Turning Back

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Es gibt dann immer diesen Moment, wenn man alles hinter sich läßt, die Anstrengung, die dünne, feine Luft auf dem Paß und den letzten großen Tag im Herbst. Am Hang gegenüber steigt eine Rauchsäule auf und macht das milchige blau noch diffuser, das himmelsporzellan noch zerbrechlicher. Ein Philosophiestundent der beschlossen hat, seine Arbeiten zu vernichten? Ein Hirte der ein Rauchopfer begeht?

aub5Sich dann in die Tiefe stürzen, ab in die Kurven, den ganzen Weg im Zeitraffer zurück.  Alles vorige ist vergessen, zumindest für eine  Weile verdrängt. Jetzt werden andere Dinge wichtiger. Der Bremspunkt, die Linie in den Kurven, der Gegenverkehr. Das alles erfordert so viel Konzentration, daß Anstieg und vor allem der magische Moment auf der Paßhöhe wie ausgelöscht wirken.

Dabei ist das ja der ersehnte Augebnblick, der Moment von dem wir (möglicherweise) wünschen, daß ewig verweile. Jeder Paß ist ein Übergang.

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Und das bezeugen Grenzsteine an Pässen, die mittlerweile geschmückt sind wie Opferstelen eines heidnischen Kultes: voller Geschichten. Unzählige Erinnerungsmale der Vorüberfahrenden werden aufgeklebt. Jeder , der den Stein berührt wiederholt einen Glaubensakt und hat auch ein Dankesgebet gesprochen.

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Alle, die sie aus eigener Muskelkraft erreicht haben sind vor dieser Stele gleich  – gemäß der schönen Weisheit, Radfahren werde nicht einfacher, man wird mit der Zeit nur schneller – oder kommt mit weniger Zähnen auf den Aubisque.

Dieser Moment ist der größte Lohn und es ist doch eigenartig, wie flüchtig er bleibt –  denn die Gedanken sind entweder bei der Rast, den Mitfahrern oder schon in der Abfahrt. Erst viel später, Wochen später geht er mir durch den Kopf und seine Bedeutung wird mir langsam klarer.

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Laurent Fignon gewann zweimal die Tour de France, schenken wir  ihm posthum ruhig die Dritte. Fignon war durchaus hochmütig , schneidend aber eben auch analytisch und zur Selbstkritik fähig. Er wurde nicht nur wegen seiner Brille il professore genannt, als er die letzten zwei Jahre als Radprofi in einem jungen italienischen Team verbrachte. Als einer der wenigen Profis las er  tatsächlich Bücher zwischen den Etappen. Vielleicht ist darum seine Autobiographie so lesenswert.

Diese für ein Buch über den Radsport ungewöhnlich vielschichtige Biographie trägt den Titel : „nous étions jeunes et insouciants“  – wie ein Abenteuerroman. Fignon beschreibt die fast unheimliche Leichtigkeit, mit der er die Tour de France 1984 dominiert, das Gefühl in einer Weise überlegen sein zu können, die auch ihn in den Irrglauben führt, die nächsten Jahre liefen immer so weiter. Daran gemessen waren aber diese nächsten Jahre ein böser Traum.

Ohne es damals zu wissen, hatte er schon 1984 den Gipfel erreicht und wähnte, wie ein junger Mann mit 24 ! Jahren zu recht wähnen darf, auf diesem Gipfel noch lange zu bleiben. Statistisch hatte er recht. Statistisch sind 10 ordentliche professionelle Jahre im Radsport nicht selten, wenn man seine Grenzen kennt und achtet, wenn man es mit den Amphetaminen und Corticoiden und Rennen fürs schnelle Geld nicht übertreibt.

Doch anders als ein Sologeiger, als die Primadonna oder der große Pianist ist die auf dem Rad einmal erbrachte Leistung eben nicht einfach abrufbar. Ein Tenor, der seine Stimme schont, ein Geiger, der sich nicht die Hand bricht kann recht genau abschätzen, wie lange er auf dem hohen Grat bleiben wird, wenn er ihn einmal erreicht hat.

DSCF8752Ein Radsportler kann das nicht. Das Niveau wird reichen, im Peloton eine anerkannte Rolle zu spielen und hin und wieder eine außergewöhnliche Leistung zu erzielen, einen Klassiker oder eine Etappe – aber mehrere Tage im Trikot des Führenden, geschweige denn eine ganze Rundfahrt ? Das macht diesen Sport in gewisser Weise pathetisch und hochgradig romantisch: der Glaube wird zum wichtigsten Motor, weiter zu machen.

Man weiß nie wirklich, wann der Zenit erreicht ist, wann der höchste Paß überflogen wurde, man kann diesen Moment nie wirklich auskosten, weil man ihn einfach nicht erkennen kann.

Und genau wie für  Laurent Fignon, der keine 50 Jahre alt wurde,  wird dieser Moment nachher-  wenn die Messe gelesen, die Oper gespielt und das letzte Rennen gefahren ist –  nie vergessen. Wir berühren die Stele und hoffen, es gehe immer so weiter.

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unbekannter italiensicher Radsportler auf einem masi

 

 

 

 

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4 Antworten zu Turning Back

  1. randonneurdidier schreibt:

    Ja, die Pässe – das Hoffen, es möge immer so weiter gehen. Zumindest noch ein Weilchen.

    Und beim Lesen der Fignon-Autobiografie war ich hin- und hergerissen: zwischen der Bewunderung für diesen intelligenten klasse Sportler mit der messerscharfen Analyse von Situationen und Personen, der zeitweiligen Fähigkeit zur Selbstkritik, aber auch in Distanz zum arroganten, selbstverliebten, andere gering schätzenden Fignon. Wer oder wie war er nun wirklich?

  2. crispsanders schreibt:

    Die frühen Siege sind ihm zunächst zu Kopf gestiegen, sagt seine Witwe, aber danach hat er sich beruhigt. Ich denke, seine Direktheit ist nicht immer gut für sein Verhältnis zur Presse gewesen – was er auch im erwähnten Buch eingesteht.
    In einem interview von 2007 entdecke ich einen schnellen, schlagfertigen, ehrlichen aber angespannten Mann, der immer einen Wettbewerb auf gewissem niveau auszutragen scheint. Jemand, der die Ansprüche ,die er an sich stellt in gewisser Weise auch bei anderen einfordert. Und gleichzeitig entdecke ich das sorglose, unbekümmerte Kind das immer noch am liebsten draußen spielen würde….. er benutzt genau das Wort aus dem bichtitel :insouciance –

  3. crispsanders schreibt:

    War mir ein Vergnügen

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