BRM 600 – für ein paar Kilometer mehr

b01Es ist so ein alter Hof . -links das Wohnhaus, verputzt , rechts die Scheune aus Backstein, weiter hinten noch Wirtschaftsräume. Die Scheune ist das Ladengeschäft mit Werkstatt, davor Herr Groß. Ein Mann in Hosenträgern und Karohemd der längst in Rente ist, wie er sagt,  aber nun hat er heute offen, gerade noch Freunde verabschiedet. Sein Geschäft liegt gleich am Lahntalradweg ,was vielleicht die letzten 25 jahre ein guter Grund war, mit dem Laden weiterzumachen. Herr Groß weiß nicht, daß er innerhalb von Sekunden auf diesem Globus zu meiner einzigen Hoffnung geworden ist. Ich versuche so unverzweiflet wie möglich zu klingen, das leben ist ein ruhiger Fluß.

b06Nun schlägt die Stunde des  traditionellen Rennrads, des Rades mit der  28 Zoll Felge – oder 700c, um es metrisch zu sagen, des Vorderrades, das seit Jahrzehnten auf einer 100mm Achse sitzt. Sowas hat man einst im dutzend gehabt – einst, also vor der Zeit der 29er, der MTBler und vor allem der ach so unverzichtbaren Scheibenbremse. Und weil es diesen Radladen schon seit 1936 gab, kann Herr Groß sich an seine Nebengarage erinnern, in der noch ein paar Sachen hängen – ja, auch Laufräder. Herr Groß ist aus einer Generation, in der man nicht gleich alles weggeworfen hat. Nach einigen Minuten holt er ein spinnverwebtes  Vorderrad von der Wand. Hochprofil der 1980er, Rigida: her damit.

Mantel geht von Hand drauf, alter Schlauch rein, hm, verschlungen,  Pumpe bringt den Luftdruck nicht, also alten Schlauch wieder raus. Ersatzschlauch 1 her (Herr Groß staunt, während ich erzähle, was ein Brevet ist, daß man man so etwas dabei hat) den kleinen Druckprüfer von der Wand – lustiges Ding – und er gibt noch Hinweise zum Aufziehen eines Reifens und Druck usw., während er in meinen Augen langsam Engelsflügel bekommt.

Ich zahle, was ich in der Börse habe  –  und mit der Post schicke ich den Rest. Danke Fahrrad Groß, mögest Du 100 Jahre bestehen und mehr.

b05Auf nach Marburg, alles läuft so herrlich leicht auf einmal, nicht nur das Vorderrad. Jetzt die drei Hauptstädte der Lahn: Marburg , Gießen, Wetzlar.  danach die Mittelalterperlen Limburg und Diez. Topfeben und immer noch kein Zeichen von schlechterem Wetter.

b02Die Verkehrsführung ist trotz Navi das größte Hindernis. Vor Marburg verfranst sich der Track, richtig geschmeidige Anfahrten sind nur Autos vorbehalten.

b04Doch die Stadt ist ein Genuß: schöne Gebäude, viele Bäume, viele entspannte Menschen, man möchte bleiben. Den Weg nach Gießen kenne ich irgendwie anders but so what, so folge ich den spitzen Winkeln der Feldwege und wuchte mich über Bahntrassen. Für mich ist das Gift, wenn der schöne Flow dauernd futsch ist.

b091In Sicht die Gebäude der Leica Camera AG, einem Deutschen Mythos in einer Deutschen Nachkriegsstadt. Schön ist es nur in der Altstadt, das übrige „autogerecht“.  Die Menschen sind dünnhäutig in Wetzlar, sagt der junge Mann an der Tanke und das habe ich gespürt, als ich an der Ampel einen Platz gut machen wollte. Es ist ein Feiertag und da haben Menschen nicht immer Zeit, andere drohen sich auf dem Radweg mit Messern – nur sei man dergleichen durchaus gewohnt spricht wiederum der junge Mann.

b08Ein Eis mit Pistazie darauf.

Das silberne Vorderrad rollt – allein: es macht mir kein Licht. Ich muß also das schöne Lahntal hinter mir lassen ,denn die Aufstecklampe liegt in meiner Hütte. Dre- viermal überlege ich und es kommt immer das gleiche heraus. Eine, vielleicht zwei Stunden Umweg insgesamt und die gut bekannten Steigungen aus dem Lahntal, das wird es mich kosten. Zuhause die allgemeine Überraschung, ein schönes Brot, Grapefruit und weiter gehts.

b092Und jetzt beginnt die Nacht.

Gut, die Abfahrten in den heimischen Hügeln zu kennen, gut, daß es mild bleibt. An der Lahn brennen die Lagerfeuer, werden Lampions angezündet. Ruhige Minuten ohne Mondlicht, Nassau, Bad Ems im Laternenlicht. Dann schon Lahnstein und ein Gewirr von Gassen bis neben der schön beleuchteten Kirche der Rhein zu finden ist. Weiter durch die Gassen, zu Fuß über die Baustellen und die holprigen Stadtstraßen hinein in die Metropole, in der tatsächlich ein Hauch von Nachtleben herrscht. Der geruch von Flußwasser und dann endlich: die Kontrolle 4

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Soweit ging der Plan auf. Jetzt rolle ich müde weiter an die Mosel, um noch ein paar Kilometer über 400 zu machen und mir einen Schlafplatz zu suchen. Vom Papier her fahre ich  den leichtesten Teil der Strecke:flach, gerade, sauber, kaum Wind. Von der Stimmung ist es der Zäheste. Meine innere Uhr hat die Tagesarbeit für erledigt erklärt, während Wetterleuchten mir vielfarbig die Umrisse der Mosel zeigen. Schön wäre es, noch eine Stunde dem Wetterleuchten entgegenzufahren. schöner ist es, endlich eine Bank an der Uferpromenade zu finden, die Mettwurst und das Vollkornbrötchen auszupacken und mit dem Messer schöne kleine Portionen zu schneiden, langsam zu kauen, wieder abschneiden, den langärmligen Pulli überziehen und einschlafen.

Die Feuchte kriecht von der Mosel hinauf, das Grollen kommt näher .  – ich erwache fröstelnd und strecke einen Krampf aus dem Oberschenkel. Ein voll erleuchtetes aber völlig leeres Moselschiff tuckert vorbei – hinauf zum Liegeplatz, wo  die Hundertschaften warten . Kurz nach drei – ich fahre los. Kaum habe ich den gespenstischen Vergnügungsdampfer eingeholt, treffen mich dicke Tropfen. Es ist so weit. Ich fahre schneller auf der Suche nach dem nächsten Ort. Schon prasselt es nieder. Bahnunterführung – auf zur nächsten Häuserreihe und schnell in einen tiefen Eingang. Die Steine sind schön trocken und beinahe warm. Der Regen prasselt heftig  in den Eingang. Ich drücke das Rad an die Wand und lege mich unter die Treppe, den Kopf in die Helmschale. Es leuchtet Safrangelb, hellrosa und weißgolden und kracht aus allen Richtungen. Ich bin in absoluter Sicherheit und schlafe wie ein Kind.

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Schemenhaft erkenne ich die Welt und mein Lager.  Vereinzelte Tropfen bilden die Nachhut. Es ist kurz nach 5, die Welt erwacht – los gehts, die nasse Straße hinunter….

 

 

 

 

 

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