Pyrenäen 1

a pau pois

Es geht ums Bergtrikot, aber es wird kein Rennen. Der Raid Pyrenéen, die Durchquerung der Pyrenäen in maximal 100 h, ist beim zweiten mal vor allem eine Wette mit sich selbst,  gegen das ich vom letzten Jahr. Die Wette beginnt in Pau, der verregneten Etappenstadt, die alle ihre Sieger auf dem Anstieg zum Boulevard des Pyrénées hat verewigen lassen.

Eben habe ich die Ziellinie der Tour-Etappe 2017 überfahren (Sieger:Kittel);  ihr gegenüber der kleine Supermarkt  in den ich mich vor dem Regen geflüchtet habe, um für die Zugfahrt nach Argelès Proviant einzusammeln. Gleich werde ich in den zug nach Argelès steigen – Richtung Mittelmeer. Ein älteres Ehepaar in der Bahnhofshalle, erkommt auf mich zu.

„ich wünsche Ihnen viel Glück, vor 30 jahren bin ich den raid auch gefahren..!“

a cry argelesStunden später stehe ich in der warmen mediterranen Luft des Sommerabends vor dem Bahnhof von Argelès -sur -mer.

Im Heck trocknen noch die Überschuhe aus Pau, neben meinem Kopf erahnt man den lombardischen Turm der uralten Kirche, eine Turmform die hier, im katalanischen Frankreich oft zu finden ist und an eine Burgzinne erinnert. Auf der gesamten Zugfahrt habe ich statt Pyrenäengipfel nur Wolken in verhangenen Tälern gesehen, immer wieder prasselten Schauer gegen das Abteilfenster. Hier und jetzt leuchtet das Azur. Das ist die gute Nachricht.

DSCF5175

30km windet sich die Corniche von Colliure bis Cerbère, dem Startort. Die See riffelt der  Wind, trockene Böen rascheln die Palmen durch und bringen meine Fuhre ins Wanken.  Kleine Schaumkronen auf den Wellen und  kein Segler zu sehen. Das starke, fast heftige der Küste Licht ist neu. Es ist warm und trocken, nicht heiß.

a provence

a selfiebanyuls

Über der Bucht von Port Vendres versucht ein Paar sich mit dem Selfie-Stick zu digitalisieren. Dort unten gab es eben noch gemischtes Obst zum Feierabendpreis und jetzt stemme ich mich (wie das Pärchen)  gegen die Böen. Ein paar Kurven später dann  kommt  das Cap in Sicht, es fühlt sich fast an wie gestern.

a cerbere a pourt bou le cap

Es ist ruhig im Hafen von Cerbère, die Pizzeria ums Eck monopolisiert windgeschützt fast alle Gäste des Badeörtchens. Bis auf zwei: direkt vor der Bar der „Dorade“ (mein  ** Hotel) teile ich mir mit einem einladend lächelnden Gast die  Clubsessel , während es draußen fast die Terassenmöbel umbläst. “ Nur eine Brise “ beantwortet der schlaksige Patron hinter dem Tresen meinen sorgenvollen Blick und klickt „Windguru“ im Netz an.

Windguru ist eine Surferseite, auf der  stündlich Windegeschwindigkeiten der Küsten unseres Globus gelistet sind. „Aber nachts läßt er nach?“ frage ich vorsichtig (Hintergedanken an einen windstillen Frühstart). „Aber nein, dieser Wind bläst durch bis übermorgen. Er ist nicht einmal stark : sehen sie : 40km ist die durchschnittliche Geschwindigkeit, nur die Böen sind unangenehm. Diese Nacht gegen 4 Uhr haben wir den Peak“. Böen, Rafales, unangenehme Gedanken.

Wie mein Nachbar habe ich mir eine Platte mit Käse, Schinken und Brot kommen lassen, dazu Salat. Wir plaudern über dies und das, es beruhigt. Nur 10 Prozent unseres Hirns sind erforscht . . . überlassen wir dem Rest die Arbeit.

Die Tramontane, ein trockener Wind aus Nord, genau den habe ich für die ersten 100km gebraucht. Mein SNEL hat einen tiefen Lenker. Gemeinsam füllen wir am Tresen noch die Startkarte aus, seit den Jahrzehnten in denen „la Dorade“ der Start/Zielort für den Raid Pyrenéen ist, hat der Patron viele kommen und fahren gesehen. Ein kleines emailliertes Schild am Eingang zeigt es dem Fremden. CCB:Cyclo Club Béarnais.

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Am offenen Fenster schaukelt die Wäsche im Wind   – die Böen wiegen mich in den Schlaf.  Der Wind .  . .

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Mein Abschiedsbild von der gemütlichen Dorade und der schönen Häuserreihe der kleinen Promenade. Gegenüber verfärbt sich schon der Himmel über der See, der Wind bläst und und klimpert in den Rahen – doch erst einmal unterwegs, gibt es keine Spekulation mehr, dann herrscht das Gesetz des Ankommens, alles wird Gegenwart. Der Wind ist da, also wird sich ihm gebeugt und gefahren – irgendwann wird er vergessen sein . . . .

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Seelenruhig läßt sich in Banyuls die  bronzene Liegende von Maillol (Sohn der Stadt) eine Rafale um die Nase wehen, während die Kamera kaum zu halten ist. Außer der Müllbrigade niemand an der Küste unterwegs. Im kleinsten Gang nehme ich die Steigungen und erwarte die aufgehende Sonne. das Croissant hat Zeit.

a leverdusoleilKurz nach Collioure dann geht der erste Tag über dem Raid Pyrénéen und über dem Mittelmeer auf. Die Corniche ist schon Geschichte und bei Argelès, wo tausend+ Urlauber noch fest schlafen, geht es in die Ebene . Schnurgerade führt die vieille route de Collioure durch die ockerfarbene Altstadt und wieder hinaus; dank Google earth in Nahauflösung wußte ich:  parallel zur vierspurigen „voie automobile“ verlaufen  die  Reste der alten Landstraße nach Elne. Macht eine gewonnene halbe Stunde.

Mit Satellitenbildern geht meine erste Wette also auf,  schnell über den Tech, einen fast ausgetrockneten Fluß.  Zeitgewinne, die ermuntern: es zerrt gewaltig am Nervenkostüm, sich an so leichten Abschnitten zu verfransen, Zeit zu verlieren, die man in den Bergen  irgendwann gut gebrauchen könnte. Und der nächste lombardische Turm: Elne.

Diesen aquitanischen Sarkophag werde ich auch diesmal nicht bewundern, die 1100 Jahre seit Wifred dem Behaarten , Abt Oliba und Papst Sylvester streichen vorbei . Lange schon muß der fränkische Vasall nicht mehr die Südflanke des Christenreichs (bis Barcelona) sichern.

Ein Bäcker hat schon geöffnet, das Café gegenüber auch. Zeit für ein kurzes Frühstück. Die knusprigen Mandelzöpfe heißen Sacristains – Meßdiener. Aber lange hält es mich nicht bei den zwei, drei alten Männern am Kupfertresen, die das erste Weinglas des Tages vor sich haben.  Kurs Nordwest – so zwingt der Wind  auf der Landstraße nach Thuir  mich in den Unterlenker.  Sonne von seitlich, noch sehr morgendlich . Die Pedale werden gestreichelt. Zeit und Kraft,  beides will aufgespart sein, wenn heute die 250km nach Massat hinter den 7 Bergen gelingen sollen.

Und wieder Reste einer vergangenen Kultur streifen:

Endlos ziehen sich die Obstplantagen und Rebflächen des Languedoc-Roussillon dahin. Pfirsiche , Nektarinen und Aprikosen reifen zur Rekordernte, ich ducke mich unter dem Staub der Schwefelventilatoren. Langsam rücken neue Bergmassive näher.

Katalanische Ausläufer der Pyrenäen, der berühmte Canigou, an dessen Fuß sich die Abtei von Cuxa  befindet, das spirituelle Zentrum des Landes im Jahr 1000. Es ist immer noch ein Ort für Zusammenkünfte von Romanik-Experten.

An einen davon erinnere ich mich, damals war ich zehn und Anhängsel der elterlichen Reisegruppe: Pierre Ponsich, ein drahtiger Mann mit Nickelbrille und einem hellen Staubmantel, der die einzelnen Figuren über den Tympani der Kirchentore persönlich zu kennen schien. Die Augen folgten seinem Zeigefinger und alle hörten gebannt seinen Vortrag, von dem ich kaum etwas verstand. Ich sah nur die archaische Wucht der Steinmetzarbeiten und dachte an die nächste Limonade. Er wäre heute 115 Jahre alt.

Unterhalb von Cuxa liegt Prades, erstes Etappenziel.  Heute ist Markttag , die Bäckerei,  die mir die feuille de route stempelt hat gerade noch eine Pizza übrig. Dagegen gibt es noch ausreichend feine Sachen.

Der Das hausgemachte Nougat ist auch eine Energiequelle und dazu lasse ich mir die kleinen Blöcke pate de fruits in einen Beutel packen.  Wie im Vorjahr sind diese reinen Zuckerlis powergels für kritische Situationen.

Genug gebummelt. Mit zwei Postkarten und einem letzten Gruß an Monsieur Ponsich verlasse ich die kleine katalanische Stadt, dessen Festival Pau Casals in dieser Woche viele Menschen in die Cafés lockt.  Nun auf in die Berge, über denen die Sonne immer höher zieht.

Nach diesem windigen Hors d’oeuvre (wörtlich: vor dem Werk) folgt mit dem Anstieg nach Mont Louis der erste Hauptgang von über 1100 Höhenmetern. Mehr als 3o km folgt die Strecke in fast parallel dem Lauf des Têt, einem kleinen Fluß der irgendwo ganz oben entspringt und in einer Kerbe aufs Mittelmeer zufließt. Die Sonne ist da, aber sie sticht noch nicht, den Zikaden ist nicht heiß genug, um ihr quälendes Lied zu singen. Der Fluß rauscht mal links mal rechts, ich bin auf der Hut.

Ganz früh gehe ich in den kleinen Gang 2 – 24z und zwinge mich, das Tempo gefühlt  zu langsam zu halten. Auf  des behaarten Wifreds Geburtsort Ria und die Feste Conflent folgt in 10km Olette. Immer noch 900 Hm.  In kleinen Schlücken trinken, es ist der erste Anstieg am ersten Tag in den Bergen, ein crashkurs.

An dieser sehr schmalen Nationale wird gearbeitet, auch der Belag hat sich gebessert.  Das letzte Drittel dieses Passes: hinter Olette steigt die Strecke hier und da merklich, öfter aber unmerklich an. Zur Täuschung gibt es flache Passagen, auf die Serpentinen folgen

die kleinen Dörfer wirken ausgestorben, vielleicht sind sie es bald wirklich. Dann wird der Viadukt des  „Train Jaune“ unterquert, eine ganz enge, unangenehm steile Stelle an der sich die Autos in Fühlung vorbeidrängeln. Immer wieder warte ich darauf, vom gelben Zug etwas zu sehen oder zu hören, doch anscheinend fährt er nicht. Stillgelegt?

Es folgen weitere Serpentinen und am nämlichen Parkplatz unter den Pinien mache ich kurz halt, um mir Magnesiumtabletten einzuschenken. Ich kenne die Strecke genau, die Leiden des letzten jahres haben sie in mein Gehirn geprägt.

Dann die letzten Kilometer: nach diesem Aussichtspunkt  ist der zähe Teil geschafft. Die Muskeln haben gezuckt, aber das Magnesium ist rechtzeitig angekommen, ich rolle über den Montlouis und die fast surreale Hochebene der Cerdagne, rechts die Hotels von Font Romeu, das Höhentrainingslager vom team raleigh in den 80er jahren. Als man für besseres Blut noch schwitzte… Hier kann ich das Tagespensum besser abschätzen, denn es war nicht klar, ob die Wolken, die seit drei Tagen die Pyrenäen blockierten, noch über den Gipfeln hingen.  Vor mir ist die Sicht ist aber klar und endlos, also wird der Puymorens , der zweite Hauptgang 400m über mir, sich gnädig zeigen.

150km, Bourg Madame. Genug trinken, genug essen im Intermarché. Wo stehe ich? Es ist weniger hart als im letzten Jahr, vorsichtigeres Tempo und geringere Hitze haben (weniger) Reserven gekostet, der Durst ist kleiner. Heute wähle ich einen Möhrensalat, zu dessen Verzehr ich 20 Plastikgabeln kaufe – ich esse nicht so gern mit den Fingern . Dazu ein gut belegtes Baguette mit Serrano und mittelaltem Cantal  – das reicht. Bonusgetränk: das blaue Chimay Jahrgang 2017. Als ich fertig bin, verschenke ich die übrigen 18 Gabeln und das Salz an eine verdutzte Kundin: für ihr nächstes Pique-Nique, Madame.

Wieder draußen: Die Straße zum Puymorens fühlt sich gut an, langsam geht es aus der Hochebene hinaus, Ich erkenne Felsblöcke , an denen ich im letzten Jahr absteigen mußte – heute winke ich ihnen zu. Wieder ein gutes Zeichen. Langsam weiß ich, daß dies heute nicht der letzte Paß ist.

Ein letztes mal erblicke ich die Farben Wifred des Behaarten, die vier roten Streifen der katalonischen Flagge, die, der Legende nach, die Spur seiner vier blutigen Finger sein sollen, die er sich auf dem Schilde abstreifte, nachdem er den Meuchler seines Vaters gerächt hatte . . . . so entstand die Fahne.

b catallanAuf den Schildern der Bushaltestellen erkennt man es noch deutlicher.Ein karges Land.

Dann den letzten Abschnitt des  Puymorens, ein Paß, der als Versorgungsroute für den  Steuervermeidungsstaat Andorra dient. Das macht ihn wenig pittoresk, die Fahrbahn ist breit, die Laster häufen sich, motorräder auch. Die Geraden sind verlockend. Man winkt mir von Funkmasten zu

bpuymo2 Ein letzter Gruß aus den katalanischen Pyrenäen, die nicht zu grausam waren. Dankbar sehe ich mich um.

b puymo1b puymorens le col

Der Paß . Hier verlasse ich das rauhe Katalonien und es beginnt die Ariège, der nächste Teil der Pyrenäen. Zuerst geht es hinab nach Ax -les -Thermes mit seinen 18 Heilquellen. 20km Abfahrt – immer wieder ein irrsinniges Gefühl. Giganten beiderseits. a puymorensabfahrt

Immer wieder begegnen mir Autos mit deutschem Kennzeichen, Ersatzreifen auf ihren Dachgepäckträgern. Dann erkenne ich noch Aufkleber mit Startnummer . Völlig serienmäßige (Golf2, Volvo245..) Fahrzeuge, viele aus Bayern, einige verdreckt . In der Abfahrt schaffe ich es nicht, die Aufschrift zu entziffern. Am Kreisverkehr mitten in Ax gelingt es. München Barcelona . . the beaten track . . .  Randonneuren eine bekannte Bezeichnung, aber was hat es mit dieser Flotte alter Mittelklassewagen auf sich?

(Notabene: wenn ich also lese, daß diese Rallye nur Autos zuläßt, die weniger als 500 euro gekostet haben dürfen, dann beweist das doch, wie pervertiert der (Gebraucht)wagenmarkt ist. Preis und Wert driften wohl aufgrund perfider Normenzwänge komplett auseinander. In den größten Teilen des Globus ist ein Auto, daß 3000km Schotterpässe im Gebirge bewältigt vollwertig,  ein Neuwagen.)

b axlth20 km Abfahrt kühlen aus, aber in Ax gibt es mehrere schweflige Straßenbrunnen, aus denen das Wasser mit über 50Grad strömt. Als ich mir die Hände waschen will verbrühe ich mich.  Zwei Café bringen den Kreislauf wieder in Schwung. Es ist Saison, viele Familien sind in Wanderausrüstung zu sehen, doch soll die Einwohnerzahl dieser Stadt an der Ariège um ein Drittel abgenommen haben. Die Fassaden  sprechen eine traurige Sprache, die ungewollt an die Innenstädte der DDR erinnert.

c ariegeaDann das großartige Schauspiel der Ariège und seiner Berge . Immer wieder leuchtet der Fluß durch das dichte Laub auf und rauscht über mächtige Gesteinsblöcke dahin. Beiderseits ragen steile Felsmassive empor, die wegen ihrer Steinzeithöhlen bekannt sind. Hoch oben erkennt man Höhlungen – dort muß der Fluß einst geflossen sein. Heute sind es Kletterparadiese.

Die Nationale 20 ist der Königsweg durchs Tal. Eine gut befahrene Straße mit kleinem Seitenstreifen, aber die 30km bis Tarascon sind zu verkraften. So mache ich Meilen.

c tarasconFast 2 Stunden früher als im letzten Jahr sehe ich die Altstadt von Tarascon hinter der Brücke. Diesmal werde ich dort keine Unterkunft suchen müssen und kann vor allem an einem Super U nochmal ordentlich Vorrat aufnehmen. Es ist kurz nach 19h und es herrscht Hochbetrieb. Französische Familien kaufen fürs Abendessen ein, sorgen für Bier und holländische Touristen suchen nach Sonderangeboten. Mein SNEL erntet einige Seitenblicke. Es ist kein Sonderangebot.

(Am Rad habe ich eigentlich nichts verändert. Es hat nun drei Lagen Lenkerband und hinten neue Bremsbeläge. Die Conti Grandprix sind noch gut, der Ältere von 2015 hat eher Verwitterungs- als Verschleißerscheinungen. Für mich hat dieser in Owatrol getauchte Zossen zwei eminente Vorteile: auch derart beladen kann ich mich rollend bei 40km/h aufrichten, strecken und dehnen, ohne daß der Rahmen flattert. Und bergab lenkt die Maschine wie auf Schienen ein, auch die typischen Asphaltwellen an Serpentinen bringen sie nicht aus der Spur. Ein Glücksfall, wenn ich daran denke, daß ich die Maschine einfach nach Augenschein gekauft habe. )

Auf dem parkplatz des Super U  von Trascon :Traubensaft mit Perrier, Schinkenbaguette und Bananen. An- und abfahrende Renault Nevadas und anderen Relikten der automobilen 90er zeigen, daß das Regime der Umweltplaketten eine Illusion der reichen Ballungsgebiete sind, die versuchen, ihre von der „Vollbeschägftigung“ erzeugten Emissionen zu domestizieren. Die Wirklichkeit der France Profonde ist ine Andere. Wer ein Auto besitzt, fährt es, bis nichts mehr geht. Tarascon sur Ariège.

Zurück zu mir : wie werden die 18km bist zum Col de Port sein? Jetzt ist es kurz nach 19h –  bis 21h habe ich noch reichlich Licht und das Wetter ist stabil, -gut. Im letzten Jahr hatte ich erst am folgenden Tag mit Aufstieg begonnen und mich im Morgengrauen vor dem Frühstück quälen müssen. Heute nehme ich den dritten Paß und werde gleich wissen, wie der dritte Gang im Tagesmenü schmeckt.

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Diesmal ist der Port ein Genuß. Vorsichtig taste ich mich über die Dörfer heran, der erste Abschnitt ist steil. Dann geht es schwungvoll wieder hinab und über den Salat (einen Bach), der immer wieder überquert wird. Und noch ein letzter Weiler mit  Flachstück: sie sitzen schon beim Apéritif in der milden Abendsonne.

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Hier erst, nach dem letzten Dorf,  beginnt der Paß ganz offiziell. Der schmale Straße wird immer wieder von Höfen gesäumt, von den Weiden klingen die Glocken herüber. Üppig wachsen die Kräuter am Weg und ich atme tief den Geruch von Minze und anderen Heildüften ein, während die Sonne schräg durch die Bäume strahlt. Kehrt die Straße nach rechts gibt es fantastische Ausblicke Richtung Ariège. Meine Therapie

c port2

Ein alter Volvo überholt mich  – keiner von der Rallye der 500 Euro Schlitten. De kleine Weg steigt jetzt unablässig mit 8 bis 9 Prozent, und ich arbeite mich vor. Die Kette ächzt trocken; aber ich weiß: die letzten drei Kilometer sind sanft. In einer Kurve steht ein kleines Häuschen auf dessen Holzveranda die Gläser eines kühlen Aperitif den Tisch krönen. Die Sonne läßt sie aufblitzen und von drinnen riecht es nach  Braten. Es strömt ein Ferienzauber herüber und ich spüre fast keine Anstrengung mehr.

c portvolvoDann, als ich gerade in die sanfte Zone übergehe,sehe ich wieder den schönen Volvo : friedlich geparkt – ein Auto wie aus einem alten Kinderbuch. Für die Abfahrt ziehe ich mir schonmal langes Trikot und Regenweste über, denn die Sonne wird gleich hinterm Berg sein

c port3Und da das Restaurant am Paß, daneben die wilden Pferde . Schon von weitem kann ich das Kaminfeuer riechen. Nadelholz.  Reißverschluß zu und ab!

Ich bin auf der kurvigen Abfahrt allein und genieße jede Sekunde. Schuß und Kurbeln und wieder Schuß.  Die Beine sind auf einmal so leicht! Im Tann: die Kurven sind unregelmäßig, versteckt und eng, aber die Luft wird immer wärmer und die Vorfreude auch. Kleine Brücken unter denen das Wasser rauscht; auf den Geraden dehnen; jetzt habe ich schon die Strecke der Tour de France erreicht und überrolle die Namen all derer, die sich vor zwei Wochen hier den mur de peyguères hochquälten. Auch ich bin ein …….

c massatMassat: dort hinten der Marktplatz, das Hotel du Globe wartet auf seinen letzten Gast.  In die heiße Kartoffelsuppe werde ich meinen Cantal schneiden und mich vom kleinen Konzert in der Kirche in den Schlaf singen lassen. Bis morgen!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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2 Antworten zu Pyrenäen 1

  1. randonneurdidier schreibt:

    Lieber Christoph, diesen Bericht habe ich gelesen, genossen, erlebt. Wunderbar hast Du die Landschaft, die Leute, die Kultur beschrieben. Wenn Du noch einen Beruf suchen solltest: Reiseschriftsteller – das wäre doch was… Jetzt mache ich mich ans Lesen von Teil 2

  2. crispsanders schreibt:

    Nur zu! Meinen dank zurück an Deine Berichte. Was hier steht, sind nur unvollkommene Versuche.

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