Pyrenäen 2 – fünf an meiner Hand

b acouverture

Fünf ist die Zahl der Weltzonen, fünf Finger habe ich an der Hand und fünf Pässe sollte ich an diesem zweiten Tag des Raid schaffen. Es ist möglich, denn ich habe Zeit gewonnen – aber keineswegs sicher. Ich schlafe in Massat, Hotel du Globe, ein kleines Hotel am Kirchplatz. Die sämige Kartoffelsuppe und das Kronenbourg taten unendlich gut. Mein Rad steht in der Halle des Hotels neben einem Motorrad aus Klagenfurt. das Paar am Nebentisch beugt sich über Michelinkarten, die Deutsch beschriftet sind: wir sind auf der gleichen Route, quer durch die Pyrenäen.

Wir gehen die fünf Pässe durch:

Portet d’Aspet

Menté

Peyresourde

Aspin

Tourmalet

und wünschen uns eine ruhige Nacht

Die fünf Finger meiner Hand. Eine typische Tour de France Etappe: St Girons – Tourmalet. Eine neue Variante des Raid Pyréneéen, der eigentlich über den „kleinen“ Col des Ares führt, welcher den Menté nördlich umfährt. Aber es gibt auf dem Planeten des Radsports eine Stelle, die ich unbedingt sehen muß. Die Stelle, an der Luis Ocana 1971 die Tour durch einen Sturz verlor. An dieser Stelle werde ich absteigen.

a mssatDas kleine Massat schlummert noch, die Häuserfassaden, deren Inschriften nichts mehr bedeuten, grüßen traurig. Einen Käsegroßhändler habe ich entdecken können im alten Handelsstädtchen, einem Kreuzungspunkt für  Agrarprodukte der umliegenden Berge. Jetzt bleibt noch ein wenig Tourismus, aber auch der zieht sich lieber in  AllInclusive Regionen an die Küsten zurück. Auch die Alten bleiben fort, nur die Alten des Dorfes bleiben dem Tresen des Globe treu.  Der Maître stellt mir handschriftlich seine Quittung aus.

Morgendämmerung ;

Ganz sanft abwärts rollt die Straße aus Massat hinaus Ich kreuze den Kühlwagen, der den Supermarkt versorgt und die Lichter der 24h Tankstelle grüßen mich. Schon fliegt das kleine Radfahrerhotel lesdeuxvélos am „lieu dit Roquefort“ vorbei, das einst von einem gewissen Nick Flanagan gegründet wurde.

a massat saison2Locker und leicht fliege ich durchs dichte  Grün, immer entlang am Fluß. ein Fuchs jagt eine Katze, die sich auf ein Mäuerchen flüchtet. Als beide mich wahrnehmen verschwindet der Fuchs und die Katze sieht mich an.

Einsame Straßen, auf denen wunderschön freihändig rollen ist, während die Schokolade im Mund schmilzt. St. Girons kündigt sich durch ein Papierwerk an – merkwürdiger Geruch, alte Maschinen.  Gleich bekomme ich den nächsten Stempel und ein Frühstück in der Bäckerei.

a flammgironsDa ist die Flamme Rouge, die Bäckerei ist nicht weit. Wieder zähle ich meinen Vorsprung gegenüber dem letzten Jahr:  Es ist gleich halb acht, im letzten jahr bekam ich noch um 9 beim Radhändler Luft. Genau diese 90 Minuten werde ich am Ende, am Tourmalet brauchen, wenn ich in Ste Marie de Campan Proviant fasse.

a ariegeAber hier geht es weiter durch die grüne Ariege, dieses  halbwilde Land voller Dörfer und kleiner Bäche.  Wolken hängen in den runden Gipfeln, nicht zu fest, der Wind bewegt sie leicht, der Himmelsgrund ist blau, die Luft herrlich frisch. 30km bis zum „Daumen“, dem Portet d’Aspet. Als ich einen kleinen Dorfladen sehe greife ich zu  – für die nächsten 60km dürfte das der einzige Ort sein, an dem ich einkaufen kann.

a ariege2Die Österreicher überholen mich auf der Triumph und winken, zwei Radfahrer kommen mir in den ersten Wellen des Passes entgegen. Sonst nichts und niemand .a ariegefontaine

Im Brunnen schwimmen Goldfische , die im letzten Jahr noch nicht hier wohnten.  Bestätigung ohne Worte: es ist Trinkwasser. Die ersten langen Waldsteigungen kündigen den Paß an, doch erst nach dem Döfchen Portet d’aspet bekommt er durch Serpentinen „alpinen“ Charakter.

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So malerisch alles wirkt: allein auf der Hauptstraße des Ortes stehen fünf einwandfreie Häuser zum Verkauf. Nicht einmal Kondensstreifen sind zu sehen, und ich denke darüber nach, wieviele Quadratmeter Eigentum es in Frankfurt wären . .  .

Noch drei Serpentinen und ich kann den Daumen hochhalten. Es ging, aber spielerisch leicht war es nicht. Die Abfahrt des Passes ist berüchtigt, die Straße ist sehr eng und kurvig, manche Rampen haben über 15%.  Der große Poulidor stürzte hier und Fabio Casartelli ließ 1995 sein Leben. Die Karawane zieht weiter.

Der Zeigefinger.

In der letzten Kurve der Abfahrt geht es gleich links ab in den Menté. Der Menté ist zweigeteilt, wie ich seit der Fernsehübertragung von der 12ten Etappe weiß. Zuerst leicht bergauf nach der Kurve, die ich gerade verlassen habe und irgendwann nach einem Dorf rechts über die Brücke und dann erst richtig los: hier wurden die Ausreißer gestellt und hier griff Merckx 1971 an – mit 23 Zähnen im Heck. Hier gibt es keine Ausreißer und ich habe jeden meiner 28 Zähne bitter nötig , denn schon im „Vorspiel“ verstecken sich heftige Rampen.

a mentéole Eine Fernsehkamera täuscht eben.  Viele priapische Symbole kann ich auf der Straße entdecken. Die meisten wurden  allerdings vermalt. besonders einem gewissen Barguil wird reichlich Potenz gewünscht

a menténeedleDas erwähnte Dorf kommt spät und dann geht es über 6km ohne Pausen in Serpentinen den grünen Hang hinauf. Alles ist heute Bilderbuch und die Aussicht wechselt mit jeder Biegung. In regelmäßigem Abstand rauschen mir jetzt Carbonrahmen entgegen, die Hand wird lässig zum Gruß gehoben.  hui . . . der da war über 60 – das macht Mut. Die Luft klar, die Wiesen gepflegt, auch die Häuser, hier wirken die Pyrenäen wie die Schweiz.

a menté1Ich kämpfe und  halte durch. Die letzte Haarnadel ist erreicht, dann beginnt wieder der Wald: links steht ein alter amerikanischer Schulbus dessen Zweck ich nicht erschließe. ; Puls 140 – ein wenig Geduld noch, mit einer 400m langen, zähen Geraden  endet dieser unübersichtliche Paß. Puh!, und das war nur erster Kategorie.

a mente2Vor mir liegen jetzt hinter dem Tal von Luchon die hohen Pyrenäen mit dem Gipfel des Pic du Midi d’Ossau, auch die Ariege ist überwunden. In der Sonne schmeckt mir ein kleines Stück Wurst von dort, die mir zu einem lächerlichen Preis im Dorfladen verkauft wurde. Dann statte ich der Geschichte meinen Besuch ab:

a ocan1Tatsächlich: die Kurve ist bezeichnet. Sie folgt auf eine recht lange Gerade, also hatten die Sturzkandidaten 1971 im Regen reichlich fahrt aufgenommen. Ich stelle mein Snel dort ab, wo Knappe Zoetemelk Don Luis Träume zerschmetterte. Der Rest ist Geschichte. Die Abfahrt des Menté auch auf dieser Seite eine wunderschöne Entdeckung. Viele, viele pilgern mir jetzt im Schweiße ihrer Lycrawamse entgegen. Sie kommen aus St. Béat, einem Städtchen von vielleicht 2000 Einwohnern, davon heute ein viertel Radsportler.  Dann Luchon (Bagnères de).

a luchoncyclingLuchon Cycles ist geöffnet, mein Luftdruck stimmt und ich lasse mich im Schatten des alten Tankstellendachs zur Mittagsrast nieder. Der Bäcker, der die nachfolge der Tankstelle angetreten hat, macht auch einen sehr guten Café. Also zwei.

a luchon1

Noch 75km bis zum Tourmalet: drei Finger, Peyresourde, Aspin und Tourmalet.

Der Mittelfinger

Ein eindeutiges Zeichen, aber auch ein zeichen des Aufbegehrens. Der Peyresourde verlangt mein Aufbegehren. Sein Hang liegt in der Sonne und die ist jetzt im Zenit. Irgendwann muß man Essen und irgendwann trinken. Und weiterfahren. Der Peyresourde ist auch deshalb so mühsam, weil er kaum Kurven kennt. Drei am Anfang und drei am Ende. Auf 15km ist das nicht viel. Kurven sind hilfreich, man kann die Steigung der Straße an ihnen ablesen. Der Anfang des Payresourde ist steil, es geht pausenlos am hang entlang. Räder , die mir entgegenkommen sind absurd schnell, die Dörfer gnadenlos.

b garin„La Vache!“ sagt der Franzose, wenn er eine böse Überraschung erlebt, aber  in Garin ist die Überraschung durch. Ich schnappe Luft. Der Peyresourde macht eine kleine Pause um am Ortsausgang die Zivilisation zu verlassen. nach der Gabelung begleiten Akazien malerisch den Weg, die Steigung aber bleibt mehr oder minder bis zum Ende.

b peyresourde1Hier nehme ich ihn das erste mal ins Visier. Ich hätte schon Lust auf eine Pause, aber die Entdeckung zweier Verfolger stimuliert mehr als alles andere. Sie sollen mich nicht haben.

b peyreself

Ich blicke auf die erste Halbzeit zurück. Einer der schönsten Kilometersteine der Welt. Auch auf der anderen Seite ist das Wetter schön und in 17,5km werde ich ein deftiges braunes Affligem vom Faß genießen. Die Kneipe in Arreau ist geöffnet und ich bereite mich mit der lektüre von Equipe Magazine auf den Aspin vor.

Der Aspin ist der Ring an meinem Finger.

b aspinne

Dieses Bild entsteht nach ungefähr 6km, der Blick geht zurück auf Arreau, irgendwo hinter dem wolligen Hügel steckt der Peyresourde. Am Aspin fühle ich mich genauso wohl wie im letzten Jahr. Die Straße ist schön, überall gibt es Bäume und herrliche Blickpunkte. Manchmal hat die Straße nur noch 5% Steigung  – fast nichts. genüßlich lasse ich dann die Schaltung auf das 24er Ritzel flutschen. Am morgen hatte ich nochmal Kette und Schaltseile geölt, beides nötig.

Dann überholt mich eine kleine Trainingsgruppe mit geölten Beinen. Auf den letzten drei Kilometern nehmen sie mir zehn Minuten ab. Ich denke an meinen kleinen Finger und den Tourmalet.

b aspinsaumon

Am Aspin herrscht das große Stelldichein . Alle Minuten kommen neue und fahren wieder los, manche locker, manche erschöpft. Eine gute Gelegenheit, mein Lachssandwich zu genießen – es schmeckt. Von der Zeit wird es reichen. Ich sollte um kurz nach fünf unten in Campan sein.

(Wieviel Saft noch im System ist, weiß ich nicht,  es ist eigentlich nie klar, solange es keine eindeutigen Zeichen wie Krämpfe, extremen Durst oder anderes gibt. In meinen Flaschen löse ich immer wieder overstims, ein Maltodextrinpulver mit diversen Zusätzen. Gerne verlängere ich es mit Perrier. Zwischendurch nehme ich die Magnesium-vitamintabletten, die nach Limonade schmecken und schön prickeln. Nie zuviel auf einmal )

b campan

Kurz nach Fünf am Carrefour von Ste Marie de Campan, eine der berühmten Kreuzungen in der Welt des Radsports. Die Heimkehrer von Tourmalet und Aspin kehren nun ein, von Windwesten geschützt. Ich fasse im kleinen Supermarkt nochmals nach und bereite mich für den letzten Berg des Tages vor. Das Wetter bleibt mild und klar. Ein fantastischer Tag in den Pyrenäen, der einen würdigen Abschluß verdient hat.

c gripp

Als erstes kommt Gripp, der Ort, in dem es im letzten Jahr keine Unterkunft gab. Erste Höhenmeter. Dort hinten zieht sich das Tal der Adour zu, die Sonne wärmt noch. Die Urlauber kehren in ihre Unterkünfte ein, es roiecht nach heu, das irgendwo gemacht wird.

c selfBis zur Brücke über die Adour geht es ganz gut, danach beginnt das Leiden. In einer ganz regelmäßigen Steigung geht es nun durch den Tann. Tief einatmen und einfach weitermachen. In der Kehre werde ich aus Wohnmobilen ermuntert.

Dann kommt das Christophe-Denkmal in Sicht, der Motivator schlechthin. Ein paar letzte Genossen kehren vom Paß heim. Ein Vater und sein Sohn schießen mir entgegen, die zu große Windjacke des Jungen flattert, er ist höchstens 12. Mit einem Lächeln übers ganze Gesicht sieht er stolz zu mir herüber. Endloses Glück

c la vue du gamin christoph

Und so sieht es aus, auf dem Weg nach La Mongie, den ich immer langsamer hinaufrolle. Ich nehme zwei Fruchtpasteten, Aprikose-Birne und Heidelbeere. Es hilft, nicht abzusteigen. Wiegetritt, hinsetzen, Wiegetritt: auf die Tunnel folgen erste Exemplare brutistischer Architektur. ich finde sie , warum auch immer, irgendwie ok.

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Vielleicht weil ich an Neo Rauch und den sozialistischen Realismus denken muß? Die Sonne strahlt gnädig über die Ski_Station und der kleine Supermarkt kommt in Sicht: den ich mir als Rettungsanker erwählt habe.

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Ein Liter Perrier, ein Baguette, gesalzene Cashews und Feta. Dafür gibt es den ersehnten Stempel. In Ruhe genieße ich die frischen Mineralien und die letzte Sonne in la Mongie .

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Dann mache ich mich im Gefolge einiger  katalanischer Mopedisten auf .

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Kühe ziehen vorbei wie indische Gottheiten und ich transzendiere in die letzten Kilometer. Der Paß ist frei und immer noch steht vor den letzten Kurven seinen Name: Ulle. Ich gehe aus dem Sattel und bei jedem ausatmen, rufe ich ihn an – Kraft und Glück soll er mir bringen.

c tourvache

Die Kühe drehen sich nicht um –  da endlich ist der Paß!

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Darauf einen Apfel,  mein alter Zossen. 5 Finger – mehr braucht es nicht.  Die Abfahrt wird eine große Belohnung

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Luz St Sauveur -Heilsbringer des Lichts! –  heißt das Ziel, Terminus das Hotel.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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5 Antworten zu Pyrenäen 2 – fünf an meiner Hand

  1. alex schreibt:

    Man quält sich mit bei diesen Zeilen. Ich denke Du kannst stolz sein – Glückwunsch.

    Aber dieses Bild mit den Kühen am Rand der Straße, dem Bergnebel und dann diese Betonklötze. Die Teile sind so häßlich, daß sie schon wieder schön sind. Das wirkt so unwirklich…

  2. crispsanders schreibt:

    Dankesehr ,
    die eigentliche Quälerei währte nur eine gute halbe Stunde – es ist unglaublich, wie eine Abfahrt von 20km alles aufwiegt – wirklich alles. Und das Bier danach auch.
    Die Brutal-Architektur ist eigentlich schon wieder Geschichte, vielleicht müssen wir keine Angst mehr vor ihr haben.

  3. monnemer schreibt:

    Grandios. Also Leistung, Bericht und dieses surreale Foto der Kühe am Tourmalet.
    Danke fürs Mitnehmen!

  4. crispsanders schreibt:

    Dank fürs Kompliment.
    Die Kühe am Tourmalet sind bis zum Almabtrieb dort und haben sich mit der surrealen Kulisse abgfunden . . .

  5. randonneurdidier schreibt:

    Aaaaah! Wunderbar, mehr davon! Und salzige Cashews bringen Kraft.

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