Für ein Butterbrot über den Aubisque

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Der Aubisque ist ein Liebling der Medien. Er ist ein theatralischer Pass, nicht irgendein überwundener Höhenzug. Der Aubisque bildet entweder die Ouverture oder das Finale einer harten Pyrenäen-Etappe in der Tour de France. Eigentlich darf er in keiner Aufführung fehlen

Hier legte Lucien Buysse 1926 den Grundstein für die wohl epischste aller Pyrenäen Etappen  – Bayonne Luchon – und seinen einzigen Tour Sieg, hier überwand Merckx 1969 die letzte große Hürde auf seinem heroischen Soloritt nach Mourenx.

alitor1Aber theatralisch ist er auch deshalb, weil er mit seinem kleinen Bruder (dem Soulor) die zwei Zugänge (oder Ausgänge) des cirque du Litor bildet. Soweit ich weiß, veranlaßte die reine Naturschönheit des Cirque den Bau der Paßtraße mit ihrem charakteristischen Tunnel.  Kaiserin Eugenie, die den kleinen Kurort Eaux Bonnes am Fuß des Aubisque liebte, war entzückt und so profitierten neben den Hirten und Bergbauern auch die Radsportler aller Zeiten und aller Klassen.

Das Rad- Jahr war gut und der Herbst im Land rund um Pau kann sich sehen lassen . Seit Wochenbeginn stieg das Thermometer langsam an die 20er C marke und dieser Sonntag mitten im Oktober sollte der wärmste Tag werden.  Auf keinen Fall die Gelegenheit ziehen lassen, denn der Paß ist berüchtigt für umschlagendes Wetter, plötzliche Gewitter und Nebel. Alles Dinge, von denen Berichte der Tour voll sind.

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Ein Tourist mit Ortskenntnissen und ganz gut in Schuß – so trete ich an zum letzten Paß des Jahres. In Gan noch beim Bäcker mitnehmen, was übrig ist (die Leute kaufen am Sonntag gut ein) und dann etwas weiter den Wagen in einer ruhigen Seitenstraße abstellen. Snel auspacken, zusammensetzen, Druck prüfen, los.

DSCF8656Der Himmel ist blau, ein sehr leichtes blau. Ich fahre meine Spur der Pyrenäen-Durchquerung rückwärts: Laruns, die Hauptstadt des Tals von Ossau . Sehr ruhig hier.

Dahinten der kleine Spielplatz, von dem aus die Erstbefahrung startete. Wann war das? Dann am Wasserkraftwerk vorbei, ein letztes mal bergab zur ersten Kehre – und wieder hinauf bis an die Stelle, wo die Straße zum Aubisque und dem Pourtalet sich trennen. Der Pourtalet ist beliebt, weil er direkt nach Spanien führt – ein breite Straße für zollvergünstigte Hamsterfahrten, die dann bei der Rückkehr  hin  und wieder/um  zollmäßig kontrolliert werden.  Der Aubisque führt in die Wildnis, immer enger wird der Weg hinauf.

Ich bin fest entschlossen, heute nicht zu leiden. Diesen Aubisque als reiner Tourist befahren, so langsam wie möglich, den Blick so weit offen halten, wie es geht. der Zufall gab mir einen wertvollen Verbündeten.

aub1Eine Dame aus Pau. Sie trägt das Trikot desCCB, des Ciclo club Béarnais: eben der Verein meines Raid Pyrénéens. Die große Sommersause. Alle namhaften Pässe der Region und die wichtigen Gipfel sind auf dem Trikot vereint.

aubeaonnesJetzt ist Herbst, gefühlt aber weder noch,  ein sehr sehr später Sommertag. Das Laub ist grün und der Schatten der Lerchen und Mammutbäume auf dem Weg nach Eaux Bonnes angenehm. das langarmige Trikot ist vor allem in der Abfahrt nützlich. Wir lassen den Stand mit den lokalen Spezialitäten hinter uns: gute Blaubeerkuchen soll der eine haben, und Honig, und Käse der andere .

Langsam verschwindet das Tal aus dem Blick, die Straße zum Kurort steigt nur sanft . Es ist ein sehr gesitteter Beginn, links unterhalb taucht das kleine Dorf Béost auf, die Promenade geht weiter. dann noch ein überdimensioniertes Fahrradgestell und recht um die Ecke beginnt „Les Eaux Bonnes“.

aubonnes3Les eaux bonnes ist eigentlich ein langgezogener Platz der ansteigt und im 19 jahrhundert,  als die Thermalquelle erschlossen wurde, beidseitig prachtvoll bebaut wurde. Man wähnt sich euf einem Boulevard einer europäischen Hauptstadt. Rechts das Kurhaus, dann die Geldquelle: das Casino und weiter oben:

aubonnes2Das offenbar entmietete Hotel des Princes. tempi passati. Direkt davor findet sich noch eine kleine Quelle, an der nachgetankt werden kann. Das Carrée wird umrundet, ein Stück auf der Gegenseite hinuntergefahren und dann geht es rechtwinklig rechts durch einen Torbogen, der in die Häuserfront eingelassen ist.

aubonnesJetzt wird es ernst, der Anstieg ist knapp unter zehn nach meinem Gefühl und meine Begleiterin bestätigt nach Blick auf ein komplexes Maßgerät am Lenker. Links rauscht nun der Bach in seiner Tiefe, fließt an Eaux-Bonnes vorbei Richtung Béost. Die Straße zieht sich am Waldhang hinauf. Eine Kehre wie im Bilderbuch, dann noch eine Kehre und der Anstieg macht eine kurze Pause um über den Bergbach zu setzen. Überall rauscht es , kleine Wasser stürzen an uns vorbei.

Picknikierende Rentner, ein einzelner  Gegenfahrer mit Kappe und im Hintergrund die Gipfellinie, fast immateriell.

Jetzt im Gegenhang, wenig Schatten und die Sonne wärmt , während wir geduldig in die Pedale treten. Hier wähle ich kurz 28z, um die nächste Stufe zu erreichen, es gibt nämlich eine giftig geschwungene Steilstelle die zur unangenhem langen, unangenehm steilen Geraden führt.

aub3Dieser Mittelteil, der bis zum Skidorf Gourette führt, liegt meist in voller Sonne. Eine gute Formel: sich bis Eaux Bonnes unbedingt geschont haben, danach locker bleiben und das kleine Flachstück imperativ nutzen, um für die nächsten Kilometer Reserven zu haben.  Die Gerade mäßigt sich und mittwegs Richtung Gourette gibt es hübschen Nadelwald.

aub4Wer nach dieser Biegung links hochschaut sieht steil über sich die letzte Kehre vor dem Berghof Crêtes Blanches, aber da sind wir noch nicht. Immer einen Beutel Luft behalten und sich klar werden, daß nach zwei weiteren Kehren, sehr breit und majestätisch die letzte Prüfung vor Gourette wartet. Quäl Dich nicht.

aub21Eine neue Gerade, die letzte vor dem Skidorf – weitere Lawinenbrecher und es bleibt steil. Am steilsten aber ist dann letzte kleine Aufschwung nach Gourette, der ungefähr mit dem Ortsschild endet. Auf einmal wird für 200m flach und in der folgenden Linksehre, die aus dem Ort hinausführt gibt es für bedürftige einen weiteren kleinen Brunnen.

agourette ausAb hier bin ich allein, die Begleiterin macht sich auf  den Rückweg nach Pau und am Ausgang von Gourette kann ich plötzlich wieder den Berghof und die kehre am Ende der Straße sehen. Eine kleine Schranke wird passiert und es geht in das letzte Waldstück. Diese Schranke schließt demnächst den Paß und wird dann erst Anfang April, je nach Witterung geöffnet.

Wer bis hier nicht in Schwierigkeiten war, wird kaum neue bekommen: es kommt auf die Ausdauer an.

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Einerseits ist es leicht, eine Fahrt zu schildern, von der fast nur Glücksmomente bleiben, andererseits ist es schwer, Paßfahrten objektiv zu beschreiben. Für einen 25 jährigen Athleten bin ich ein Fußgänger, für einen kaum trainierten Endfünfziger mit eindeutigem Hang zum Clubessel vielleicht ein Phänomen.  Nur die wichtigen Punkte kann ich aufzählen, die groben Linien skizzieren, kleine mentale Hinweisschilder anbringen.

Sicher ist, daß ich heute bewußt langsam fahre, was vielleicht eigenartig klingt – denn ich verwende das gleiche Rad die gleiche Übersetzung  –  aber nur die Summe der Praxis ist, die ermöglicht, 5% weniger Kraftaufwand als eine andere Welt erscheinen zu lassen. Jeder große Paß (der Aubisque ist einer) prägt sich mit seinem Profil in der  Erinnerung ein. Der Film ist abgespeichert. Seit dem ersten Ventoux (2011) treffe ich immer wieder auf dieses Phänomen. Ab einer bestimmten Anstrengung wird das Erlebte ganz von allein Teil des Gedächtnisses. Als würde es tiefer und stärker abgebildet als tausende Alltagsstunden.

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Der Weg wird schmaler, improvisierter, er ringelt in Wellen am Hang entlang. Bergab sichern nur kleine Steinpfosten, im Sommer ist mit heftigem Verkehr ab 11h morgens zu rechnen. Heute jedoch : kann ich mir die Straßenseite oft aussuchen und rücke so nah an  die Kulisse wie es geht. Der blick nach unten motiviert.

Das Herbstlicht ist mild  – auch im Gegenlicht und die Luft bleibt schön frisch, wenn sie durch die Nase tief in die Lunge dringt. Am Berghof ist noch Betrieb –  mal sehen wie es ganz oben sein wird.

aub5Mit der Kehre an den  Crêtes Blanches ist die Baumgrenze erreicht, das  wilde und wuchernde Tal liegt weit unten, jetzt wartet nur noch ein nacktes Asphaltband zwischen kahlgefressenen matten. Pferde und Schafe hinterlassen Spuren,  Menschen auch: immer häufiger  tauchen die Namen der Radhelden auf. Jeden zweiten Pedaltritt lasse ich einen hinter mir. Am Berghof waren es noch 2km und die dünnere Luft ist spürbar. Diese letzte Abschnitt ist nicht sonderlich steil, aber 10km seit den Eaux Bonnes stehen schon auf der Rechnung. Le voilà.

aub11Der Plan geht auf. Es ist eigenartig, wie wenige Mitfahrer unterwegs waren, vielleicht 6? Da kommen noch zwei Herren und etwas weiter die Damen. Alle strahlen.Do wenige? Die einheimischen Sportler haben ihr Jaherssoll erfüllt. Die Spanier sind zu hause geblieben. Die Briten haben gerade andere Probleme, wir bleiben unter uns.

Gegenüber der bunt überklebten Stele entdecke ich das Monument für André Bach, dem ehemaligen Präsidenten des CCB – eine bittere Erinnerung: deportiert 1945.  der Soulor wartet irgendwo dort hinten. Ich rolle ab.

alitor2Kurzer Stopp noch vor der fatalen Kurve in der es schon einige Fahrer erwischte, dann der  herbe Eichelduft im Wäldchen und endlich

altor tunnelDer Tunnel.

Den Tunnel mag ich nicht, Er ist zwar kurz, aber man sieht in ihm rein gar nichts, weil das Außenlicht noch so blendet. Dazu ist der Belag genau dort immer naß und sehr holprig. Aber er gehört dazu. Augen zu und durch…

alitor4Es ist atemberaubend, wenn man wieder hinaus ist. Die Wolken sind heute dekorativ- für morgen verheißen sie nichts angenehmes: vite,  vite.

An der Snackbar du Soulor sitzen sie in der Sonne. Ich liebe es drinnen, windstill, ruhig , direkt neben dem Kamin und schräge gegenüber dem Tresen. Der Café au Lait ist üppig, die Auswahl an Postkarten auch.

bar sandwichDann wird das Käsesandwich aufgefahren: genau das richtige Format für den begeisterten Sandwichesser. Nach zwei Bissen lasse ich mir noch eine Scheibe Schinken kommen. Ich geniesse maximal. Alle die hier unter den Sonnenschirmen oder auf den Bänken sitzen  sind entspannt. Berge haben eine besondere Form der Ruhe.  Vielleicht fassen wir alle hier unser Glück nicht ganz.

bar soulor

In Hamburg sind sie jetzt vom Zeitfahren HHB müde. Man kann nicht über all sein. Gleich wird mein Snel mich traumwandlerisch sicher den Berg hinuntertragen. Vielleicht, weil ich es so gut kenne? Vielleicht, weil es magisches Denken gibt. Noch fehlt etwas in der Lenkertasche

bar poulouFrau Poulou sagt, sie hätten insgesamt über 100 Stück Vieh, Schafe und Kühe zusammengezählt. Arbeost ist ein kleines Dorf, gleich nebenan auf über 900m. Die  Bar ist eigentlich solange offen, wie der Paß offen ist. „Wenn der Tag rum ist spürt man es “ sagt Frau Poulou. Ein Viertellaib von Ihrem Käse paßt gerade in meine Lenkertasche. Eigentlich kann man ihn nicht mit Gold aufwiegen.

Ich verabschiede mich bis Ende März.

 

 

 

 

 

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