Pyrenäen 3 – das Rauschen der Biskaya

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Es summt und ich summe mit :  – eine Melodie von LanadelRey,  die mich seit dem kleinen Café in Azun begleitet. Die Bienen summen im Chor einen slow tango, genau meine Trittfrequenz hinauf auf den Soulor . . . .

a azunDieses kleine Café in Azun liegt direkt am Weg zum Col de Soulor, ein paar Kilometer hinter Argelès, wenn die ersten Höhenmeter schon gemacht sind.  Der Soulor hat mehrere Seiten, hier ist die Ostseite und dies ist mein erster Café seit heute morgen 6h20, dementsprechend irrwitzig seine Wirkung.DSCF5526

In den Bergen lohnt ein früher Aufbruch doppelt: man hat die Welt für sich, die Luft ist vollgepumpt mit Sauerstoff und superblau. Unterwegs begegne ich nur Menschen, die gerade vom Bäcker kommen oder auf dem Weg zu ihm sind.

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Er war eine der wenigen Ausnahmen  –  zweifellos hat er den Tourmalet zum Ziel und fährt auf der gleichen Strategie: früh los, früh oben. Unser Schnittpunkt ist die Landstraße zwischen Luz und Argelès. Dort hinten , wo die Sonne den Berg berührt geht es links hoch.

Azun (s.o) liegt auf halbem Weg zum Paß. Es ist die „zivile“ Seite des Soulor, die Hälfte des Anstiegs führt durch Gehöfte und kleine Dörfer, die auf einem kleine Plateau liegen. Gleich hinter Azun wird es dann grün und stetig steigend . Ein Schild erinnert an die Erstbefahrung durch die Tour de France und die bekannten Kilometertafeln trösten den Radler mit Prozentangaben zwischen 6 und 9. Alles im grünen Bereich, auch weil die Straße bis kurz vorm Gipfel unter Bäumen entlangführt. Ich fühle keinen Schmerz, nur ein Staunen.

DSCF5533Meine herrliche Einsamkeit wird  drei Kilometer vor dem Paß von einem „ufolep-limousin“ Amateur unterbrochen, der den Soulor zum Intervalltraining nutzt. Schwupp, ist er davon.

a soulor3Fliegenbewölkt galoppieren mir die wilden Pferde am Paß entgegen. Die Hütte ist noch geschlossen und so genieße ich nur kurz mein mandelcroissant aus der Boulangerie von Argelès. Ein mandelcroissant mit crème patissière, fast ein Kuchen. Fünf Sterne für die Adresse am Kirchplatz von Argelès. Auf in den Aubisque!

a soulor5Nur das Geräusch von Schafglocken ist an dem windstillen morgen zu hören. Auf der kleinen Abfahrt entspannen sich die Muskeln für den letzten Giganten.

Ich summe weiter den Tango und freue mich über den festen Schlaf der Wohnmobilisten, Motorradler und anderer Hindernisse auf dem Weg zum Gipfel. Zwei Motorradfahrer haben auf einem kleinen Grasdreieck biwakiert und knien auf ihren Schlafmatten, die sie wie Gebetsteppiche zusammenrollen. Tief unter mir nimmt der weiße Lieferwagen die Kurve zum Bergcafé.

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Englische Rentner, die mich eben in ihrem MG-R überholt haben, bestätigen 10 sharp meine Anwesenheit.  Stempel abgeholt, eintreffende Radfahrer (kamen alle von der Gegenseite)  zu ihren Plazierungen gratuliert. Auf mich wartet jetzt eine der schönsten Abfahrten der Welt hinunter nach Laruns. Immer mehr Aspiranten in geöffneten Trikots kommen mir entgegen. Sie sind eindeutig auf der härteren Seite unterwegs.  . . . . ein andermal.

(…die Abfahrt des Aubisque beginnt mit einigen harmonischen Schleifen auf der Alm, in einer letzten Geraden rast man dann sehr schnell auf ein Hotel zu, daß auf dem Bergvorsprung  liegt. Die Kehre davor  hat eine Auslaufzone. Dann geht es unübersichtlich schlängelnd am Hang hinab, die Straße ist schmal und taucht plötzlich weiter slalomierend  in eine Baumpassage ein, die man mit hoher Geschwindigkeit erst am Ortsschild von Gourette verläßt. Dort wird die Straße plötzlich sehr breit, in einem großen Schwung führt sie mitten durch die station de ski und verläßt sie mit doppelter Prozentzahl . Es folgt der Abschnitt mit den zwei überdachten  Teilstücken, eine lange Gerade,deren Anstieg sehr  viel Kräfte zehrt. In mehreren engen Kehren geht es hinüber auf die andere Talseite, die so gut wie immer im Schatten liegt. Sehr malerisch geht es dann im Wald neben einer rauschenden  Klamm hinunter , wieder den Hang wechselnd auf eine letzte Gerade, die mit einem scharfen linken Haken urplötzlich auf dem Marktplatz von „Les eaux bonnes“ endet. Die Autos , die man an den überdachten Passagen oben überholt hat holen ein nicht mehr ein . . . . ein letztes mal genieße ich die schlafwandlerische Stabilität meines Snel . . .)

 

b mammutlarunsAn den Mammutbäumen über Laruns endet der Rodeo. Wer genug Zeit hat,  kann sich in Laruns, Hauptstadt der Vallee d’Ossau, mit Spezialitäten der Region eindecken, darunter sehr gute Wildpasteten und den berühmten Schafskäse. Ich speise ganz bescheiden am Ortsausgang am Intermarché. Auch hier gibt es ein Chimay blau, 2017.

Neben mir scharren frischgesalbt Herren in Vereinstrikots mit den Cleats. Sie sprechen flämisch und immer wieder höre ich „de Soulor“. Ich kaue weiter und schütte Bier nach.

You this way, me that way – so um die 150km bleiben noch : es ist nicht einmal Mittag und es wird warm. Am liebsten würde ich jetzt in den Liegestuhl wechseln, der neben dem Eingang steht. Besser nicht – Sonnencreme und kurzes Trikot, und den Rest zurück in die Satteltüte knautschen.  „Kommt Kinder, wir fahren ans Meer“.

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Die Strecke zieht sich jetzt am Rand der Pyrenäen entlang. Wer will, kann über den Col de Marie-Blanque variieren, ich ziehe die sanfte Kühle des Bois du Bager vor. Ein ausgeblichener Kilometerstein am Rand. Dieses Relikt kluger Straßeningenieure ist wie von Geisterhand von  Frankreichs Straßenrändern verschwunden – dieser ist gemeißelt und auf ihm steht: Tardets 54km. Die nächste Kontrolle. In 2 Stunden?

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Knapp umfahre ich das Weibchen des Hirschkäfers, das auf dieser kaum befahrenen Nebenstraße wenig zu fürchten hat. Der bois du bager verbindet das Tal von Ossau mit dem Tal des Gave d’Oloron. Dann kommt kreuzt die Route die Landstraße nach Spanien, gleichzeitig  Pilgerroute von Compostela. Schnell übergesetzt und durch das Gebiet der Musketiere (Aramits) bis Tardets weiter, es wird warm, der Belag des schmalen grauen Bandes ist rauh – aber Tardets kommt.

b tardetsIn seiner Gestalt ist der Marktplatz völlig unverändert und das Restaurant „Pyrenées“, in dem ich die Vergrößerung dieser Postkarte hängen sehe, ist das haus mit den Arkaden links. nachdem das Mittagsbaguette mit Schinken und Käse von einem Leffe verrflüssigt wurde kommt der Patron noch auf mich zu – „Früher hatten wir noch das kleine Emailleschild des CycloClub.“

b tardetslespyEr meint ein Schild,  das den Teilnehmern des Raid Pyrénéen eine Herberge anzeigt. „Wir haben es aber demontiert, nachdem Jugendliche versucht haben, es zu stehlen . . “ aNch einem Blick in die Tageszeitung (das Wetter bleibt gut, maximal 26celsius quelle aubaine) noch den Stempel und weiter, mit dem Osquich wartet das letzte nennenswerte Hindernis. Tardets bleibt eine Perle.

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Kurz darauf die magische Zahl.  Liebe D 918/618, verschone mich von Pannen, Speichenbrüchen und Wegelagerern, dann sehe ich in 6 Stunden den Atlantik. Der eigentliche Kampf beginnt, wenn die geographischen Herausforderungen überwunden sind. Keine Hochgebirgsdramen mehr, keine grandiosen Naturschauspiele, nur kleine, unangenehme Steigungen, zunehmender Verkehr und Asphaltflirren – eine mentale Geschichte. Die letzte Fruchtpaste wandert in meinen Mund – Kirschgeschmack! Osquich, ich sehe Dich.

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Zunächst einen Blick zurück auf die hohen Pyrenäen, dann noch ein schöner Kilometerstein, ein Café und ein kühles Glas Wasser am Pass. Die rote Steinkappe bedeutet, daß diese Straße ursprünglich eine „Nationale“ war. Wie viele mittlerweile zweitrangige Strecken wurde sie zur gelben Departementale abgestuft, was mit alten Michelin Karten schön nachverfolgt werden kann .

Der Weg führt durch die baskischen Pyrenäen, besser gesagt deren Ausläufer. Auffällig sind die häufig kahlen grünen Bergkuppen (mit heftigen Direktanstiegen), auf denen verstreut in ochsenblut und weiß gehaltenen Höfe liegen. Ein Weideland und dazwischen kleine  Wälder. Der letzte Abschnitt der Pyrenäen. Eine Stunde bis St Jean Pied de Port , einer idyllischen Festungsstadt, die ich von Touristikbussen umlagert finde. Die Straße folgt einem weiteren Fluß sanft bergab, was den Gegenwind kompensiert . Zwei tragen ihr Kanu.  Ich habe ausreichend zu trinken, aber wie ich jetzt merke, nicht ausreichend Sitzcreme angewandt. Ignore button on.

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Vorletzter Stempel, ich feiere ihn mit einem Sorbet des Hauses. Nun kommen die sattsam bekannten Trainingskilometer zwischen Cambo und St. Jean de Luz, die ich so sachte und schonend wie möglich hinter mich bringe. Mit der Einsamkeit des Langstreckenfahrers ist es ab jetzt vorbei.

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Diese Ruderer trainieren für einen lokalen Wettbewerb auf der Nivelle, die ins Hafenbecken von St. Jean de Luz  mündet. Rhythmisch atmen die Ruderer aus. Sie klingen wie isländische Fußballfans, es sollten aber Basken sein.

c stjeanmadoneDann die Marienstatue, die mit ihrem Kind die Fischer grüßt – noch 12km. Die Sonne verschleiert sich, verschwindet aber nicht. Touristen promenieren auf den Klippen und grüßen die Biskaya. Dort hinten ist schon Spanien. La Corniche – Lorbeerduft.

c lacoteDie Sonne bescheint durch ein Loch in der Wolkendecke die spanische Küste Richtung Bilbao . Soweit muß ich nicht mehr, nur noch bis zur Strandpromenade von Hendaye, eine 1 km lange Gerade, direkt hinter dem schönen breiten Strand, der sehr gern von Spaniern besucht wurde. Noch eine Steigung, noch ein Kreisverkehr inmitten von Palmenbüschen und dann der letze Hang zum Meer hinunter. .  . .

c finisher2Die Sonne reißt auf, ein letzter Surfer kippt um , Passanten haben sich fürs Abendessen feingemacht. Im Café scheitere ich, aber der Surfshop hat noch einen, ein Relikt der analogen Epoche: einen Geschäftsstempel.

c carnetde routeDen habe ich jetzt gebraucht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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3 Antworten zu Pyrenäen 3 – das Rauschen der Biskaya

  1. randonneurdidier schreibt:

    sensationell gut beobachtet und beschrieben! Dazu die passenden Fotos. In St. Jean Pied de Port war ich vor elf Jahren auch auf der Durchfahrt. Von Köln nach Santiago de Compostela. Da habe ich die Pyrenäen auf sanfte Art gequert. Beste Grüße Dietmar

  2. crispsanders schreibt:

    Mein Bildschirm errötet bei solchem Lob. Ich hoffe, mich eines Tages im Berliner Revier revancheieren zu können….

  3. alex schreibt:

    Danke für den Ausflug !

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