Zahlen, damit einem der Stecker gezogen wird

Eremitage, Sommerfrische, Buen Retiro. Wenn es zu heiß wird ziehen sie sich zurück, entkommen der Umweltzone Frankfurt, den Asphaltblasen von Los Angeles, dem Euro5 Kessel von Stuttgart.  Nur wenige Höhenmeter machen enormes aus. Die Hitze des Sommers wird verstärkt durch den Treibhauseffekt der Abgase, Urlaubsflieger, Klimaanlagen und endlosen Asphaltflächen. „Seit Jahrzehnten bin ich auf der Flucht. Allmählich habe ich den Motor als meinen Hauptfeind erkannt . . . “ schrieb 1978 ein Konservativer mit anarchischen Zügen.

Als Radfahrer würde ich das nicht bedingungslos unterschreiben, eine Koexistenz ist möglich, vielleicht nicht immer erwünscht.

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Hier oben (400m) habe ich die Frischluft erreicht. Ailertchen ist ein kleiner Flughafen für Hobbypiloten und Segelflieger, aber vor allem Fallschirmspringer. Ganz regelmäßig sehe ich dieses einmotorige Maschine über unserem Garten kreisen. Sie ist leiser als die Rasenmäher der Nachbarschaft.

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Hier machen sich Springer bereit für ihren nächsten Flug. Gleich werden sie einsteigen und für kurze Zeit in die Lüfte entkommen.

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Wie riesige Blumen senken sich die bunten Schirme über der Sommerwiese. Mein Roadracer trägt mich gleichmäßig und locker an Sportplätzen und kleinen Dörfern vorbei. Ich genieße die frische Luft und den Schatten der Waldpassagen.

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Immer wieder folge ich bekannte Straßen, die sich am Hang entlangziehen und den Blick auf  Täler, Wiesen und Felder freigeben. Die Hallen der Landwirtschaft haben riesige Dächer, es sind Fußballfelder voller Solarkollektoren. Kurz folge ich der alten Nistertalbahn mit ihren rostigen Schienen. Vorbei an Basaltsteinbrüchen, aus denen Quellwasser rinnt.

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Es ist warm, aber die Luft bleibt leicht an diesem Julimittag. Hohe Wolken ziehen in bizarrer Form über den Himmel und lösen sich auf. Ab und zu ein kleines Flugzeug, wenige Autos, wenige Räder.

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Ein Signal grüßt die fernen Kondensstreifen. nach einer letzten Waldpartie erreiche ich Hachenburg von Süden. An einem renovierten Lokal entdecke ich ein riesiges buntes Tuch, das vor der Sonne schützt. a tuch

Die indischen Muster erinnern gleichzeitig an das Fenster einer gotischen Kathedrale. „Der Chef hat es in Mallorca gekauft.“…ein Stück Malle in Hachenburg.

Mein Weg führt ganz üblich zur BellOil Tanbkstelle am Ende des Ortes. Ich entdecke am Eingang bestplaziert Zeitschriften.

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Beide Magazine beginnen mit W und sprechen den Naturmenschen gleichermaßen an . Auch wenn im Walden Familien-SUV inseriert, spielt der Motor in der Welt der schönen Landschaften keine große Rolle (das Fahrrad aber auch nicht) . Es geht um Freizeit und das wahre Leben.  Berge und Wiesen sind das Szenario, Thoreau der Pate.

Walden – or Life in the Woods (1854),  sein Bericht über das einsame Waldleben in der selbstgezimmerten Hütte: das legt die Latte für ein Magazin natürlich hoch. Gut, vielleicht sind wir alle ein bisschen Walden möchte uns der Geo Verlag sagen und vielleicht sind wir alle ein wenig Landwirt, wenn sich unsere Träume  von „Werden “ erfüllen . Ich sehe die ersten Mähdrescher .

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Seit der Industrialisierung Europas entstehen Träume von der Flucht aufs Land; Reformbewegungen und Selbstversorger starten vor über 100 Jahren ihre Unternehmungen,  gründen Kolonien wie Eden vor den Toren Berlins. Der Historiker Hobsbawm berichtet aus den 60ern von Londoner Freundeskreisen, die sich verfallender Höfe in Wales annehmen. Mit jeder Generation kommen Gedanken zum „alternativen Leben“ wieder an die Oberfläche.

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Die einzige wirkliche Alternative zum motorisierten Leben lehnt gerade an einer haltbaren Leitplanke über dem Nistertal. ich lasse rollen, denn mein Ziel auf dieser Tour ist das Training von Nachhaltigkeit. Mit ein bis zwei Aufback-Croissants und 2,5l Wasser möchte ich heute die 120 km schaffen. Das ist hilfreich, wenn man den Körper auf das einstellen will, was die Pyrenäen an Infrastruktur bieten. Dort wäre für die Leser von Walden noch einiges zu kompensieren, was die Landflucht an Lücken hinterließ.

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Ich will nicht polemisieren – nur bewege ich mich gerade durch  Landstriche, die durch rein technische Errungenschaften jahrhundertelanger Armut entkamen. Die Eine ist der    (durch Steinbrüche und Tongruben rentabilisierte) Bau von Kleinbahnen, die Andere die Mechanisiserung der Landwirtschaft.  Wer diese Rundballen sieht, braucht sich nicht mehr an das mühselige und personalintensive Heumachen erinnern, mit dem das Vieh durch den Winter kam.  „Lehrer, Priester und Basalt, dies alles hat der Westerwald“ ist in diesem Zusammenhang ein hiesiger Sinnspruch. Er besagt auch, daß für zwei Söhne auf dem Hof kein Platz war.

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Klatschmohn und Kornblumen, mein roadracer rollt weiter nach Westen, bis ins Holzbachtal hinunter.  Nach der Höhenluft ist es hier warm und fast stickig, der Verkehr nimmt zu. Die A3 ist nicht weit und die Talstraße führt nach Koblenz. Eilige Ausflügler und Motorradkolonnen die mich überholen , nichts wildes aber störend und in einigen Minuten werde ich diese Straße verlassen –  hinauf  zu den Segelfliegern, die über meinem Kopf kreisen.

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Ein Warndreieck bremst meine Fahrt. Schweigen liegt über der langgezogenen Kurve – ich erkenne die Motorradkolonne wieder , dahinter ein gelber Hubschrauber, ein Krankenwagen, der Stiefel eines Motorradfahrers.

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Wo ich herkam waren Kornblumen,  Dolden und das reife Korn. Weiter weiter weiter.

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Hier: Segler warten auf ihre Zugmaschine, um die  Welt wieder aus ihrer Zeitkapsel unter Plexiglas sehen zu können – Walden Momente .  Während ich mich durch die Felder von Dorf zu Dorf vorarbeite, denke ich zurück an Thoreau. Seine Bewegung erklärt sich als Reaktion auf Urbanität und menschliche Verdichtung . Genau aus derselben Richtung stammen die genannten Magazine. Aber ihr Experiment, ihre Blockhütte, hat immer den Charakter des „als ob“, sonst wären die Artikel auch praxisbezogener.

b truktur2 Ich denke da an autarke Stromversorgung,  Finanzierungsmodelle und konkrete Lösung der Alltagsprobleme strukturschwacher Gebiete. Es sind urpolitische Probleme und keine Lifestyleverhandlungen;  Zur Problemlösung kann das hier  kleingedruckte herangezogen werden, das Wikipedia uns zur Verfügung stellt.

*

Medien werden nach Katz und Foulkes (1962) zur Alltagsflucht selektiert. Nach diesem „Escape-Konzept“ von Katz und Foulke werden so durch alltäglich erlebte gesellschaftliche Rollenausübungen erzeugte Spannungen abgebaut. Motive sind demnach das Vergessen und Entfliehen vor eigenen Problemen sowie passive Entspannung und das Erzeugen von Emotionen und Ablenken von Regeln und Normen der Realität.[6]
Ergebnisse des medialen Eskapismus sind eine Identifikation mit vorgeführten Lebensweisen, Projektion eigenen Versagens auf fremde Handlungsträger und Kompensation für offene oder unerfüllte Wünsche.
Die Ursache nach Katz und Foulkes für die Spannungen, die Menschen in modernen Gesellschaften durch die Ausübung ihrer Rollen im Alltag aufbauen, sind Deprivation, Einsamkeit und Entfremdung. Mit dem Wunsch, diese Spannungen abzubauen, verwenden die Menschen Medienangebote, die als Kompensation dienen.[7]

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Hartenfels kommt in Sicht und ich grüße alte Bekannte.

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Gebt mir Eure Milch! Es geht -schon wieder  hinauf : jetzt beginnt der Trainingseffekt.

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Dann ist  die „haute route “ des Ländchens erreicht, die B8, welche Frankfurt und Köln verbindet. Das zweite Croissant und ein wenig Koffein müssen langsam her. Es gibt da eine kleine Tankstelle an der Kreuzung und sie ist gut besucht. Ein Stützpunkt zwischen Freilingen und Altenkirchen……

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Meine Meditationen über die Weltflucht enden hier. Mit dem alten Vorbild Jeremias im Hinterkopf kehre ich schnell in mein Tal zurück, wo die Schwalben fliegen.  Es gibt Leute, die heute dafür zahlen, daß ihnen der Stecker gezogen wird

 

„honey, disconnect the phone . . “  Lennon, Back in the USSR.

 

 

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