Wo ist Dein Stachel?

DSCF0205

Er muß mich gesehen haben, wie ich für die letzten Steigungsmeter aus dem Sattel ging. Ich kenne Deinen Ruf, großer schwarzer Vogel und wahrscheinlich gilt er gar nicht mir. Kolkraben haben eine sehr spezielle Stimme und leben lange.

DSCF0208

Als der Schneeschauer  dann endlich durch war,  packte ich mein lagoon-blaues Raleigh und machte mich auf. Richtig kalt ist es ja nicht an diesem dritten Advent. Eher unangenehm feucht und auch das beste Radar weiß nicht, wo und wann in den nächsten drei Stunden ein kleiner Griesel herunterkommen wird. Aber hier oben bin ich warmgefahren und im richtigen Rhythmus eingerichtet, lieb Wetter, magst ruhig kommen.

DSCF0216Nur unter den höchsten Stellen am Horizont ist ein schütterer Ansatz von Schnee übrig – e und über 450m streifen sehr dichte und unschöne Wolken die Tannen – ich werde also gleich ins Gelbachtal fahren, mit gleichmäßiger Kadenz dem Bach und seinem Schlängeln folgen.

a gelbach.jpgDer Gelbach hat Saison, wie immer wenn es ordentlich regnet oder taut, füllt er sich und bekommt seine Namensfarbe. Sein Tal ist eigentlich das Dorado der Zweiräder;  – jene mit Motor verschwinden wie die Zugvögel im Herbst und ziehen sich in ihre Winterquartiere inGaragen rund um Wiesbaden, Unna oder Köln zurück. Die non-motorisierten lassen sich auch heute  spärlich sehen  – man grüßt einander ehrerbietig.

Es ist nur schwach windig, der Boden ist salzfeucht, das, was vom Salz der letzten Tage übrig ist. Jetzt habe ich Isselbach durchfahren, es grüßen Gebrauchtfahrzeuge mit demontierten Kennzeichen von kleinen Werkstatthöfen, langsam stickt der Rost seinen Saum. Rauch kräuselt sich über eintönig verputzten Häuschen und es riecht nach Wildbraten – vielleicht mit Nelken, Rotkraut und anderem garniert. Ich phantasiere wahrscheinlich.  Nun ist gleich Dies erreicht. In diesem Ort geht es gleich scharf links, gleich wieder eine kleine Brücke über den Gelbach, und um die Körperwärme zu halten, verzichte ich auf die kleine Rast am schmiedeeisernen Brückengeländer.

a dies Gang 3,2,1 -:  einer der anspruchsvollen Anstiege aus dem Tal, auch wenn er nur zwei Kilometer lang ist.  Rester dedans – also : drinnen bleiben; so nennen die Nachbarn eine Fahrt unter der kritischen Pulsfrequenz. Unter den Handschuhen zählt die Uhr lautlos die Zeit und wenn ich meinen nackten Zeigefinger auf eine Taste lege und diese schön festhalte, taucht auf der Anzeige meine Pulszahl auf. Jetzo aber konzentriere ich mich, ganz im steten Rhythmus, auf der geschmeidigste Spur im reich strukturierten Teer, um mich herum den Geruch der hohen Tannen. –

manchmal gehe ich aus dem Sattel, manchmal ziehe ich die Knie weiter an oder drücke die Fersen nach unten. Den Tritt variieren, alle Muskeln kommen an die Reihe in der kleinen Adventskür. Tief einatmen, tief ausatmen. Laub wechselt mit Tannen.

Die letzten Meter kommen in Sicht und ich forciere. Zeigefinger auflegen: 142 bpm – das ist wenig. Dann macht die Strecke einen Abschwung durch die dichten Tannen bis zum Waldausgang und ich „sprinte“ die letzten, freien 150m bis zur Kreuzung bergan. Ich lehne das Rad fürs Gipfelbild an. Puls?- ^-^- immer noch nicht mehr, auch wenn es gegen die Schläfen pocht. . .

DSCF0239

ich arrangiere das rad noch einmal – der Wind weht lau.

DSCF0243

Da erkenne ich auf der Straße nach Charlottenberg zwei weiße Punkte. Ganz hinten, dort, wo der Wald aus dem ich komme aufhört.  Zwei weiße Autos, die versetzt zueinander stehengeblieben sind. Bei dem einen ist der Kofferaum geöffnet, ich drücke die Augen zusammen um mehr zu erkennen . hinter dem anderen sehe ich die leuchtende Farbe des Warndreiecks. Worauf warten sie? Ich schaue genau hin. Etwas bewegt sich: zwei Menschen, die hin- und hergehen. Vielleicht auch einen Gegenstand, der auf der Straße liegt. Dann nichts mehr, keine Bewegung, die Autos können nicht kollidiert sein, es ist alles unklar. Als ich mich aufs Rad setze, höre ich von fern ein Martinshorn.

DSCF0244

Zuerst habe ich es für ein Tierfell gehalten, den buschigen Schwanz eines Fuchses, der unter der glänzenden Rettungsfolie herausschaut, eigenartig zusammengehalten von einem Stirnband. Eine Frau steht davor, am anderen Auto hat ein Mann gerade aufgehört zu telefonieren und kommt herüber.

Wir schweigen und ich sehe die weißen Streifen der Adidas Hose, das leuchtende Blau seiner Jacke und Wanderschuhe auf dem Asphalt. So haben sie ihn gefunden, beinahe gleichzeitig und dann ihre Autos zum stehen gebracht. Er liegt seitlich, halb auf dem Gesicht und bewegt sich nicht. Lag einfach da.  Die Rettungsfolie, Gold und Silber wie Bastelpapier wird leicht vom Wind angehoben.  Das Gesicht schaut heraus und wirkt seltsam – so fahl und grau – . mein Bauch fühlt sich ganz leicht an und da kommt der Rettungswagen.

Die drei Sanitäter steigen routiniert aus, der Mann  war ihren Anweisungen gefolgt, die sie per Telefon mitgeteilt hatten. Als sie ihn umdrehen, sehe ich weg, die Frau sammelt das Warndreieck ein, der Mann zündet sich am Wegrand eine Zigarette an, deren Rauch der Wind zu mir herüberweht. Auf der Trage kann ich sein eingefallenes Gesicht sehen mit dem halboffenen Mund und denke an eine altdeutsche Zeichnung. Ich denke an Dürer, während sie ihn zum Krankenwagen rollen. Es  Der Notarzt drückt immer weiter auf den Brustkorb  – auf und ab. Die Türen schließen sich, während wir uns noch unterhalten und dem Mann mit der Zigarette wird kalt. Der Krankenwagen wippt auf- und ab, als würde er über eine ganz leichte See gleiten. Holen sie ihn zurück?

Ich setze mich aufs Rad und sehe den kreisrunden Speichelfleck, den der Wanderer auf der feuchten Straße hinterlassen hat.

DSCF0247

Ein letztes mal sehe ich herüber.  Nichts hat sich mehr verändert. Sie warten jetzt auf die Polizei und ich fahre den Hang nach Holzappel hinunter, den geraden Hang mit den kleinen Obstbäumen links und rechts. Ich kurble so schnell ich kann, so schnell wie noch nie.

O . . . , wo ist Dein Stachel, wo Dein Sieg?  17.12.17

 

 

 

 

 

 

 

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Übers Land, Spleen & Ideal abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

3 Antworten zu Wo ist Dein Stachel?

  1. mark793 schreibt:

    „Mitten im Leben sind wir vom Tod umgeben“, diese Lebensweisheit aus dem Barock vergessen wir nur allzuleicht – und dieser Beitrag erinnert uns wieder daran.

    Er erinnert mich aber auch an schöne Touren durchs Gelbachtal und daran, dass ich diesen Anstieg von Dies nach Holzappel auch schon mehr als einmal hochgekurbelt bin.

    • crispsanders schreibt:

      Im barock dürfte der Tod viel stärker im „Alltagsbild“ vorgekommen sein. Wir sehen ihn (wenn wir wollen) hundertfach auf diversen Displays, verdrängen ihn dafür umso gekonnter aus unserer Wirklichkeit. Ich könnte sagen: dementsprechend wird Freitags Auto gefahren, allgemeiner : wird das Leben unbewußter gelebt.
      Den besagten Anstieg bin ich vielleicht nur einmal hinuntergefahren, dieses Mißverhältnis sollte sich ändern.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s