*Funk beyond the call of duty* : Feldberg 200

Musik kommt näher: der goldene 72er Eldorado gleitet vorbei, bevor ich die Kamera zücken kann und verschwand hinter der nächsten Tanne Richtung Feldberg. Glitt vorbei wie der Geist Johnny Guitars- der Eldorado trägt seinen Sound weiter hinauf, den AFN damals über Hessen brachte: its here to stay – während noch 4km zum Gipfel zu machen sind.  a001

Funk beyond the call of duty war letzte der drei Alben, die Johnny Guitar berühmt machten. Mit seiner gut eingespielten Band hatte er zuvor „aint that a bitch“ und „a real mother for ya“ aufgenommen „Funk“  . Wie Prince war Johnny Guitar Watson Multi-instrumentalist, Komponist, Arrangeur seiner Stücke. Sein Auftritt auf dem Berliner JazzFestival 1976 fand als Pianist statt . Anders als Prince ging es Johnny Guitar nie nur um Johnny Guitar und das Eine.  Johnny Guitar erzählte vom Alltag mit lässigem Witz,  und läßt eine völlig unverwechselbare E-Gitarre dazu sprechen: die Saiten riß er ohne Plektrum an.

Zurück aufs Rad des Tages:

a1Berlin Wien Berlin steht in wenigen Tagen an und man macht sich seine Gedanken. Wie weiter vorbereiten? Der 600er ist überstanden, achtern links schmerzt es noch ein wenig, aber etwas muß man tun. Auf dem Kalender steht darum der Giro  in Hattersheim, ein traditionsreicher Marathon zwischen Wiesbaden und Frankfurt. Die Strecke nutzt alle Vorzüge der Gegend und ist anspruchsvoll: der große Feldberg steht zur Halbzeit der Runde auf dem Programm, drumherum gruppieren sich diverse Anstiege: Platte, Tenne, Rod am Berg, Wallrabenstein . . . .alles, was den Taunus sehenswert macht.

Dorthin und drüber hinaus will ich meine neueste Variante des ParisBrest-Koga führen. Es sind versuchsweise GrandPrix reifen in 28mm montiert, die so gerade unter die Bremsen passen, der Grat berührt sie leicht. Die 25er haben mir in den Pyrenäen beste Dienste geleistet. Jetzt will ich nochmal etwas mehr Komfort bei bekannter Robustheit. Die 210km rund um den Feldberg sind bekannt, Man kann sich in einer Woche völlig davon erholen.

a2Ein Start ohne Formalitäten, während sich andere Fahrer noch begrüßen, Frühstück war schon: mein Ziel ist, diesen Marathon in zwei Stops mit eigener Minimalverpflegung zu fahren. Ähnlich wie in Gießen vor drei Wochen soll der Körper ordentlich „leerfahren“, damit er lernt, eigenes Fett zu verbrennen, statt nach dem nächsten Steak zu rufen.

a36bar und los. Der Nachtregen hat die Luft abgekühlt, der Komfort breiter Reifen auf geflickten Dorfstraßen ist spürbar, ich bin nicht enttäuscht. Eppstein grüßt romantisch, die Wellen beginnen.

In gleichmäßigem Trab unterwegs, werde ich hin und wieder eingeholt. Die routinierten Marathonfahrer sind sicher eine halbe Stunde vor mir gestartet, und Vereine sortieren sich noch für kleinere Runden. Darum sehe ich nur Einzelfahrer und es bleibt Zeit für ein wenig Mikrosoziologie des Radsports. Bikefashion- bloggin.

a4Dieser junge Herr beispielsweise im duftenden, blütenweißen Shirt. Er verwirklicht den Traum des juste milieu. Elektronische Schaltung, elektronische Ausrüstung – die Kabel der Kopfhörer für einsame Stunden sind zu sehen. Alles aber auch alles sieht neu aus, auch die Beine sind makellos. Die Schaltung geht munter hin und her, alle Anstiege werden exakt in der Frequenz des Sky Teamkapitäns vollzogen.

a7Die Abfahrten in Position neuester Schule bringen einen klaren Zeitvorteil, während ich auf frischen Slicks eher vorsichtig in die Kurven gehe.

a6Kurz vorher kam jener Mann noch vorbei (er ist längst vorausgeeilt). Seine Kleidung verrät eindeutig den gestandenen Vereinsfahrer. Die Beine sind ebenfalls rasiert, die Muskeln hingegen schon von längerer Praxis eingekerbt. Es wird noch per Hand geschaltet. Das Tempo ist zügig und gleichmäßig, mit seiner Hilfe rolle ich die „Tenne“ eine  Minute schneller hinauf, als es nötig gewesen wäre und am Gipfel gibt der Vereinsfahrer Gas, um die Rangordnung herzustellen. Danach unterhalten wir uns und schließlich verabschiede ich mich kollegial: der Tag ist noch lang.

a9Zur Entspannung trifft man auch solche, die ganz altschulig die persönliche Herausforderung suchen.

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Und dann wieder richtig schnelle Noname-Einzelfahrer. Dieser Hier ist ein junger Pole, der nett grüßt und lieber in langer Hose fährt und mit ziemlich dicken Oberschenkeln um die Ecke huscht.

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Dort gehts links Richtung Usingen, gleich wird der Blick auf den Feldberg frei, die Dunstwolken haben sich aufgelöst und eine Gewitterfront ist nicht auszumachen : die Wetterentscheidung ist gefallen. Zwischen mir und Schmitten liegt noch Rod am Berg, ein gerader Anstieg durchs Dorf mit giftiger Spitze, an der ich mit Bedauern feststellen muß, nur bis zum 23er Ritzel zu kommen. Aber der Mount Fuji des Taunus ist von der Schmittener Seite recht gleichmäßig, soweit meine Erinnerung – sollte also drin sein.

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Zuerst die bekannte Esso gleich vor Schmitten. Sie wird kurz nach 10 betreten: die Erinnerung läßt mich nicht im Stich, der Cappucino ist günstig und gut, das Laugengebäck knuspert delikat, und ein weiteres  mit eingebautem Würstchen kommt fürs Mittagessen ins Trikot. Ich tunke das blättrige Dreieck in den Milchschaum und sehe die Radfahrer wie an einer Schnur vorüberziehen: hier vereinen sich kurze und lange Strecken. An der Kontrolle wenige hundert Meter weiter geht es zu wie vor einem Taubenschlag: Radler aller Länder, der große Feldberg ruft!

„Hallo“! ruft es da neben mir und die junge Dame im trikot laktatexpress zieht auf meine Höhe. Im Gefolge des weißen Ritters (s.o.) hatten wir uns kurz gekreuzt und mir waren Haltung und Tritt aufgefallen: gleichmäßig, gestreckt, kraftvoll. Gute Aussichten, den Berg gemeinsam im richtigen Tempo zu gehen. Es gelingt und macht Spaß, doppelt natürlich, wenn die Vorfahrer langsam eingerollt werden. Sie erzählt vom Triathlon, ich vom Randonneursdasein. a11

dann entdecke ich ihr Rad….. ein FUNK aus Titan! darauf wäre auch Johnny Guitar nicht gekommen. Kleine MTB-schmiede in USA, gemeinsam mit ihrem Mann (auch Triathlet) entdeckt beim Ironman auf Hawaii, dann die Sonderanfertigung bestellt. Lieblingsrad, absolutes Lieblingsrad.

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nach einigen harten letzten Metern (Puls 143) kommen die Schuppen und Türme in Sicht. ;- und dann die Abfahrt: *funk beyond the call of duty*  Kurve um Kurve ins sonnige Tal zurück Richtung Idstein. Abrollen über Glashütten und dann

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ganz tief in die Kerbe: Vor Idstein liegt diese schöne Doppelrampe, die von einer ganzen Gruppe des makellosen Sternenbannerteams Neu Isenburg in Angriff genommen wird: genau hier wird es von meiner Begleiterin zerlegt, gleichmäßig und sauber. Ich folge in gemessenem Abstand.  Dann gemeinsam noch einen alten Knaben mit Auflieger gejagt und uns am Idsteiner Kreisel verabschiedet . Sie ruft: „war mir eine Freude.“ Ganz meinerseits…

Beyond the Call of Duty

b1Jetzt geht es ab in den Tunnel: vor mir liegen noch ziemlich genau 100km, die nicht gerade einfach sein werden. An der Kontrolle leihe ich mir einen kleinen Schraubenzieher, mit dem ich der Schaltung helfe, 26 Zähne zu machen. Die werden sehr bald gebraucht. Dann geht es in durch den Tunnel, alles scheint leicht für einen Augenblick:  nur machen im Anstieg die Oberschenkel zu. Dehnübungen, soviel wie möglich trinken, weiterfahren.

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Rampe von Wallarbenstein – hier ein technisches Opfer.

b3 Danach hinauf zur Hühnerstraße und wieder nach Burg Schwalbach hinunter.  Pferde und weites Land.

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Rasch am bekanntem Brunnen nachtanken, während zwei Verfolger vorbeischießen. Wartet nur: gleich kommt die Rampe von Mudershausen -Bonscheuer- Berghausen mit seinen zwei dreckigen Steilstücken. Dem Ersten hat es schon den Stecker gezogen, ich wuchte mich in 26z hinauf. Der Hang nach Bonscheuer liegt in praller Sonne, es ist keineswegs leichter als vor drei Jahren , aber es geht vorüber:

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Das Land um Katzenelnbogen liegt vor mir. Weit und sonnig. Kurz danach zieht ein einzelner Fahrer wie ein D-zug vorbei, einige Minuten gelingt es mir, seinen Tritt nachzuahmen, aber es ist nur ein schlaffer Abklatsch. Ich merke mir sein Trikot: Wildwechsel.

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Und hinter km 170 , nach dem Aartal, nach den letzten Anstiegen Richtung Taunusstein merke ich, wie die Batterie langsam alle wird. Mühelos rollen zwei Ausflügler vorbei, zwei Teilnehmer erreiche ich noch- eher zuckend … beyond the call of duty.

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aber es wartet schon die nächste Kuppe und die nächste und bei Naurod höre ich die Englein singen. 8h sind nun herum und die 200 voll, meine Nektarine hat mir nochmal einen winzigen Kraftschub gegeben, doch ein winziger Hupper in Igstadt erinnert daran, daß schon lange das Reservelicht leuchtet  – so wie es gedacht war. Es sind sehr lange Minuten und es ist heiß.

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Von Ferne leuchten die Erdbeerfelder, der Lindenduft mischt sich mit den Rosen vom Straßenrand. Ich steige ab, verstaue das Rad, genieße die ersten Schritte zu Fuß und bewege mich mit meinem großen kalten Bier auf einen Mann zu, der mir gezeigt hat, wie man richtig schnell unterwegs ist auf so einem Marathon.  b92

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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