Im Kontext

Team Renault Gitane im Wintertraining auf Crossrädern 1985 (Le Querrec)

Für Bilder ist das Netz buschstäblich das große Fangnetz.  Nicht ein Bruchteil an radsportgeschichte in Photographien oder Bildern wäe uns sonst bekannt. Dinge, die sonst nur folienverschweißt auf Flohmärkten gezeigt werden, in Stapeln bei Sammlern verstauben werden plötzlich sichtbar.

Fast jeder Tag spült Neues an den Strand der Displays, hebt ein wenig Plankton aus den inoffiziellen Archiven, aus den großen Speichern .

Vor zwei Jahren öffnet die Weltbekannte Agentur magnum ihre Archive und stellt daraus einen „pavé“ von Bildband über den Radsport zusammen. Von Capa über Le Querrec und Vink, also vom Beginn bis in die Gegenwart ist der Radsport ein Topos, den die Agentur mehrfach behandelt hat.

Was nachdenklich macht: ich entdeckte das Buch nicht in einem Geschäft, bekam es nicht von einem Händler empfohlen, sondern fand es nebenher, bei der Bildersuche. Suchbegriffe: le Querrec, gitane, 1985. Schon finde ich eine ganze Reihe von Bildern, die auf das große Buch verwiesen. Vielleicht bin ich einer der Letzten, die die Umkehrung der Reihenfolge noch überrascht und erwähne es,  weil es definitiv den Paradigmenwechsel markiert.

Tour de France 1939 (Capa)

Wenn Archive, Bibliotheken, Buchhandlungen eine Fundgrube waren, aus der die Schätze des Wissens  gehoben wurden, so ist es nun definitiv das Netz. Ob es in den Magazinen der Bibliothekenund Museen nicht noch unendlich viel mehr Material gibt?  Früher wühlten sich die Neugierigen durch Untergeschosse, erwirkten Genehmingugnen, studierten Karteikartenverzeichniss, die mit der Feder geschrieben waren, wie ich im Folkwang oder der KuBi. Vor zehn, zwanzig Jahren.

Team Gitane auf dem Weg zur letzten Etappe, Tour 1982 (Gruyaert)

Zurück zu Magnum, der Agentur, die sich als Kooperative der besten Fotoreporter gründete. Capa oder Cartier Bresson, Chim, Burri oder Gruyaert–  längst sind sie ihre eigenen Monumente. Seit Jahren hebt magnum seinen Schatz, digitalisiert seine „backlist“.  Der Blick auf den Radsport beginnt mit den Anfängen der Agentur –  Capa 1939 – und dessen Blick richtet sich gleich auf den Kontext. Nicht der pedalierende Held steht im Zentrum: Magnum zeigt eine Kultur, vorzüglich französisch, in der Radsport stattfindet. Magnum zeigt den Sport in seiner Umgebung und schafft so Verweise, die über die reinen (längst vergessenen) Fakten der Rennen hinausgehen.

Tour 1969 marino Basso?

Der Holländer Winnen (Alpe d’Huez) sprach von Radrennfahrern als Parias, deren extreme Leistungen einen Mythos ermöglicht und so die Anerkennung der Gesellschaft. Aber potentielle Parias blieben sie, irgendwo zwischen Zigeunern, Zirkusartisten oder Eskapisten. Die Bilder von Magnum zeigen genau das: die Kluft zwischen den Zuschauern und Radfahrern,  die Ungewißheit und Verletzlichkeit, die die Sportler umgibt. Noch in Trainingsgruppen bleibt es sichtbar.

Thurau auf der letzten Bergetappe , Tour 1982 (Gruyaert)

Schließlich die Frage nach dem Medium. Ja, in einem Buch finden sich die Bilder größer und deutlicher wieder,  aber wenn sie gleichzeitig im Netz für sich studiert werden können und dazu die Bilder, die in einem Buch aus Platzmangel nicht aufgenommen werden können – ist dann das Netz nicht überlegen?

Ob wir unsere Erinnerungen und Erlebnisse lieber virtuell oder reell aufbewahren wollen,  das dürfte eine der wichtigen Fragen der Zeit sein. Bildbände bleiben schöne Dinge, so oder so.

 

 

 

 

 

 

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