Die Lücke suchen II

„Überall wo man ist – man ist immer selbst schuld“ (Rolf Zacher)

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Und wo bin ich? :  noch ein paar km vor Wetzlar. Auf dem, was vom Radweg hinter der Brücke übrig ist  (an der Seite bündelt sich geschnittenes Unterholz)- da, wo kein Moos wächst,  passt der kleine E-Mobiler gerade noch durch.   Ich winke, er lächelt zurück und dann schaue seinem kuriosen Gefährt hinterher. Holpernd rollt er lautlos davon.

Das Hochwasser hat sich aus dem Lahntal zurückgezogen, die Braunfelser Phantasieburg ist als Schattenriss am Horizont vorbeigehuscht. Samstagmittag, dicht an dicht rauschen im Sekundentakt Autos vorbei, um die Epizentren zu bestäuben. Wir folgen. Nach der Werksbrücke der Leica A.G. eine große Kreuzung. Wer sie überwindet, gelangt durch eine Gasse in die alte Stadt

aw5awdDie ersten Kalorien sind eingeholt und ich lege noch ein salziges, hausgemachtes Laugenbrezel drauf. Ich verschmähe Bäckereiketten nicht grundsätzlich, eine rege Konkurrenz im Land Hessen sorgt für anständige Qualität. Aber.

awi1Aber ein wirklicher Bäcker schlägt sie um Längen, auch wenn sein Geschirr das meiner Großmutter sein könnte und Gestaltungsratschläge, die Werbeagenturen in den letzten 20 Jahren (hübsch vergütet) hätten unterbreiten können leichthin vergessen wurden. Ein Verzicht darauf könnte am Ende der einzige Weg sein, so etwas wie die heiß ersehnte Authentizität der Postmoderne zu erzeugen. Einfach alles lassen, wie es ist und sich auf das Handwerk konzentrieren.

awi2Eine junge Dame hat sich mehrere Minuten das Schaufenster angesehen, während ihr Begleiter etwas sehr wichtiges auf dem Mobilgerät erledigte. Blicke können sprechen und bald stehen sie vor den schönen Rosinenwecken und Linzer Schnitten und schönen kleinen Stücken mit Konditorcreme – Füllung. Crême Patissière siegt am Ende. Dabei liegt Glässel innenstädtisch auf der dunklen Seite des Mondes, weitab vom eigentlichen Einkaufsmagneten mit den 1.000000 Parkplätzen.

DSCF1433Kurze Zeit später bittet mich der Inhaber dieses  für Wein, Kaffee und Tonmöbel, mein gutes Raleigh doch bei ihm unterzustellen: solches sei (sogar!) in Wetzlar allzuschnell weg. Auch sein erstes Rad damals war ein Raleigh (rot) – sein Folgendes dann ein Puch „vent noir“, daß er dann wiederum . . .

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So verlasse ich Wetzlar als zufriedener, aufgewärmter und durchkoffeeinierter Mann und empfehle jedem, die Stadt, an der die Dill in die Lahn strömt mit diesem Blick zu verabschieden. Heimatkunde schadet nicht.

Zwei Körper

Auch wenn man einsam durch die Gegend streift – nur ein rosa Klecks wird kurz am Horizont auftauchen – ist man auf dem Rad nicht allein.

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Allein mit mir selbst beginne ich die eigentliche Aufgabe: Training. 60, 70km sind vorbei,  auf den flachen, langen Stücken, (asphaltierte Feldwege wechseln mit Betonplatten) kann man sich ganz auf die Haltung konzentrieren: der leicht seitliche Gegenwind schult. Jedes Rad erfordert eine eigene Position, der Körper muß sich schlau machen. Man könnte denken, es gebe ein einziges Rad mit einer definitiven Lösung – ein ideales Rad pro Körper und dann sei es gut.

Kein Rad ist ideal: es sind immer zwei Körper, von denen einer sich dem anderen anpaßt. Der Körper nach Trainingszustand. Und der Körper erinnert sich – nach ein paar Stunden. Nichts gegen bikefitter, nur besser ist ein guter Trainer, ein Mann mit Auge, der neben Dir herfährt und alles sieht. Das ist ideal, nur leider sehr selten. Ohne ihn braucht jeder länger, muß er ein eigenes, inneres Auge entwickeln, vergleichen, erinnern, fühlen: vor allem fühlen.

awe2Die blaue Lücke bleibt, der kleine Schneeschauer hängt woanders ab. Mit steigendem Sonnenstand werden die Strecken länger . Heute die 1ookm Marke. Wichtig ist nicht allein die Distanz, wichtig ist, wie sich die letzten 20km anfühlen, wenn ich versuchen werde, Intervalle zu fahren.

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Im Netz, in Zeitschriften in Büchern finden sich viele, sehr komplexe Trainingspläne. Belastungszyklen, Trainingsbereiche – Tabellen ohne Ende. Das kann man sehr beeindruckend finden oder sehr obsessiv. Grundfalsch ist es nicht, auch wenn die Methodik manchmal überdreht. Allein: die Kilometer müssen gemacht werden.

Schon der status quo fordert – da müssen keine Meisterschaften angepeilt werden, das Rad fordert, die Straße fordert, 100km bleiben hundert km. Jedes Jahr ist die Frage nach der Form offen: anders als in den Sportarten, wo eine gewisse Grundschnelligkeit, eine gute Hand-Augen koordination und andere entscheidende Fähigkeiten nie wirklich verlorengehen, brauchen Kilometer zu Rade einfach das Opfer, die Selbstüberwindung und Disziplin.

Darum können vier, fünf Kilometer schon die Hölle bedeuten: wo Du stehst, biste selbst schuld. Oder: „In drei Wochen verlierst Du drei Monate“, sagte Bernard Hinault gnadenlos.

awz1Oben belohnt das Haus mit dem schönen Blick: Merenberg. Nach der Spezialuhr sinkt der Puls jetzt von 150 wieder auf 120. Noch 12km, noch eine Steigung in Stufen  -es wird gehen. Die Zahlen stimmen, das Gefühl ist gut. Am 24ten ist der erste 200er.

 

 

 

 

 

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