Neues aus den Siedlungen

Andere spielen Fußball. Habe ich auch mal gemacht und die letzten Jahre waren eine gute Zeit –  aber jetzt der alte Mann mit RuC Zigarre sein, der am Geländer des Ascheplatzes lehnt wie an jedem Sonntag?  Sportplätze –

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da standen immer mal solche Männer –  allein – und sagten nicht viel. Wurden auch nicht  einfach so angesprochen, gehörten nicht zu den Kumpels aus der Vereinskneipe. Kamen aus der Siedlung mit den Städtenamen weit hinterm eisernen Vorhang, Breslau, Danzig, Königsberg. Geh weiter Fremder. Die Flutlichtmasten lassse ich hinter mir und besuche die Siedlung im Schrittempo.

Bevor sie zur goldenen Mitte heranwuchsen begann es (nicht selten)

alt2so –  irgendwo neben einer Villa, die sich ein Exzentriker „außermittger“  mal baute. Mitten in den Obstwiesen. Dann kamen die Planquadrate und Grundstücke hinzu, auf die das Wüstenrothaus passte. Der Rest wurde in den Achtzigern verfüllt, vielleicht noch in den Neunzigern. Kleine Erker kamen auf, manchmal ein kecker Eckturm. Die Kinder sind schon ausgezogen, manchmal auch die Hälfte der Eltern, ein Kreislauf.

DSCF2637Inzwischen ist es noch ruhiger geworden, die Jahrgänge ’18 bis ’28 längst in bessere Welten verraucht, aber die Siedlung ist noch längst nicht am Ende.  Wir bauen weiter.

Die letzten Außenränder bespielen jetzt Zweifamilienquader mit Tafeldach, Blöcke, in denen auch schlitzartige Fenster vorkommen. Ich war noch nie in einem drin und kann nur leere Kochinseln mit einem Karton Fertigpizza vermuten.

(Kenne nur die älteren Muster, Eichkamp Berlin: da riecht es innen nach Holz, die Treppe ist schmal, die Zimmer klein. Rauhfaser aus dem Tal der Wupper, in der Küche riecht es nach Essen. Es folgten Bungalows (Gästeklo rechts) und die große Zeit der Einbauküche: flötotto, SieMatic oder Quelle. Die Schränke aus Birne flogen auf die Straße, gingen aber nicht alle verloren.

1994: In Zürich zeigt eine Frau auf den großen Küchenschrank in Eierschale und sagte mir: das ist das Einzige, was wir 1936 mitgenommen haben. Ende der Abschweifung.)

alt23Während die Flutlichter des Sportplatzes weiter hinten aufleuchten, wundere ich mich über reduzierte Vegetation. Straßenbäume sind teuer und wachsem langsam, Steinplatten, Würfel, Betonoktogone eher nicht. Freitagabend –  niemand draußen, keine Stimme zu hören. Die Kinder sind wohl auf demSportplatz – eenn es sie gibt.

Schattenrisse vor Flachbildschirmen. Überschlagen sind das  1,5 Autos pro Hauswand, also  in etwa der Kinderfaktor  pro Familie. . . was genau habe ich vergessen: macht ein Kind oder zwei je Haus. Ein Auto macht ein Kind, zwei Autos macht ? Falsch. Mittlerweile gebietet die Entwicklung, naturfarbene Tarnkappen für die Antriebstechnik zu besorgen

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Diese Aussicht kann ihnen keiner nehmen, wenn sie sich für eins unserer Objekte in der Wiesenstraße entscheidenWenn es so etwas gibt, dann ist die Wiesenstraße die Mitte der Mitte, die Truman Show unseres Landes. Aus der Mitte entstehen die großen Veränderungen, wird Rock’n’Roll geboren, von hier gehen die Revolutionen aus. Diese  Vorstellung fällt mir schwer.  Zieh weiter, Fremder

Gegnüber die Hügellinie mit Tannenumriß, leicht dunstig, von den großen Windrädern sind nur die roten Positionslichter zu sehen. Die Wiesenstraße geht in die Fritz-Schermuly Straße über, Lagerhallen, Busparkplätze und drei bis vier Autoverkaufsbetriebe schließen sich an. Am Straßenende zappelt eine Fahne im Wind und auf ihr die große Frau, die einen Duschkopf züchtig vor sich hält. Es regnet. Die Lichtkegel der Kunstsonnen sind von flüssigen Streifen durchzogen. Ein Pfiff.

Das Spiel ist gleich um, der Parkplatz gefüllt. Schön, daß es Kunstrasen ist, Die Trikots bleiben makellos. 3 Grad  plus und Nieselregen – kannst Du Dir die Schlammschlacht vorstellen.. ..? Hätte dem Alten mit der Zigarre gefallen.

 

 

 

 

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8 Antworten zu Neues aus den Siedlungen

  1. Judith Perez schreibt:

    An manchen Plätzen hatte der Zigarrenmann auch eine Armprothese im schwarzen Lederhandschuh!

  2. crispsanders schreibt:

    Und vielleicht noch einen Hut? Ich sehe ihn genau.

  3. alex schreibt:

    Heute will doch keiner mehr auf Asche spielen. Jeder kleine Pupsverein braucht heute Kunstrasen.

  4. crispsanders schreibt:

    Ein Rasenplatz war noch das, was ich am meisten vermißt habe. Trockene Asche ist einfach suboptimal: ein ordentlicher Spannstoß kann kaum gelingen, der Ball hüpft herum. Aber Asche: es gibt noch hier und da welche, ob am Rhein oder im Nistertal . . . .

  5. monnemer schreibt:

    Die Hose auf dem Heimweg vom Spiel an der nässenden Wunde festgebacken, zu Hause dann mit der Pinzette die Körnchen aus der Wund gepult. Die Narben sieht man heute noch.
    Ich kann mich nur an 2 Spiele auf Rasen erinnern: Vorspiele im alten Waldhof-Stadion am Alsenweg, bevor unsere damaligen Helden um Günther Sebert den Platz betraten.
    Asche hatte nur den einen Vorteil, beim Freistoß in Tornähe ein Hügelchen für den Ball zu häufeln.
    Die alten einsamen Männer sieht man aber heute noch an den Plätzen stehen. Eine Konstante.

  6. crispsanders schreibt:

    Fallen lernen! Das dürfte der spürbare Vorteil von Asche (gewesen) sein. Old man standing

  7. Twobeers schreibt:

    Bei uns waren die Plätze teilweise aus Asphalt. Und im Winter wurden die von den Vätern vereist…

  8. crispsanders schreibt:

    Waren das Väter mit einer verkappten Leidenschaft fürs Eishockey?

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