Konservativ

bes6In der hektischen Folgediskussion um den Ausschluß der Dieselhäretiker wurde eine Minoritengruppe völlig außer acht gelassen: vielköpfige Familien. Es gibt sie noch, und ich habe das erlesene Glück, einer solchen vorzustehen. Jedenfalls ist dies das wohlig erschöpfte Gefühl, mit dem ich täglich zu Bett sinke.

Wenn es nun darum geht, soviele Kinder wie möglich in ein Auto zu kriegen, war das zu Zeiten der Babyboomer häufig nur eine Frage des Willens. Es wurde gequetscht was das Zeug hielt und macher Mittelklasseauspuff kam bei Vollbeladung dem Asphalt bedenklich nahe. Hopp oder Topp: sie kamen durch.

bes1Die Gurtpflicht und erst recht die Rücksitzgurtpflicht machte der Folklore ein Ende. Fortan hatte ein europäisches Motorfahrzeug eine streng definierte Zahl an maximalen Sitzplätzen. Genau das verriet ich auch meiner Frau, als die summe n+1  sechs ergab. Ich will hier nicht darauf eingehen, was im automobilen Sektor alles als siebensitziges Fahrzeug gepriesen wird, mir kommt es nur vor, als ginge man dabei von einer ständig schrumpfenden Bevölkerung aus oder einer eingebauten Sollbruchstelle bei Familien mit Kindern über 1m23 Körpergröße. So richtig Platz findet man darin nicht und fürs Teambuilding auf Reisen taugt es  wenig.

bes2ländliche Szene mit frondienstenden Mujiken und Dieselaggregat

Möglicherweise werden „Family“ SUVs genau nach solchen Statistiken entworfen. aber:geschenkt. Womit aber keiner gerechnet zu haben scheint, ist das sämtliche wirklich wirklich großräumigen Fahrzeuge die man vormals als Transportern und Kleintransportern ableitete zum Teil ausschließlich mit Dieselmotoren betrieben wurden und werden. Aus Kostengründen: die Differenz zwischen der Spritrechnung zwischen Ott- und Diesel wächst direkt proportional zur beladung oder so ähnlich. das wissen gerade kinderreiche Familien, deren Cornflakes Rechnung im Monat fast dreistellig ist durchaus zu schätzen. Da muß das Auto wirklich kein unnötiges Geld schlucken.

DSCF2132Es ist natürlich das gute Recht gentrifizierter Innenstädte mit einem Singleanteil von 75% sich Geruch, Gestank und Lärm – also Kinder in Dieselkutschen – vom Leib zu halten. Das ist in den besten Wohnlagen vom Ashram Auroville auch nicht anders: eine spirituell saubere, egalitäre und durchgeistigte Form des Lebens ist eben mit Kindern nur schwer herstellbar und eigentlich nicht gewollt. Sollen sie in ihrem Diesel Slum bleiben.

bes4Ich kürze die (sozial?)politische Debatte hier einfach ab und bezeichne mich als wertkonservativ – ich mag keine Verschwendung, wo sie nicht dem Luxus dient. Darum habe ich in voller Kenntnis der Umweltdebatte intensiv wieder nach einem Diesel gesucht: ja, jetzt ist es raus, ich mache auch noch Werbung dafür. Zwischen Wohnen, Schlafen, Essen und gemeinsam Autofahren gibt es einen Zielkonflikt. Wer möglichst vielen Menschen ein Dach über vier Räder geben will, hat nicht nur ein Platzproblem, er hat auf einmal eine stark geschrumpfte Zahl an Alternativen die deutlich gegen Null tendiert, wenn der Dieselmotor ausgegrenzt wird.

Der alte Renault Grand Espace ist das angenehmste, leiseste schönste und billigste Auto, wenn man nach 600km zu siebt nicht als nervliches Wrack vom Steuer fallen will. Das erhöht nebenher die Überlebenswahrscheinlichkeit seiner Insassen. Natürlich wird er nicht mehr gebaut: ein solches Auto kann niemand gebrauchen, der im Zentrum Münchens (oder Stuttgarts, oder, oder) sein lang ersehntes Wunschkind sicher zum Kindergarten geleiten will. bes8

 

 

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4 Antworten zu Konservativ

  1. alex schreibt:

    Ich wette, der deutsche Michel alleine Zahlt die Zeche für den Skandal ! LKW Fahrverbot, insbesondere für alten von unserer Nation selbst, vorzugsweise in den Osten, abgestoßene LKW werden davon ausgenommen sein. Oder man kann das nicht „kontrollieren“. *hämisch lach*

    Ich würde eine Sammelklage der privaten Diesel PKW Nutzer anstreben, die da ganz klar nach dem Verusacherprinzip ( =Hersteller & Kontrolleure ) vorgeht.

  2. crispsanders schreibt:

    Eine Zeche zahlen alle, die einen mehr, ie anderen weniger. ich stelle gewisse Absurditäten im Wohlstandsalltag fest.

  3. Radelpapa schreibt:

    Hallo Christoph

    Seit einiger Zeit lese ich deinen Blog und das sehr gerne.
    Auch ich bin Vater einer Großfamilie mit 6 Kindern zwischen 14 und 4 Jahren und fahren natürlich einen Diesel, VW t4 Caravelle Baujahr 2000 mit 280000km. Und das jeden Tag gerne. Wahrscheinlich ist seine Ökobilanz besser als jedes E-Auto..
    Auch wir fragen und häufig ob Familien mit mehreren Kindern, sprich 3 und mehr bei sämtlichen Planungen vergessen werden.
    Das geht bei Wohnungen los ( Gott sei Dank leben wir auf einem Bauernhof im Tecklenburger Land) geht über Urlaubsangebote und Autos und endet leider nicht bei Familieneintritten nur bis 3 Kinder gehen.

    Schreib weiter so

    Viele Grüße
    Thomas (47)
    (Der von seinem erstem Brevet träumt und sich fragt woher dieser Christoph die vielen alten schönen Rennräder hat…)

    • crispsanders schreibt:

      Herzlichen dank für die Komplimente,
      zu den Lippenbekenntnissen gegenüber Familien verweise einmal auf die Regierungsbildung: von Familienministerium wechselt man gern in andere Ämter – die Kunden sind einfach zu unbequem, der Return liegt jenseits aller Wahlintervalle .Brevets braucht übrigens kein Mensch, es ist nur äußerst befriedegend sie zu absolvieren.

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