hat  dieses Buch bei mir gelegen; bei manchen Bildern sah ich immer wieder hin, um den Schlüssel zu finden, denn einige male fragte ich mich schon, was der Punkt war. Alles sah einfach aus und dann kam eine zweite Ebene hinzu, die so in den Magazinen und Bildwelten der Werbung gar nicht vorkam und die aus unserer wohlkonditionierten, öffentlichen Bildsprache verschwunden ist.

„look – the admiration of the children!“

Das nannten die Amerikaner, die Meister des Schlagworts „candid photography“, ungestellt, ungekünstelt, fast naiv. Im Vergleich zu einem Studiophotographen von damals und später, der fast pompösen Aufmachung mit der professionelle Photographen ihre  .(… sie nannten es Produktionen) ….. Bilder fertigten, war diese Spielart der Photographie vor 1930 die Ebene des Knipsers, des Amateurs. Aus den Knipsern wurden Reporter, die im spanischen Bürgerkrieg dann schlagartig zu Ehren kamen, und aus Reportage wurde Propaganda – häufig jedenfalls. Also alles andere als „candid“ im Sinne von unschuldig.

Bei Kertesz gab es nie Propaganda, nie Polit-Agitation, aber naiv waren die Bilder deshalb nun nicht. In Amerika ein Handicap, das er bitter bedauerte, weil er sich in ein korsett gezwängt fühlte, dessen ERWARTUNGEN nicht in seiner natur als Künstler lagen. Kertesz litt unter dem Fluch, in die falsche Schublade gesteckt worden zu sein.

Wäre Kertesz, Flüchtling des zerfallenden Habsburgerreiches,  heute von der Migrationsmetropole Paris verunsichert? Für mich nicht vorstellbar. Armut war vor dem zweiten Krieg sichtbarer teil des Alltags und nicht einmal zwangsläufig Sinnbild des Scheiterns.  Die Bohème und die Clochards von 1926 sind verschwunden, ein ganzes Spektrum neuer Kulturen wird an den Stadtgrenzen sichtbar und lebendig . . .

Die mauern waren einst höher – es waren aber Klassen- keine Rassenschranken. Das Problem ist, sie wieder wachsenzu sehen. Vom Frexit träumen auf diesen Plakaten ausgerechnet jene, die einst eine Internationale des Proletariats beschworen und die Verbrüderung der Völker. Jetzt wollen sie die Ketten des vereinten Europas sprengen . . . . was ging nur daneben?

Meine Kinderaugen bedauern die geborstene Fensterscheibe und sehen das typische Brot. ich decke mich ein für die Rückreise. Croissants die endlich fett nach Butter schmecken . . .

Morgen wird mein (großes) Kind mich anrufen und das knorrige Graubrot vermissen. Wie der Franzose sagt:but, ma chère – there is no thing as a free lunch!

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Immer mehr Ferien

  1. mark793 schreibt:

    Meine Tochter hat in Frankreich (Achtung, Klischee-Alarm) angeblich Sauerkraut am meisten vermisst. Dabei isst sie das zuhause gar nicht so oft.

  2. crispsanders schreibt:

    Gewisse Gallier frühstücken nicht. Klischeebüchse #234.

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