My private eroica

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Dieser kleine Brunnen hätte auch in Italien stehen können, aber für mich war es weitaus besser, ihn bei Löhnberg vorzufinden. Die letzten 30km meiner privaten eroica primavera hätten sonst wirklich hart werden können. Die eroica ist eine unter Radsportfreunden recht bekannte Veranstaltung, mit der die Tugenden eines Arbeiter- und Bauernsports auch noch in die postindustriellen Landschaften des 21ten Jahrhunderts hinübergerettet werden sollen. Nach dem Vorbild globaler Franchiseketten wie Starbucks ™ gedeihen in ganz Europa kleine Ableger der wahren italienischen Fahrradleidenschaft. Ganz Europa? nein, in Gallien… – aber das war schon immer so.

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Der Gedanke, die Grenzen seines Körpers auf Jahrzehnte alten Rädern auszuloten ist gerade bei „best agern“ nicht ohne Reiz, verbindet man so ganz reizvoll eine Reihe liebgewordener Klischees von fremden Ländern und Menschen mit Sehnsuchtsobjekten der späten Kindheit. Und es ist richtig: wer einmal von den Rädern, Autos, Flugzeugen der 1950er und 60ern und ff geprägt wurde, den lassen sie so schnell nicht mehr los.

b8Meine eigene eroica Erfahrung ist sehr schmal, sie beläuft sich auf eine einzige, glückliche Teilnahme ziemlich genau vor zwei Jahren. Hier sei nur erinnert, daß es für das interessante Erlebnis, feste Schotterpisten mit überhöhter Geschwindigkeit hinunterzustürzen nicht mehr braucht als 28mm breite Reifen, und daß auch ein wenig Praxis im MTB-downhill racing nicht schaden kann. In jedem Trainingszustand können da sehr leicht Grenzerfahrungen gemacht werden.  Der Rest ist Radlerlatein.

DSCF4196.JPGFür analoge eroicaErfahrungen braucht es nicht im mindesten Reisen über die Alpen. Gut, das touristische Hauptptogramm  gibt hier nicht,  aber das ist ja nur eine nebensache – gelle?  Es reicht ein schöner, schwüler Samstag im Mai in der nicht minder schönen Umgebung der Lahn. Ist schon das Wetter eher ungermanisch, kommt mit meinem benotto 3000 CS (das aus privaten Gründen „Wilhelm“ heißt)  ein authentisches eroica Element hinzu.  Ich habe mit ein wenig Tüftelei einen noch nicht erprobten Laufradsatz eingespannt und darauf frische, stilsicher beigeflankige Paselas aufgezogen. Eroica Kudos sammeln.

Nicht ohne Hintergedanken sollte ein wenig Produktnaming  schon gestattet sein: mit den 28er Paselas bin ich Paris Brest pannenfrei durchgerollt und nach meinem Aberglauben ist nichts so gut für den Schutz einer Lauffläche, wie ein ordentlicher Ritt über Asphalt . Der Gummiabrieb und Feinstaub der Straße schaffen ein fast unsichtbares Schutzschild für frische Reifen, die sich bei der Gelegenheit auch richtig in die Felgenhörner „setzen“.

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Nach einer guten Stunde durchs satte Grün verschaffe ich mir den nächsten italienischen Moment: ein aufpreispflichtiges Pistazieneis, original vom italienischen Handarbeiter überreicht. Ich schmecke tatsächlich die leicht mehlige Konsistenz der gemahlenen Nuß; mehr eroica geht kaum, sage ich mir und lege mich in den Wind.

Das Lahntal gleicht unter heutigen Bedignungen der schwülen Po-Ebene, die Ortsdurchfahrten vermitteln in ihrem prekären Asphaltzustand ebenfalls ein gutes Gefühl von Ländern mit Haushaltsdefiziten, welche in Brüssel vor lauter Tränenflüssigkeit nicht mehr entzifert werden können. Mich armen, ehrlichen Radfahrer hat das nicht zu interessieren. Will ich diesem Sport im Sinne der eroica nahekommen, sollte ich mich besser in die pauperisierte Perspektive eines italienischen Maurers versetzen, der an den Tagen, da ihm kein schwarzer Auftrag den Samstag versüßt, mit seinem Rad beim Dorfrennen ein paar Lire hinzuverdienen möchte. Der Schweiß rinnt und schmeckt salzig, der Signore der Eisdiele hatte Mitleid und hat noch etwas Leitungswasser in die Flasche nachgefüllt.

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Und ja, auch hier stehen Villen zum Verkauf, aber vielleicht interessiert das eher die erfolgreichen Unternehmer aus Indien, Albanien oder Anatolien, die ihre schwachen Währungen fliehen. Der Radfahrer ist machtlos ind dieser Welt der Padrones und globalen Konzerne. Ihm bleibt nur die Genugtuung der schmerzhaften Siege über sich selbst und diesen anderen Mann dort unten, auf dem parallel geführten Radweg, der die Strecke bald kreuzen wird.

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Der Schatten tut gut, ich lasse freihändig rollen und gurgle das kühle Wasser durch meinen Schlund, während auf der Gegenseite eine Reisegruppe fröhlich winkt. Die Hälfte hat sich ein elektrisches Fahrrad leisten können, was ich in meiner stolzen Armut ignoriere. Was mein Stolz nicht ignorieren kann, ist ein massiver Körper auf einem blaugrünen Rad, der sich an mir vorbeigeschoben hat.  Er hackt in die Pedale als gehe es um den großen Preis von heuchelheim. Aus einer asketischen eroica meditation ist ein Dorfkriterium geworden-  ich hänge die Flaschen ein und gehe aus dem Sattel.

Den Mann beobachten. er spürt mich und zieht wieder an, seine reifen walken unter der Last. „I can hold anyones wheel for fifty Kilometers“ sagte Francesco M., der auf meinem Rad berühmt wurde – und so wird der Herausforderer mich auch nicht los. Gießen: noch 3km. An einem Kreisverkehr schiebt er sich rechts an einem Traktor vorbei, schafft die Lücke und nutzt den Kurvenausgang, um maximal aufzudrehen. So nicht. a05

Nur wenige hundert Meter später stelle ich ihn wieder, während hohle Versprechen von Fortschritt und Wohlstand an den gleichgültigen Fassaden der Arwobau vorbeiziehen. Fortschritt durch Stillstand – das würden auch eroica Teilnehmer unterschreiben.  Nun der Andere: Auf gleicher Höhe mustere ich die bluetooth Kopfhörer in seinem Ohr, doch er schaut stur geradeaus. Eine Ampel, noch eine Ampel: kurz vor dem Gießener Ring wird es zum finalen Duell kommen: dahinter beginnt die Stadt.

In schwarzglänzenden Mercedes-Coupes fahren junge Männer mit gleichfalls schwarzglänzendem Haar und enganliegenden schwarzen TShirts vorbei in die Stadt, während aus dem Innenraum heftige beats pulsen. Klappernd kommt ein ungefilterter DieselGolf um die Ecke und schmettert „we can be heroes“ aus dem Kassettenrekorder. Ich stütze mich am schmandigen Laternenmast ab: grün!

ab2Ich höre seine Kette, die gequält ein passendes Ritzel sucht, dann bricht sie nocheinmal über die Zahnräder und dann nichts mehr. Tosender Jubel dringt (vermeintlich) von der Jet Tankstelle herüber, während ich ausrollen lasse. Nur eine Sprintwertung.

a06Und die Einzigen, die wirklich zu mir emporsehen sind Studenten, die an der schlammbraunen Lahn liegen . . . . .  am Arno ist das Leben auch nicht süßer. b6Dann spielt die Musik noch eine Weile für mich während meine Augen  ein Taschenbuch für meine Trikottasche suchen –  – .

Was sehe ich bei Guthschrift heute, was interessiert?:

Kunstbildbände zum Ramschpreis. Degas Porträts, Impressionisten und Freunde.  Viel zu billig, aber es will sich niemand daran erbauen, im Gegenteil: es ist die Eroica Kernzielgruppe nördlcihe der Alpen die solche Bildbände als unnötigen Erbballast sehen und ihn wegwerfen. mach sich in der neuen Wohnung nicht gut. Von solchen Büchern aber haben eroicisti seinerzeit nur geträumt: so viele schöne Bilder, aber was tun, wenn die Schule, das Haus und vielleicht auch die Hochzeit nicht bezahlt sind? Kunstbücher sind nichts für Radfahrer, die nimmt man doch nur als Trostpreis von der Kirchentombola . . . .

Turgenjew in der Aufbau Ausgabe – die beste Übersetzung, die man auf Deutsch bekommen kann… Fast hätte ich die Kombination aus Väter und Söhne plus Neuland zum Nachschicken nach Hause erfragt. Das Dschungelbuch, aber in der Haefs Übersetzung, und daneben : Kim in der alten List Übersetzung. Das will ich – aber nur von Haefs. Also gehe ich und weiß, wonach ich forschen muß – Kim. .

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Für meine private eroica ist erst Halbzeit. Der Weg zurück ist ebensolang wie hin. Mein Geld spare ich mir für die zweite Kugel Eis und als Peitsche den kleinen Espresso – genau so hätte es mein Vater gemacht, genauso mein Onkel. Nur so kannst Du mehr aushalten, kommst Du weiter, haben sie gesagt. Vor dem Wettkampf läßt Du die Crostata liegen und den Schinken und den Wein sowieso. Du mußt nicht viel sagen, Du mußt es versuchen, und danach versuchst Du noch mehr: dann kommst Du nächste Woche auch 600km weit.

a08. . und dann fand ich zum Glück noch diesen Brunnen aus Marmor : täuschend italienisch – nur sind Gefäß und Inhalt eindeutig von der Lahn.

 

 

 

 

 

 

 

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