Die Zeit zurückstellen

Es gibt Uhren, die brauchen nur alle paar Jahre eine neue Batterie. So wie die Küchenuhr mit dem roten Rand, die mir vor 18 Jahren bei einem Interimströdler in der Ilsenburger Straße, Charlottenburg in die Hände fiel . Sie läuft unbeirrt. Neben dem kleinen Zwischenmieter lag das Radomizil –  eine Kneipe und schräg gegenüber ein amtlicher Trödler der mir verriet, einige würden schon um 11 „mit 2 Atü uffm Kessel“ bei ihm aufschlagen. Das nahe Kraftwerk und die „Entsorgungsbetriebe“ hatten ihre Belegschaft schon lange rationalisiert, genauso die alte AEG Turbine, die nun Siemens hieß. Das Leben hier in dem Mietquadrantenviertel des Mierendorffkietz nördlich der Spree lief weiter.

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Und das Leben hier zwischen den vielen grünen Hügeln über der Lahn , das rollt nun seit vier jahren am selben Ort dahin, wie ich beim Durchforsten meiner digitalen Gedächtnisse sehe. Einige Batteriewechsel, einige Schulklassen weiter, einige Räder mehr.

DSCF3225Wieviel diese Jahre zählen? Für  Radsportler gibt es da eine interessante Methode die zeit zurückzudrehen:  Er besucht eine alte Trainingsstrecke, die er lange nicht mehr gefahren ist . Der Aartal-Radweg ist so eine Strecke, ein Lehrpfad der jahre 2012-2013.

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Die Aar ist ein schnelles Wasser aus dem Taunus, eher ein breiter Bach, der bei Diez in die Lahn mündet. Das von ihm  geschaffene Tal ist breit genug für eine Bahnstrecke (stillgelegt), eine malerische Landstraße Richtung Bad Schwalbach und Taunusstein, und einen gut genutzten Feld/Radweg parallel dazu. Steigungen sind kaum spürbar, meist geht es flach durch den Wiesengrund, es läßt sich also bestens einrollen.

DSCF6715Hier lernte ich, mit höheren Umdrehungen zu fahren, richtig warmzuwerden für die (kleinen) Anstiege nach Dörsdorf, Mudershausen, Katzenelnbogen . . . .  Lange Geraden über gute  Feldwege, kaum Verkehr und viele Möglichkeiten, von der gewählten Route abzuweichen. Ein ideales Trainingsgelände. Wenn jemand die Liebe zum Radfahren entdecken will, dann auf solchen Strecken, es hat sich bewährt.

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Manchmal ist es nur eine Lust, Laune und der Wunsch, ein paar alte Bäume wiederzusehen, noch einmal den Geschmack von echtem Quellsprudel zu spüren, wie in Rückershausen (Gemeinde Aarbergen). Gerade hatte ich den metallischen Geschmack und die sanfte Schärfe der Kohlensäure wiederentdeckt, als mir auf der Dorfstraße ein lange verdrängtes Vorhaben einfiel.

a rückrshausen

Unter den 400 Seelen des Dorfes gibt es eine Scheune mit beinahe ebensovielen Rädern. Den Mann, der sie zusammengetragen hatte traf ich vor drei Jahren auf seinem Jack Taylor. An solchem Ort einen Mann auf einem Jack Taylor zu treffen war kein Zufall und so erwähnte er nach kurzer Befragung seine Sammlung. Seitdem kam es nicht mehr zum  Treffen, – vielleicht weil ein Umzug dazwischen lag, vielleicht weil sich Trainingsstrecken  änderten. Auf dieser Dorfstraße schien ihn keiner zu kennen.

Beim dritten Fragen wurde ich fündig und bekam eine recht genaue Wegbeschreibung;  es war ein kleiner Winkel in einer Seitengasse, den man erst einmal entdecken mußte. Nun stand er da hinterm Zaun und erkannte mich vielleicht irgendwie wieder – es kann auch die AlexSinger Mütze gewesen sein, die meine Glaubwürdigkeit erhöhte. Ein Hof, eine Scheune, eine kleine Werkstatt, so kann ein Reich aussehen.

b claub.Nennen wir ihn claudbutler,  denn bei diesem Hersteller scheint das Finderglück am offensichtlichsten geweseen zu sein. Mehrere komplette Maschinen der Marke hingen an der Wand oder standen in Reihen aufgebaut. Wie man auch bei  Kimura lesen kann,  schloß ClaudButler seine Werkstatt 1956. Die Räder, die ich hier bestaune, ein Jubilee, ein GrandSport und die anderen sind also alle älter als 60 Jahre.  Es ist nicht unbedingt (nur) Anglophilie die englische Räder interessant macht .

Der Historiker Hobsbawm beschreibt, wie er nach dem Krieg ein 3Gang Rudge in Raten abzahlt. Für einen Mann, der in Cambridge promoviert hatte und eine Geschichte der Arbeiterklasse schrieb, war ein Autonicht nur ideell sondern auch finanziell keine Option und so zitiert er in seinen memoiren den Werbespruch : „…egal wieviele Fahrscheine du kaufst, der Bus wird dir nie gehören . . .“;  so, wie Hobsbawm sich ein Rudge leistete, kauften andere ihr Claud Butler.

Diese Räder erfüllten oft mehrfache Zwecke: Hauptsächlich fuhr man darauf zur Arbeit,  Einkaufen und zum Zelten (damalige Pauschalreise) . Doch oft waren Räder mit 4Gang Schaltungen an Wochenenden Rennräder. Dann wurden Schutzbleche entfernt und die Ausfahrt im Club oder das Zeitfahren begannen.

claud jubileeWegen dieser historisch-geographischen Besonderheit entstehen auf der Britischen Insel etliche Rahmenschmieden und  kleine Hersteller. Das heimische Reynoldsrohr gab es in vielen Varianten und je nach Vorliebe und Können wurde es gemufft oder fillet brazed,  also muffenlos gelötet. Den Kundenwünschen für Anbauteile und sonstige Bremskabelführungen konnte entsprochen werden, desgleichen Lackierungen und Sonderausstattungen.

coll jtNicht nur bei den Rahmen gab es viele Alternativen sondern auch bei den Anbauteilen. Da gab es ein halbes dutzend Nabenhersteller…. im Unterschied also zu den eher standardisierten Gebrauchsrädern des Kontinents ist leicht zu verstehen, welcher Reiz für einen Sammler von britischen Rädern ausgeht. Vor allem entdeckt man eine Vielzahl an technischen Lösungen, die damals am Anfang ihrer Entwicklung stehen.

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Eine Sammlung ist immer ein Ort, an dem die Zeit zurückgestellt wird. Wie auf der alten Trainingsstrecke werden dabei  Fortschritte bewußt oder schonmal relativiert.  Vieles ist schon dagewesen denke ich mir, vor allem wurde verfeinert . Und die Produktion wurde verlagert – aber das wissen die Menschen um den Mierendorff-Platz besser.

c 01Am Fahrrad ändert sich fast so wenig wie an den Jahreszeiten, das Hauptmaß technischen Fortschritts,  Moores Gesetz , ist außer Kraft. Fahrräder sind Mechanik 1.0:  auch bei neuen Werkstoffen und noch neueren Wattmetern, ein ClaudButler läuft auch im 21Jhdt, (anders als ein commodore 64 ) auf einem volltauglichen Betriebssystem.  Die einzigen updates dürften Reifen und Schläuche sein und vielleicht ein LED Birnchen. Man darf einmal gesetzten  – englischen –  Standards für Ketten, Laufräder und Gewinden heute dankbar sein. Sie haben sich global ausgebreitet und bilden fast eine Garantie für die Unbegrenztheit unmotorisierter Fortbewegung.

Exif_JPEG_PICTUREBei genau solchen Ausfahrten werden sie gebraucht.

Es wäre an dieser Stelle leicht, sogenanntem Retro das Wort zu reden. Was mich hier beeindruckt, ist eine (eher zufällige) Beständigkeit. Mehr als 100 jahre gibt es einen Standard, der die wichtigen Verschleißteile auf Rädern austauschbar macht. Hier ein Satz Reifen, dort eine andere Kurbel, schon ließen sich mit den alten Rädern alle Brevets dieser Welt meistern.

a5Gestern noch sah ich die Schwalben im Tiefflug über den Wiesen letzte Beute machen. Heute bringen Traktoren die ersten dz Kartoffeln ein.  Landmaschinen zeigen uns die Jahreszeiten an.

b 1Den Schwalben folgen die Krähen. Auf der Krume der Felder breiten sie sich aus,  dunkle Boten der nächsten Jahreszeit.

Aber trotz Wind geht es noch in kurzem Trikot über die Höhen hinunter in die Täler und wieder aufwärts. Katzenelnbogen, Laurenburg /Lahn, Langenscheid, früher (2013) war eben nicht alles besser. Doch die Zeit läßt sich nicht zurückstellen – man kann sie nur genießen

b rog wilUnd ein gutes Buch zur Hand nehmen. Mit dank ans Café Kommödchen in Katzenelnbogen.

„Am Ende wurde es Gesamtrang 47 von über 1111 Startern und in der Altersklasse Platz 13 mit einem Schnitt von 41,84km/h –  Sekunden nach dem Sieger im Ziel“ (aus einem Interview)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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