Huschkes Halstuch

Das Jahr ist noch sehr frisch, Dreikönige gerade vorbei und schon liegen die Straßen voll entschmückter Tannenbäume. Mit einem kräftigen Griff wird das aromatische Grün in die Preßmäuler der Berliner Straßenreinigung gewuchtet.

christbaum bsr

Und jetzt: den Bäumen hinterher – nicht in die Müllverbrennung: nein, dorthin fahren, wo sie wachsen. Draußen vor der großen Stadt.

apankow1Die U2 führt mich hin, Endstation Pankow. U- und SBahn. Hier hielten die Sonderzüge : Bahnhof in dunkelrotem Backstein mit Terrakotten. Hält schon länger, wird noch lange halten. Vor den Eingängen sind jetzt Fahradständer aufgebaut mit zwei Etagen.

Das tschechische Bier in mir dampft noch aus. Vor acht Stunden endete eine gesittete Runde mit Vertretern Berliner Radsports im  „Prager Frühling“ , ein paar hundert Meter die Straße hinunter.  Nun stehe ich wieder hier und wärme mir die Hände am Kaffeebecher aus der Bahnhofsbaude.

Eine Weile lange nichts…am Abend des 9.februar 1928… in dem die letzte Nacht im Stuttgarter Sechstagerennen gerannt wurde – Sieger blieben VanKempen-Frankenstein mit 726 Punkten,2440 Kilometer – die lage im Saargebiet verschärft erschien…einem Dienstag (bitte einen Augenblick, Sie sehen jetzt das geheimnisvolle Antlitz der fremden Frau, die Frage dieser Schönen gilt jedoch auch Ihnen: rauchen Sie schon Garbaty Kalif?)..“

ich sehe hier keine fremde Schöne, die Frau in den weißen Socken hat eben nach einem Abort gefragt und ich heiße auch nicht Biberkopf und das Garbaty Center (Pappe mit Applikationen, ca 2008)  mir gegenüber hält den kalten Nordost auch nicht ab.

Pankow, dank Bahnstation und Vororttarif schon 1900 verstädtert und mit dem Berliner Norden verschmolzen. Die Stadt ist noch nicht zuende, aber sie öffnet sich schon: Schloßpark, Bürgerpark, Rathaus – angenehm lockere Struktur, luftig, im Augenblick eher windig, Garbaty, ehem. Cigarettenfabrik –  als Berlin noch rauchte. Wichtiger jetzt: Wärme. Durch Kaffee oder durch Bewegung. Und Überschuhe.

abotschafterpankowsRadsportler sind Frühaufsteher und pünktlich. So auch der Botschafter des Pankower Radsports. Er hat eins an jeder Hand, eins für sich, eins für mich. Zweimal Concorde, eines auf 80cm Sattelhöhe: zweimal auf dem Bürgersteig wenden  -passt. Klick Klack rein in die Pedale, noch schnell den Kollegen abholen und zu Dritt raus nach Norden.

Der Norden ist flach und märkisch, wir folgen den letzten Trambahnlinien. Eine Vorstadt ist kaum vorhanden, ein paar Gewerbesachen, hier und da Autohändler hinterm Zaun, aber nichts titanisches; weder 12 spurige Zubringerschleifen, noch Ikea Stelen noch Parkplätze bis zum Horizont.  Straßendörfer in Putz und Backstein und dem kleinen Kirchturm, das neueste hier ist der Radweg. Wir sind ganz unter uns und schmecken den Wind – Nordost,steif.

Was ich auch schmecke und wovon der Geschmack neu ist, ist die Flachheit. Flach und schön geradeaus. Das verlangt eine andere Kraft. Sie muß eingeteilt werden, fein abgestimmt. So, daß es sich anfangs zu leicht anfühlt, nach fünf  Kilometern richtig und bei der kleinsten Veränderung des Profils schon (beinahe) zu schwer. Und bei Wind: immer eng beisammen, denn der Wind wächst nicht nur mit dem Tempo im Quadrat, sondern auch die Kälte. Chausseen Chausseen, hier und da ein improvisierter Bau, eine aufgelassene Kaserne und  irgendwann hinter einem Knick: nur noch die Mark.

abrandenburgwandlitz

Soviele Finger , wie ich an einer Hand habe – mehr kommen uns nicht entgegen an diesem Morgen. mein Vormann kurbelt leicht und konzentriert. Der Botschafter erhöht langsam die Schlagzahl und gewährt mir von Zeit zu Zeit die Ehre, ihn abzulösen. Unser Trio funktioniert, fast gleichzeitig pulsieren die Atemwölkchen aus.Wir sind auf der kleinen Huschke Tour und ich biege kurz ab (in Gedanken) während Muskeln arbeiten.

alexanderplatzIch werfe einen Blick ins Getriebe und das Getriebe heißt Berlin. Eine Stadt als Buch: Berlin Alexanderplatz. Spielt 1928, also recht genau vor 90 Jahren. Geschrieben von einem Kassenarzt vor Ort, der den täglichen Sound der Patienten seiner Praxis direkt zum Roman macht.

Berlin zur Zeit seiner maximalen Dichte,  das SBahn Netz hat volle Ausdehnung, die Häuser sind vollgepackt. Die Menschen arbeiten, Berlin ist keine Verwaltungshauptstadt, sonden eine Hauptstadt der Arbeit. AEG und Siemens, Borsig sind Imperien, globale Unternehmen, in denen zehntausende produzieren, zehnstundenschichten schieben, eine handvoll unbezahlte Urlaubstage ersehnen. Die Stadt raucht, qualmt und stinkt.

DSCF1017Der Sport ist eine Möglichkeit. Er verlangt keine Ausbildung, er ist ein Tor zur Freiheit, besonders der Radsport. Boxen und Radsport, die beiden ersten professionellen Sportarten blühen in Berlin. 1909 findet das erste wirkliche Sechstagerennen statt, ein großer Zirkus, eine große Manege. Anders als Rudern und Tennis (oder etwa Reiten) ist es echter Arbeitersport. Hinaus aus der Mietskaserne, raus aus der stickigen Stadt, die immer voller und lauter wird, ab zum Training. Die Besten kämpfen auch um die Extratage Freiheit, die damit verbunden sind. dann werden sie Profis, manche mit 17, wie Adolf Huschke.

Wer Berlin-Alexanderplatz liest ahnt, welcher Welt, welcher Zwinge und welchen Nöten Adolf Huschke schon früh entkommt. In zwanzig Jahren AEG kann auch einem guten Arbeiter nicht gelingen, was Krupka,  dem As der Sechstagerennen gelingt: eine ganze Etage als Wohnung, ein Zimmer für die Räder, wo sonst sieben oder achte in zweien oder nur einem leben müssen. Huschke bringt es zu ähnlichem Wohlstand, hält mit seinem Bruder den Distanzrekord der Sechstagerennen bis heute. Aber lange wird er das Glück nicht genießen. Wir werden bald sehen.

DSCF1024

Wandlitz flott  durchfahren,  wieder ins freie Feld und dannhinter Kreuzbruch oder ähnlich ; kurz vor dem Kanal ab in den Wald. Den durchzieht eine gut geteerte Straße, die periodischVerengungen aufweist, damit der Autofahrer nicht auf dumme Gedanken kommt. Das Korn ist nicht zu glatt und nicht zu grob. Es ist der Radfernwanderweg  Berlin -Kopenhagen und die 28erGrandPrix gleiten geschmeidig dahin. Der Wind ist futsch,  Unterhaltung wird möglich. Der Wald – ebenso leer wie die Landschaft vorher : auch Radwanderer zieht es um diese Zeit nach Süden. Uns zieht es zu Huschke.

a huschke topAn einer verfallenen Lungenheilanstalt endet die Waldroute, wir überqueren den Havelkanal und sehen erste Häuser: Zivilisation! Schon eine große Straße auf die wir einbiegen, es geht noch über eine Brücke und dann sind wir an der historischen Stelle. Dort, wo die Pfeile sich auf der karte treffen. Unser klitzekleines Opfer für Huschke ist gebracht, dem einzigen Radrennfahrer, dem in Deutschland ein Denkmal gewidmet wurde.

DSCF0825Ich staune, wie gut das kleine Relief den Gesichtsausdruck trifft – keine Verhübschung, kein Langemarckblick. Dafür Radkappe, ernster Blick und ein Detail, ein kleines Dreieck, das über den Abschluß des Trikots ragt. Huschkes Halstuch.

Hier steht der Mann an seiner Maschine im dünnen Wolltrikot von Continental und mit schwarzem Halstuch. Lenkerband ist keins zu erkennen, dafür eine Vorderradbremse- somit keine Bahnmaschine. Ob sie einen Freilauf besaß? Wahrscheinlich nicht, hinten wird starr gebremst. Die Reifen entsprechen gut und gerne 32ern. Fünfzehn Jahre lang war er Profi, dann brach seine Gabel in der kleinen Kurve vor dem Havelkanal, gar nicht weit von der großen Stadt, die ihn für immer freigelassen hat. Aber die Stadt hat eine letzte Überraschung bereit.

Wir ziehn in der fahlen Wintersonne weiter, bolzen noch einmal Tempo durch den Wald hinter Birkenwerder . Hier wird die berliner zeitfahrmeisterschaft ausgetragen. Dann schwitzen wir Richtung Pankow aus. Kurz vor den Häusern der Stadt deutet der Botschafter auf ein Wäldchen auf der anderen Straßenseite, gegenüber einem Baumarkt. Hinter einem Zaun wachsen dort junge Bäume und Gestrüpp.

„Das ist der Friedhof“

„Welcher Friedhof?“

„Der Friedhof,  auf dem Huschke begraben liegt.“

DSCF1043Und tatsächlich finde ich ihn auf einer alten Berlin Karte eingezeichnet. Zwei Gemeinden teilten sich ein Stück Land nördlich von Pankow. Inzwischen sind die Mitgliederzahlen so geschrumpft, daß diese Friedhöfe, die wegen der Enge der Stadt vor die Tore verlegt waren jetzt überwuchern. Darunter Huschke und was von seinem Halstuch bleibt.

a pankgrafenZurück in die Stadt, meine kurze Zeit als Concorde-Werksfahrer in Berlin endet mit einem Cappucino bei einem Mann, der von Neapel nach Pankow zog. Fast wie in Wilmersdorf – das hätte der alte Döblin sich nicht vorstellen können.

„Wind gibt es massenhaft am Alex, an der Ecke von Tietz zieht es lausig. Es gibt Wind, der pustet zwischen die Häuser rein und auf die Baugruben. Man möchte sich in die Kneipen verstecken, aber wer kann das, das bläst durch die Hosentaschen, da merkst du, es geht was vor, es wird nicht gefackelt,  man muß lustig sein bei dem Wetter.“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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11 Antworten zu Huschkes Halstuch

  1. Twobeers schreibt:

    Unsere gemeinsame Tour hat mir große Freude bereitet!

  2. crispsanders schreibt:

    Ich habe zu danken. Ohne dieses feine Rad wäre ich nie dorthin gekommen.

  3. randonneurdidier schreibt:

    seid gegrüßt, ihr Eisenschweine. Schöne Tour, schöne Geschichte. Atmosphäre eingefangen… Am Freitag habe ich die fast identische Runde auch gedreht – Euch einen guten Start in ein friedliches Jahr mit viel luftigen Rad-Kilometern. Dietmar

  4. crispsanders schreibt:

    Danke fürs Lesen, alter Recke. habe soeben 13h 51 den bericht literarisch aktualisiert. Wenn ich endlich ein Rad in Berlin habe und mehr Zeit (die vier Kinder wollen auch etwas zu lachen haben), werde ich sicher die Randonneursburg Glienicke aufsuchen!

  5. randonneurdidier schreibt:

    Das Huschke-Denkmal kannte natürlich schon, nicht aber die ganze Geschichte. Danke für die „Nachhilfestunde“. In der „Randonneursburg“ Glienicke bist Du immer herzlich willkommen.

  6. crispsanders schreibt:

    Die Nachhilfestunde ist vor allem dem Botschafter des ESK zu verdanken. Leider sind aus der Zeit und danach viele Dokumente verschwunden, möglicherweise auch im Zuge der Arbeitersportvereindurchsuchungen. Allerdings gibt es im Westhafen ein ganz umfangreiches Zeitschriftenmagazin, wie mir einfällt. Da müßte Material zu finden sein, denn an die Archive gingen die Armbinden nicht.
    Als Randonneur muß ich aufpassen wie ein Luchs, um die Anmeldung zu berlin-Wien-Berlin nicht zu verpassen . . . . .

  7. mark793 schreibt:

    Kann der geschätzte Chronist über das gefahrene Concorde-Rad noch ein paar Sätze verlieren?

  8. crispsanders schreibt:

    Gerne doch! Das erprobte Modell „elite“ ist ein Rahmen, dessen Ornamente mich stark an mein „diamant“ erinnerte, das ca 1995 gebaut wurde. Concorde allerdings hat schon ein oversize Unterrohr und ist wolfram-inert geschweißt : sehr sauber.
    Auch die Kombination aus 12cm Vorbau und breitem Lenker erinnerte sehr an „diamant“, dementsprechend keine Probleme mit der sitzposition o. ä. Das einzig wirklich neue waren 175er Kurbeln, die ja erst den Eindruck vermitteln, man säße zu tief: aber das konnte nicht sein der absolut waagerechte italia war penibel auf meine vorgegebenen 80,2cm eingestellt. .
    Durch die Standard Grandprix mit 28mm war auch das Überfahren Brandenburgischer Kleinbahntrassen kein Folterakt. Klimpernd schlugen die Schaltkabel an das Steuerrohr, mehr nicht. Ein schönes Rad. Ich hätte es gleich mitgenommen . . . .

    • mark793 schreibt:

      Ah, bedankt! Die oberflächliche Assoziation mit dem belgischen Diamant hatte ich auch schon angesichts mancher Concorde aus den Kleinanzeigen.

      Bei mir ist das Koga das einzige Rad mit einer 175er Kurbel, und ja, den Unterschied merkt man schon, wobei ich anfangs auf diesem Rad eher zu tief saß und dann nach und nach erhöhte. Zwischen 170 und 172, 5 fällt mir der Unterschied fast gar nicht auf.

  9. crispsanders schreibt:

    175 ist schon eine hausnummer. Museeuw, Concorde Zeitgenosse fuhr 177,5 auf seinem Colnago C40. Maximaler Krafthebel bei gegebener Beinlänge. Man spürt das schon.

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