Der Eiffelturm des neuen Weltmeisters

„I am black  -alright: they never let me forget. I never let them forget. „ (Jack Johnson, USA -Schwergewichtsweltmeister).

Als Fußnote zur letzten Weltmeisterschaft

a5Auch in Paris wird es im Sommer gern einmal warm und die Kessellage der Stadt im Seine-Becken tut ein übriges, diese Hitze unangenehm spürbar werden zu lassen. Zwar hat die emsige Bürgermeisterin sich mit Maßnahmen zur Luftreinhaltung „intra muros“ nichts als Freunde gemacht, aber so ist das, wenn man statt eines Grüngürtels eine Stadtautobahn hat, die nicht mehr zum Hoheitsbereich zählt. Man erfindet sich dann eine kleine Frischluftblase innerhalb eines Smognebels, der gut 60km im Durchmesser mißt. Die Passagiere, die auf Orly, Roissy1 oder 2 hinuntergleiten, werden es mit fatalistischem Schaudern hinnehmen, Berliner Passagiere werden mit Heimweh an ihre grüne Hauptstadt denken.

Diese Passagiere werden hier gebraucht, sie müssen die in die Ferien abgereiste Kaufkraft decken: Museen, Kaufhäuser und CoutureShops machen ihren Schnitt mit globalen Kunden, während der Pariser  traditionell aus der Hauptstadt geflohen ist. Die Restbevölkerung (sie wächst) schleicht matt durch die Straßen und lenken sich mit der Weltmeisterschaft ab, keine Bar ohne Fernseher – tourists welcome after shopping.

DSCF3899Es ist erstaunlich, wie gut das funktioniert, wie gleichgeschaltet dann der multimediale Kosmos wird, wie Nachrichten schon künftige Spiele der Nationalmannschaft als Ereignisse im Rang von Naturkatastrophen behandeln. Wahrscheinlich sind  Redaktionen, die nur noch aus der Ersatzmannschaft bestehen, in einer  Win-Win Situation: es muß nichts recherchiert werden, man kann nichs falsches behaupten, die Quote stimmt automatisch. Franzosen, die gern wüßten, was in der Welt geschieht, sollten ab dem Achtelfinale mindestens eine Fremdsprache beherrschen.

a3Gruppenphase, Achtelfinale, Viertelfinale . . .  mit jeder Stufe steigt der kollektive Rausch, die Aussicht auf den Lottogewinn. Die Klimaopfer der Stadt sind abgelenkt, die Zurückgeslassenen,  dürfen sich aufgewertet fühlen, die Welt extra-muros darf sich integriert  fühlen, der Alltag ist weit fort. Jeder Sieg der „bleus“ ist automatisch ein politischer Sieg. er beweist nicht nur , daß Frankreichs Fußballausbildung funktioniert, der Subtext lautet, daß Frankreichs Gesellschaft funktioniert, weil sie nicht nur integriert,sondern dabei leistungsfähige Gemeinschaften erzeugt. So einfach ist das, solange nur gewonnen wird.

a4Nicht zuletzt den Kolonien war es zu verdanken, daß ein gewisser Baron Haussmann mit seinem kaiser Napoleon 3 ab 1860 den radikalen Umbau der Stadt unternahm. Die keimende Industriegesellschaft brauchte neue urbane Formen, Paris mußte das Korsett und die Kloake des Mittelalters aufbrechen um in die Moderne vorzudringen. Die Kolonien füllten die Staatskasse, alle Gewalt ging vom Kaiser aus (oben sein Arbeitszimmer)  und so gelang die Erweiterung und Sanierung der capitale.

a6Man sieht auf den Plänen aus dem jahr 1860 sehr gut die drei Hauptzüge: in grün die neuen zentralen Achsen der Stadt mit ihren brieten, lufitgen Boulevards, am Außenrand die neuen Arrondissements 13 bis 20, die im wesentlichen noch Grünflächen sind und am rand der Wall der Stadtmauer, an denen der Zoll entrichtet wird und auf der später eine erste Stadtbahn zirkuliert – la ceinture.

a01Die Grünflächen sind bald aufgebraucht, die Stadt wächst rasant mit Haussmannschen „immeuble“,  5- oder 6 geschossigen Mietshäusern neuer Machart: fließend Wasser und Stadtgas auf allen Etagen. Gute Gebäude und gute Geschäfte. In zehn Jahren, bis zur Niederlage von 1870, steigt die Zahl der Pariser um offiziell fast 1 Million innerhalb dieser Mauern, von den grünen Wiesen der neuen Arrondissements bleiben nur wenige Parks.

Vor den Stadtmauern liegen die Dörfer und Sommerfrischen, die Wälder der Ile de France, die rasch von Anlagen der wachsenden Industrie verdrängt werden.

Die Kriegsdelle von 1870 ist bald behoben, die wirtschaftliche und kulturelle Stellung der Stadt ungebrochen. Diese Situation hält sich bis in die  50er Jahre. Zwa nennt man in Frankreich die 30 Nachkrisgsjahre unter De Gaulle und Pompidou die 30 Glorreichen, für die Stadt aber hat eine neue Zeitrechnung begonnen:  De-industrialiserung. Innerhalb der Mauern hat man sich eingerichtet.

c-schuttbergAußerhalb ziehen sich die alten Unternehmen zurück, während in Brachen rundum die Ausgestoßene, Kriminelle und die erste Welle politischer Flüchtlinge aus Algerien und Marokko Slums errichten. Es sind die Bidonvilles der Bannmeile, der „zone“. Cendrars und Doisneau errichten dieser anarchischen Situation ein künstlerisches Denkmal. Dem Rückfall in vor-Hausmannsche Zustände begegnet Frankreich mit dem sozialen Wohnungsbau, den HLMs und später beschönigend „cités“ genannten Ghettos für alle, die vor den unsichtbaren mauern der Stadt bleiben müssen.

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Es sind die Kinder der Kinder dieser Banlieue, die nun anschwellend mit jedem Spielgewinn als Nationalhelden gefeiert werden, während es keiner französischen Regierung gelang, die von Verfall, Arbeitslosigkeit und Drogenhandel geprägt Situation zu entschärfen, der sie entstammen. Nicht jedes Kind der cités ist ein Weltfußballer, und die meisten werden sie auch im Sommer kaum verlassen. Aber zur Zeit heißen ihre Brüder „les bleus“ und der Stolz einer ganzen Nation liegt auf ihren Schultern, die große Hoffnung auf den zweiten Titel ist das einzige Thema in der klebrigen Julihitze, die sich demokratisch ausbreitet, wo es keine Klimaanlage gibt.

a04Wie ein unerreichbares Heiligtum steht das große stade de france mitten in der Gemeinde St Denis, als ich die Autobahn verlasse. Obdachlose richten sich unter den Autobahnbrücken ihre Lager ein, rekrutieren Sofas vom Spermüll, breiten Teppiche aus. Gleichzeitig fressen sich neue Bürogebäude in die maroden Viertel und verknappen Wohnraum. Hinter den Böschungen hausen ganze Clans von illegalen „immigrés“: Einwanderern. Und mittendrin steht der alte Büroturm, wie ein neues Wahrzeichen. Entkernt, von allen Verblendungen und Fenstern befreit offenbaren die langen Rostspuren von der untersten bis zur obersten Etage den maroden Zustand des Gebäudes.

a02Es hat beinahe Ähnlichkeit mit dem einst rostroten Eiffelturm, eine Variante in Beton, ein unfreiwilliges Mahnmal der Banlieue. Die matte Oberfläche wirkt wie ein Entwurf von Enik Bilal und es fällt nicht schwer sich die Handlung eines brutalen und hoffnungslosen Animationsfilms darin vorzustellen: eines Films, über den Unterschied von Innen und Außen

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Am Tag nach dem Titelgewinn hat Präsident Macron die Eliteschüler der Banlieue –  „les bleus“   -zu sich (ins Elysee) geladen, um ihnen die Ehrenlegion zu verleihen.  Mit zügiger Geschwindigkeit fuhr der Mannschaftsbus an seit Stunden in der Sonne wartenden Fans vorüber – sie hatten nich begriffen, daß es in Frankreich einen Mann gibt, den man niemals warten lässt.

Der Präsident, ein Musterschüler von nur 40 Jahren, erinnerte die Spieler daran, bitte nicht zu vergessen, woher sie gekommen sind . . . . alright.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Eine Antwort zu Der Eiffelturm des neuen Weltmeisters

  1. alex schreibt:

    Ein schöner Bericht von Licht & Schatten einer-der Metropole. Paris, könnte man auch mal wider hin…

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