WahlkampfRunde – Samstags , August 17

a frucht2Die Luft hat noch einen warmen Unterton, eine weiß grundierte Leinwand mit einem Schuß Neapelgelb. Es ist Mitte August, Nachsommer. Der Wind bläst, schneidet aber noch nicht. Die Sonne hebt sich schon ein wenig träger empor, das Gras bleibt taufeucht bis lange in den morgen und ich rolle durch das kleine Gartentor.

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Der strahlende Himmel hat graue Tupfer, der Wind schiebt sie von West. Die Disteln am Straßenrand haben ihre Blüten verloren, in den schwingenden Kolben machen sich bunte Finken zu schaffen.  Um es mir leicht zu machen, fahre ich einmal Nordost – einfach sehen wie weit das Wetter es zuläßt. Vielleicht bis Marburg . . . . Ohne Regenhaut gestartet , nur das mischgewebte Unterstück, doppelt kurz, –  den Wettergott fordern. Ich will keinen Herbst, also gebe ich mich sommerlich.

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Auf welcher Strategie fahren wir heute ? Gute Landkarten sind ja selten geworden. Da gibts hübsche wasserfeste in merkwürdigen Maßstäben (70k, 110k), auf denen vieles wegfällt und dann sehr detaillierte, aber  „bemalten“ 50k , bei denen man vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Alles unter Bundesstraße hat Wirschaftswege-maß, dazu viele bunt überkleckerte Routen. So ist in der Übersicht kaum eine Strecke auszumachen. Mit feinen, leuchtenden Stabilos geht dennoch etwas und die Blickführung wird erleichtert . . . .b karte

Auf einer 50k ist jede Menge drauf , etwas bessres fällt nicht vom Himmel. Denn die Zahl der Kartenleser wird in einer Nation von Smart-navi- App Prosumern nicht zunehmen. Aber bitte: gedenken wir der Bundeswehr Meßtischblätter, als das Wandern noch geholfen hat . . . achja.

Die Karte bleibt zuhause, die Strecke ist im Kopf, mir reichen 7 bis 8 wichtige Orte. Auf,  zum Ostrand des Westerwaldes, vielleicht bis Marburg.

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Es wird ein Tag nördlich der Lahn. Die Lahn ist eine sehr gute Hilfsline, sie teilt  die tausend Höhenzüge zwischen Nord und Süd und ihre östliche Krümmung bildet ebenfalls eine Grenze. Alles nordwestlich ist Westerwald . Der wiederum geht über in Sieben -, Rothhaar- und andere „gebirge“,  keine Berge, sondern endlos viele Erhebungen ähnlicher Qualität, die man irgendwann administrativ verteilen mußte.

b koga63Mein Gardemaß-Koga (63) surrt fast lautlos, die Pasela Reifen sind immer wieder für ein plus an Komfort verantwortlich – auch wenn man es auf unseren Landstraßen prima mit Rennreifen aushält. Die 400m Marke liegt unter mir, die Wolken verdichten sich, ihre Tönung jedoch bleibt hell. Für die nächsten Stunden habe ich nichts zu befürchten und folge weiter der klugen Straßenführung, die mich ohne böse Steigung von Tal zu Tal trägt.

a bildstockWas sich zwei Höhenzüge weiter zur Dill hin ändert ist die Konfession. Keine auffälligen Kirchtürme der historistischen Bauwelle des 19. mehr, keine Bildstöcke oder primitive Kreuze mit Blumenschmuck. Schlichte und ruhige Dörfer,  tiefer Frieden mit Heckenschere und Holzspaltern.

DSCF6163Ein letztes mal noch den Taunus grüßßen. Die Straße angenehm breit und so gut wie unbefahren. Fernab kreuzen Motorradgruppen den Weg  hinunter zur Lahn, in einer Kurve  bunter Sand, mit dem Feuerwehren bei Unfällen ausgelaufenes Öl abbinden. Immer ein Auge auf den Belag, : kein Splitter ist vom Ereignis geblieben.

Der

Wind streichelt die Blätter und läßt die Erlen silbern schimmern. Ich folge dem Tal der Dill, weiter hinten die Brückenpfeiler einer Autobahn- sie hält die Straße frei und  Dörfer ruhig. Ereignisse aber werfen ihre Bilder voraus:

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Sie sind die Ersten auf dem schwarzen Brett von Dillheim.  Was Tolstoi zu dieser kleinen Werbung gesagt hätte? Ganz gleich: Die hotspots unseres Planeten sind nunmal wirklich weit weg. An dieser Stelle für Ordnung, Sicherheit oder Frieden zu werben muß ironisch gemeint sein –  2017. Auch das Thema Flüchtlinge hinterläßt  hier kaum Spuren: wer hier kein Fahrzeug  besitzt, wird es schwer haben mit dem Lebensmittelversorgung.

Es ist Wahljahr, aber seltsam lustlos wird das oberste politische Ereignis in etwas mehr als einem Monat angegangen. Eigentlich wollen ja alle nur das eine: gewählt werden. Für Sicherheit, für Ordnung, für sauberes Wasser und glückliche Kinder. Die einen reden vom Klima, alle machen schön Wetter. Lieb Wählvolk magst ruhig sein, denn auch Dir ist die Rente sicher. Gemeint sind damit zuvörderst die Gewählten – the happy few.

Wie sagte Janosch einst:  fast alles ist prima.

Meine erste (echte) Orientierungspause findet in einer gelbroten Tankstelle statt. Diesel kostet ungefähr 1Euro 13, das billigste Benzin 20 cent mehr. Der Cappucino mittel (ohne Mengenangabe)  ist für 2 Euro 30 zu haben.

a3Nach dringend erforderlicher Aktualisierung meiner Sportkenntnisse bewege ich mich weiter Nordnordost. Grobe Richtung : noch immer Marburg. Kölschhausen, Lemp, Bermoll die neuen Namen  in einem neuen Tal.

Die Zahl der Anstiege, der Irrwege, die  Windrichtung, – das alles läßt sich nur auf einer Erkundungsfahrt prüfen, da hilft kein theoretischer Track. Für ein spätes  Mittagessen in Marburg wäre noch eine Möglichkeit. Auch die beste karte, das schönste Routenplanungsprogramm sind nur grobe Orakel. Die Wahrheit liegt auf dem Tarmac.

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Zwischen beiden Orten ist  noch reichlich Platz. Aus dem Tal ging es sanft hinaus, einige Radfahrer grüßten mich entgegenkommend –  ein gutes Zeichen für die Streckenwahl. Die Hügel sind flacher geworden, die Zahl der Wirtschaftsflächen nimmt zu, bis Marburg sind es kaum mehr als 20km . . .

Kurz vor Erda kreuzt ein  Höhenweg, der von einer Trutzburg bewacht wird. Sie nennt sich Hohensolms, wie ich gleich erfahren werde

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denn eine Sportgruppe mit Weltmeister hat mich gerade eingerollt und ich wage den Anschluß. Vornweg der Mann mit dem Navi, vier weitere folgen ihm, sie fahren ihre Samstagsrunde. Dieser kleine Fernsehturm am Horizont , gleich über dem blauen Streifen im Trikot –  da wollen sie hin. Und dahinter  liegt Gießen. Tschüss Marburg

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Es geht jetzt über Dörfer. An den Anstiegen wird erst geheizt, dann gewartet. Bald ist mein Koga akzeptiert. Der Navigator hat sich hübsche Wellen auf versteckten Strecken ausgesucht – so ein Bergführer ist ein Genuß und ich knipse Dorfschilder, wie ich kann.

Horizont erweitern,  Mikrokosmos vergrößern. Die gute Form genießen und das milde Klima,  Fachwerkhäuser und Blickpunkte.

Nach einer guten Stunde verabschieden wir uns nördlich von Gießen. Der Marburger Landstraße folgend rolle ich stadteinwärts: Zeit, ein Mittagessen zu nehmen.

Hier ist es noch zu früh – also wie immer bei Gutburgerlich einkehren . 30min später.

Sitzplatz  am offenen Fenster. Ein steter Strom von Fußgängern kreuzt die Straße, an Unterhaltung mangelt es also nicht und lenkt mich davon ab, im Antiquariat nebenan keinen Erfolg gehabt zu haben. Drei Bände Kipling im Dünndruck, von denen ich nur einen hätte in die Trikottasche stecken können. „Tut mir leid, die gehören zusammen“.

Kipling ist kein Autor, den man als zeitgenössich einstufen würde, selbst wenn sein Dschungelbuch dem Disney-Imperium mehr einbringt, als das auch nicht ganz erfolglose Schriftsteller- Dasein. Kipling als viktorianischen Engländer einzustufen ist ein halber Irrtum. Kipling ist Inder englischer Nationalität,  früh von zu Hause verschickt, Reporter einer Zeitung in Indien, taucht er tief in die Geheimnisse des Subkontinent und England zur allgemeinen Schulbildung besuchte. Beides prägt: die Kadettenanstalt und Slums, beides ist in ihm drin.

Seine Perspektive ist die des kolonialen Briten, seine Umgebung aber beschreibt er als Kenner. Auch wenn die imperialistische Haltung (Untertreibung) nicht mehr vermittelbar ist,  sind die Spannungsverhältnisse zwischen Kasten und Religionsgemeinschaften, nach wie vor Wurzel der meisten Konflikte, die eine mittlere Stadt wie Gießen zum Verwaltungszentrum für  Flüchtlinge werden lässt.

Vielleicht ist es nicht ganz unwichtig, sich mit ethnischen und religiösen Minderheiten, mit Bürgerkriegen und Folgekriegen  im Pandschab, Afghanistan, Ostafrika oder der arabischen Halbinsel zu beschäftigen – oder ein Grundwissen nachzuholen, daß in  unkolonialen Land nicht auf dem Lehrplan steht. Wenn es sich politisch auszahlt, wird das sehr bald geschehen.

Rückweg

Kandidaten sehen dich an. Noch sind die Gesichter auf den Plakaten unverbraucht, in einem Monat werden wir uns sehr daran gewöhnt haben .  An der Lahn reiht sich eine kulinarische Versuchung an die Nächste, der Radweg ist gut besucht, der Fluß von Bootsstationen, Sprotplätzen und Reitanlagen gesäumt;  und irgendwann gebe ich dem Ruf der Imbißbude nach. Ein Licher Pils später :

kreuzt ein Paar auf perfekt restaurierten Kogas den Weg. Er hat verchromen und lackieren lassen und decals neu aufgetragen. Die Speichen glitzern, die Ritzel surren. Allein weiter durchs Lahntal, Kurs Wetzlar.

und an den Zeugen der vergangenen Ernte vorbei.

Ich streife den Wetzlarer Norden. Durch die alt-schwerindustrielle Nordstadt weht noch eine Atmosphäre, die an den Wiederaufbau erinnert. Es herrscht eine Stimmung, wie in den Novellen Hans-Erich Nossacks. Oder Andersch „Alte Peripherie“ fällt mir noch ein . Über einem Fenster noch der Schmauch eines Zimmerbrands. Hinaus ins Freie

Altenberg: unten am Kloster vorbei

Leun: noch einen Espresso beim Italiener,

Biskirchen: mit 18Z

Löhnberg : hinauf zur Sky Ranch

Merenberg: das 21er geht noch,  dann die Wetterwand

Nur noch eine letzte Stufe aufwärts und ich bin wieder am 400m Punkt . Hinter Merenberg (hi.)  ruht das gute Rad , Vor mir ein Schauer, der gerade abzieht, Traktoren wenden ein letztes mal Heu.

Der abziehende Regen legt einen zarten Schleier über den Horizont und dann kommt die Sonne wieder durch. Die Brombeeren sind noch zu rot, der Sommer noch nicht vorbei. 

21. August 2017

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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