Aristoteles im Voyager

Morgenluft einsaugen,  draußen nach den ersten Spuren neuen Lebens sehen. Sind schon einige da auf 50°Nord 8° Ost.

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Seit 40 jahren ist ein unbemanntes Flugobjekt unterwegs um „da draußen“ neues Leben zu suchen  und gleichzeitig von unserer Existenz zu künden. Auch wenn wir bald den Kontakt verlieren und nichts mehr steuern können, wird Voyager auf seiner Laufbahn in 38000 Jahren den nächsten Stern passieren. 38tausendmal Erdenfrühling.

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38000.  Nicht nur für Aristoteles wären das schwindelerregende Dimensionen, die er dennoch hätte abmessen können. Denn Aristoteles, Hauslehrer Alexanders,  ist zuerst Naturwissenschaftler.

Hier sitzt er an seinem Schreibtisch und verfaßt seine Betrachtungen zur Physik. So jedenfalls stellte man sich den Mann über 1000 Jahre nach dessen Tod vor. So lange ungefähr nämlich hatte es gedauert, bis die Erkenntnisse der Antiken Wissenschaft langsam wieder in Umlauf kamen. Im Raumzeittunnel des Christlichen Abendlandes waren sie aus dem Reich der Antike abgesandt worden und durch die Finsternis der Zeit gegangen. Eine Flaschenpost oder besser: eine Zeitkapsel, die darauf gewartet hat, wieder geöffnet zu werden – vieles war einfach wieder vergessen worden.

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Der Zusammenhang zwischen der Programmierung einer Raumsonde und den alten Folianten auf Pergament ist vielleicht nicht direkt ersichtlich. In beiden Fällen ist Wissen zu übermitteln. Während die Mönche, die in den Abteien die Schriften Aristoteles entzifferten durch den Code der Schrift durchaus  verstanden (Schriftgelehrte schrieben auf altgriechisch) , was der alte Grieche meinte, war das Buch der Steuerungsbefehle für die Voyagersonde nur noch wenigen pensionierten NASA Mitarbeitern zugänglich, die die Programmiersprache entwickelt hatten. Nur 40 Jahre nach dem Start. Für ein Gerät, daß sich aufmacht die Botschaft unserer Zivilisation in die Ferne des Universums zu tragen…

Natürlich ist eine Raumsonde kein metaphysisches Projekt. Interessant ist an diesem Beispiel, wie kurzlebig und verwundbar Softwaresprachen sind, mit denen wir unser Weltwissen speichern und fortschreiben. Schon vor über zehn Jahren wurden Verfahren der digitalen Migration ersonnen, allein um die Inhalte von Datenträgern auf neue Datenträger zu übertragen. In der Hoffnung es sei weiterhin möglich, auf dem Sockel des vorherigen Wissens das zukünftige zu bauen.Und wenn man die Körperlosigkeit „der cloud“ als neuen Speicher definiert, dann wird die Frage der Auslesbarkeit noch unklarer.

S0365415Diese Ausstellung im Berliner Gropiusbau (der Eintritt unter 16 Jahren ist frei), zeigt, wie  schneckenhaft  Datenmigration über Länder und Religionsgrenzen im Europa vor 1000 jahren war. Bücher =Daten waren selten, der Anteil der Auslesenden gering – aber konstant. Im Namen der Rose erhalten wir davon ein unterhaltsames Bild. Der lange Schlaf endet gerade erst und die Aufweckphase dauerte gut 200 Jahre.

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Als Kind eines analogen Zeitalters bin ich analogen Trägern gegenüber (wie diesem Astrolaben) nicht frei von Vorurteilen. Durch sie habe ich den größten Teil meiner Welterkenntnis genossen. Und dieses Objekt von fast 1000 Jahren bestätigt, daß Botschaften über die Zeit lesbar und verwertbar bleiben, auch wenn ideologische schwarze Löcher zwischen dem Brand der Bibliothek von Alexandria und den Mönchen im Skriptorum durchlebt werden müssen.

Die wundervolle und reichhaltige Beschäftigung mit Aristoteles (dauert ebenfalls 700 Jahre an) behandelt aber eine andere Ebene als die Programmierung von Voyager und dem digitalen Zoo unserer Zeit . Ein Sprachproblem am Ende. Wie können die Unmengen an neuem Wissen, die Unmengen an neuen Lösungen in einen Code überführt werden, der ebenfalls die Zeit überdauert und immer kommuniziert werden kann?

Wir erfahren die enorme Bereicherung die uns die digitale Welt bringt (dieser blog !lol!) und haben uns schon längst an ihren neuen Komfort gewöhnt. Wir werden noch eine ganze Fauna neuer Geräte erzeugen, die ihre Gebrauchsanleitung mit sich führen und uns Bediener an die Hand nehmen, bis wir begriffen haben, was sie von uns wollen. Mittlerweile haben wir ihnen fast alles anvertraut, was wir über uns wissen.

Notwendig ist eine Sprache und ein Träger (oder gleich eine Metamaschine), die sich selbst speist, repariert und entscheidet, ob sie in 38000 Jahren noch ausgelesen werden kann.

Wir Menschen können uns dann weiter um unsere kleinen Kreisläufe kümmern, um die ersten Blumen, umgewehte Bäume und alles, was wir Leben nennen.

 

 

 

 

 

 

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