Ein milder Blick auf die kalte Hauptstadt

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Suchen wir einen Nullpunkt für die Hauptstadt. Nicht die Stunde Null : die gabs und gibt es nicht. Nehmen wir einen gestandenen Roman, der nie ein gestandener Roman sein wird

ab3Nehmen wir Berlin: Alexanderplatz. Bekannt schon längst aus Funk und Fernsehen, Faßbinder selbst nahm sich der Sache an. Unterschied: alle Schauplätze seit 1989 wieder begehbar, rekonstruierbar. Die Rekonstrukteure dieser ersten Stunden sahen da ein neues Preußen entstehen (Preußen wurde 1934 ohne Widerstand annuliert), andere suchten ihre Kindheit ,  mehr noch ein neues Eldorado. Letztere scheinen eher die Karten in der Hand zu haben.

art6Ich stehe morgens am Fenster mitten in Berlin und sehe sie an mir vorüberziehn im kalten Morgendunst eines Januartages. Die neuen Radfahrer. ich habe die letzten Jahre des alten Westens erlebt und des alten Ostens und da waren es weniger, viel weniger. Seitdem war keine Stunde Null, eher ein Nulldurchgang zu unbestimmtem Zeitpunkt.

art5Das alte Westberlin: das war DDR deluxe, eine gigantische Montage von unsanierten Altbauten, Abschreibungsmodellen, günstigen Subventionsoasen und unbegreiflichen Brachen. Der verrentete Schreiner der Verkehrsbetriebe verkauft uns seinen alten Benz und meint: damals hat Arbeiten noch Spaß gemacht. Ganze Segelschiffe habe ich dem Chef  zurechtgemacht. Nicht überall so, aber es war möglich. Damals waren weniger mit dem Rad unterwegs und meist nicht zu einer Arbeit.

brad4Seit etwa zehn Jahren verdichtet sich die Sache. Der urbane Zustand von „Berlin Alexanderplatz“ wird (in etwa, entfernt verwandt) optisch wiederhergestellt, die Mietskasernen des Gleisdreiecks , die Townhouses vom Volkspark und die Schließung anderer Lücken und Ecken erzeugt eine Struktur, die 70 Jahre über Flickwerk war und jetzt in eine Berliner Neoklassik – Traufhöhe – übergeht. Das Lob der aufgebrochenen Eckbebauung spricht wohl niemand mehr.

bindustriarbWer nun glaubte, die Welt eines Franz Biberkopf kehre wider, der irrt. Wer denkt, das Kreuzberg von „Ton Steine Scherben“ lebe in kernsanierter Form weiter,  irrt noch mehr. Die Massenunterkünfte der Industrialisierung gibt es nicht mehr, die Industrie ist einige Kontoinente (weit) weg.  Der sortierte preußische Slum um den Rosenthalerplatz wurde ungefähr als erster umgestülpt: er ist längst schon in Hand einer eigentumsbildenden Single- und Rentnergesellschaft, Berlin tickt jetzt anders. Es das ideale Spielfeld dessen geworden, was Veblen eine „rent seeking society“ nannte.  Und das mitten in Deutschland.

bmodeEs wird immer die geben, die das ancien régime und seine unwiderbringliche Süße beschwören. Nicht wenige davon haben  die BRD fett gemacht, sind nach Berlin gezogen und beziehen ihre Rente. Aber es gibt dann gleichzeitig die, die damit neues Geld verdienen werden.

Was den Nulldurchgang beschleunigt hat war, was ein Industrieknecht „Drohnenarbeit“ nannte. Ministerien, Verwaltungen, Verbände: der Hof und sein Gefolge. Die Welt der Moden un des guten Geschmacks und eine Menge Tertiäres. Und der so lang ersehnte Tourismus! Jener, der zu Zeiten der Mauer eine der großen, stark geförderten Hoffnung war, eine Tourismusmetropole zu werden (vergesst uns nicht!), ist endlich in Erfüllung gegangen. Potsdamer und Leipziger Platz wie sie jetzt aussehen, sind eine fast surreale  Verbindung von Historienmalerei, Zukunftsastrologie und Konsumparadies: ich sah die mall of Berlin- sinnleer, ineffizient aber vollendet funktionierend .

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Die Klagen der Restrepublik und des Westens sind reine Komödie, was das Auslaugen der Provinzen angeht. Kapital sucht seine Rendite, genau das tat es nach dem Krieg, als es die Stadt verließ und darum kehrt es in den letzten 15 Jahren verstärkt zurück. Und es sucht sich mit der Macht des Faktischen seinen Platz: er wird ihm gewährt, im Rahmen gewisser Rechtsnormen, gewiß, aber Recht ist eine Auslegungssache und 5% p.a sind 5%. Vertraglich zugesichert, wir haben eine prima Flächenbelegung, danke.

ab1Ein sehr hohes Mietshaus am Mendelsohn-Bartholdy Park, ein ebenso umfangreiches an den Yorckbrücken, eine alte Diskussion; „das Mieterschutzgesetz ist ein Fetzen Papier (BA) „.  Rechtsbeihilfe und Mieterschutz sind richtig, das crowding out durch Mieterpressung skandalös. Aber dahinter stehen keine politischen Strömungen sondern Menschen, die sich Raum kaufen und per Kapitalhebel Raum weiterverkaufen.Genau dafür bietet diese Stadt, anders als Düsseldorf, Paris oder Tokyo noch genug Platz. Auch wenn dabei eine Blase entsteht: was gebaut ist bleibt und mit denen, die es erwerben (können) entsteht – aus der Sehnsucht nach dem vergangenen Berlin! – eine Nachfrage nach völlig neuem Komfort.

Hier sehe ich eine funktionierende Stadt mit sauberer UBahn, SBahn,Busverkehr, und Müllentsorgung: alter Arbeitsadel mit sehr begrenzter Aufnahmekapazität.Aber auch er ist Teil des ancien régime: die Generation amazon schafft sich keine Gewerkschaften, denn die Generation amazon beutet sich (als Kunde von amazon) lieber selbst aus  und scheint wenig interessiert an  Solidargemeinschaften., weil sie spürt, daß die alte Gewerkschaftsgesellschaft   für sie nicht funktioniert.

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Weil Industriearbeit in unseren Breiten längst Drohnencharakter hat und der Sachbearbieter die nächste Schwundstufe darstellt, ist das entkernte, sanierte, renovierte und co-working-space-sharende Berlin ein Ort mit größtem Zukunftspotential. Und auf dem Weg in diese Zukunft gibt es immer mehr Radfahrer: die neuen Diener und Helfer, das neue Proletariat der neuen Arbeit. Gleichzeitig die Zukunft eines neuen régime im Jahr 1 nach Merkel.

art01Gemessen am Stand von 1990 gibt es massenhaft Verlierer, Abgehängte und Benachteiligte. Deren Los soll nicht nicht relativiert werden mit der Behauptung, es gehe ihnen um Welten besser als den Franz Biberkopfen und allen, die nach 1930 ihre Stellung verloren. Nur war 1990 ein Zustand unter Null, in Realpreisen gerechnet. Wir sind deutlich drüber und besser.

bcarcosmeticDenn im Vergleich mit europäischen Metropolen – London (Geburtsort der Slums) rechne ich noch ein-  die Chancen hier immer noch anders verteilt, die Wege kürzer, Strukturen offener: die neue rent seeking society braucht ihre Diener, Aufwartefrauen, Car-Cosmetics und andere Helfer, sei es die nächste App. Eine Generation auf Fahrrädern wird sie stellen und Dinge anbieten, auf die eine neue Schicht von rent-seekern unbedingt angewiesen ist.

brad8Und in dieser flachen, weiten Stadt können sie mit dem Rad problemlos alle Ziele  erreichen. Nicht der Umwelt wegen, das ist ein Freizeitmärchen, es sind die Kosten, die Geschwindigkeit und die Wendigkeit, mit der sie sich gegenüber den alten Drohnen einen Vorteil verschaffen.

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Es ist ein härteres Pflaster geworden: aber eines mit besserer Aussicht. Manche holen sich (vorübergehend) ihr Brennholz  im neuen Park – bis es der ökologische Fürst verbietet. Aber auch der hat nur 1 Direktmandat. Auch er ist Teil des ancien régime . . .

 

 

 

 

 

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3 Antworten zu Ein milder Blick auf die kalte Hauptstadt

  1. Twobeers schreibt:

    Wieder ein sehr schöner Artikel. Und das der „Umsteiger“ zu sehen ist, freut mich umso mehr. Wie er sich verändert weiniger….

  2. crispsanders schreibt:

    Jetzt muß der unwissende Verfasser mal nach dem „umsteiger“ suchen. Dank fürs Lob.

  3. crispsanders schreibt:

    8h33 – gefunden

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