Eisbrecher – eine Beschwörung

Er hat mich erkannt. Sein kleiner Umriß mit dem buschigen Schwanz blickt mich vom Ende des Schneefeldes an. im Wald taut es schon,  leichter Dunst liegt über dem Boden und die Straße ist taufeucht. Obacht: was der Winter nicht bekommen hat im Wald, das holt sich jetzt der Fuchs.

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Er schleicht sich an, ich schnüre in die Täler hinab: nachsehen, wie das Eis bricht während die Wälder neues Leben zeigen. bkra2.jpgNoch trage ich Winterstiefel,  Wandersocken und die dicken Handschuhe. Heute wird mir darin zum ersten mal gleich so richtig schön warm:  der Frost ist davongezogen, ein sehr ruhiger milder Wind streichelt die Mütze unter dem Helm. Eigentlich beginnt heute erst das neue Jahr auf dem Rad.

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Im ersten Tal kreuze ich eine Gruppe Wanderreiter,  die mit der Kartentrommel auf Expedition sind;  danach bin ich allein. Allein in meinem Refugium. Der Gelbach hat diese echte Naturstrecke für Radfahrer geschaffen, eine ganz sanft abschüssige Strecke von fast 30 Kilometern zwischen Monatabaur und der Lahn. Manchmal schnürt es sich zusammen und manchmal ist es gerade weit genug für ein kleines Dorf mit ein paar Wiesen und Pferdekoppeln.

bkra4 Ein zwei mal noch kreuzt die Strecke den Gelbach, bevor das Tal sich langsam verengt und die faltigen Porphyrfelsen schroffer aufragen links und rechts vom Weg. Dann verschwindet der Gelbach unten im Dickicht  – im Sommer sieht man ihn nur ab und zu aufblitzen. Zum Sommer ist noch lang hin  (und seinen unweigerlichen Motorradkorsi, die brummend näherkommen und mich auf der Hut sein lassen),  Meinen Wanderritt heute werde ich in voller Länge genießen- Einsamkeit ist ein Privileg.

bkra5bkrab4Der Wintersturm hat viel Bruch erzeugt und nimmt den Vögeln die Deckung. –  –  Ein eigenartiger Ruf mitten aus der Lichtung. –  wieder Kolkraben?  Ich ahme ihn (irgendwie) nach, um eine Antwort zu provozieren. Die Antwort kommt und ein schwarzer Vogel fliegt von Stamm zu Stamm. Viel zu klein für einen Kolkraben, zu groß für eine Amsel- vielleicht eine Krähe. Ein paar Drosseln schwirren ab, als ich diverse Pfeiflaute abgebe, die keiner balzenden Gattung zugeordnet werden können. my life in the bush of ghosts. bkrab2Nur der Gelbach ist zu hören und dann sehe ich den Schwarzen über die Straße schwingen: sein Flug verrät ihn, ähnelt einem Fasan. Es war der Schwarzspecht, den ich in meinem Leben vielleicht einmal gesehen habe. Zufrieden steige ich in den Sattel. Das Himmelsgrau wird immer lichter, –  was Bilder nicht wiedergeben: es ist spürbar, die abgetauten Hänge riechen plötzlich nach Wald. Bei Weinähr, kurz vor der Lahnmündung flutet die Sonne durch und füllt die Hänge ringsum mit erster Farbe, der Schnee auf den Baumkronen funkelt noch einmal, manche Höfe im Tal bekommen in diesem Jahr zum ersten mal volles Licht.

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jetzt (eine letzte Kurve, ein letzter Abschwung) folgt das Lahntal, wieder flußaufwärts. Bei Obernhof passiere ich einen kleinen Verwandten des Limburger Doms, ein Kirchentyp, der Ende des 19 jahrhunderts im Historismus gern wieder aufgenommen wurde. Dort, wo er der Braunkohle im Wege steht, wird er abgeräumt . Die Hänge der Lahn dagegen sind weidlich erforscht und alles gewinnbare Erz hat die Bistümer reichgemacht, ohne ihren Bauten zu schaden. So darf Arnstein bleiben.

bkrab1Die Dörfer dösen in der ersten Märzsonne, mal hier ein Automobil und tatsächlich auch ein einzelnes Rennrad – aber das wars schon. Unverdrossen kurbele ich im Dauertempo, höre es leise knistern, sauge tief die würzige Luft ein, die die Hänge freigeben

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und sehe das Eis auf dem trägen kleinen Fluß brechen . Der Winter geht – and for good – und ich nehme die Botschaft hinauf in den Westerwald, wo es doch immer kühler ist.

Weiter vorn eine Einmündung am Waldsaum oben auf der Kuppe, ein glitzernder Luftballon ist in den Ästen hängengeblieben. Eine BMW Limousine überholt mich, bremst und biegt genau dort kurz ein. Eine junge Frau steigt aus, bleibt stehen;  der Wagen wendet und fährt an mir vorbei. Ein alter 7er mit Bulgarischem Kennzeichen. Die Frau steht nun allein an der Straße, auf der Schattenseite, hinter mir höre ich den Wagen erneut anhalten -ich schaue unter meinen Arm hindurch: wieder ist jemand ausgestiegen. Wieder schlägt die Tür zu und jetzt komme ich schon an der jungen Frau vorbei , die eigentlich ein Mädchen mit Kapuzenanorak und Handtasche ist, das mich ansieht.

Wenn es  dunkel wird, wird der grausilberne BMW wiederkommen und sie abholen.

 

 

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