Chance 3000 ( Hexenturm Marathon 1)

a1Licht im August

Unter dem Bremszug blickt der Feldberg hindurch. Es ist gerade hell geworden, den Himmel hinter dem Höhenzug durchzieht der erste  Kondensstreifen. Am ersten Sonntag im August, morgens gegen 6, ist die Luft  mild und es weht ein hübscher kleiner Nordwest. Nach den windstillen und heißen Tagen der letzten Wochen könnte es nicht besser sein.

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Ich sitze auf dem Benotto das ich hier einmal Willi nenne –  so heißt der Schulfreund, dem ich es verdanke; wenn Du also mitliest  . . .

Das Benotto 3000CS war das Paradepferd der Marke. Wirklich berühmt wurde es dank Francesco Moser, der damit 1975 ins gelbe Trikot fuhr, 1977 die WM gewann und 1978 den ersten seiner drei paris Roubaix Siege feierte. Soviel zum Pedigree und ich gebe mir alle Mühe keine jämmerliche Figur zu machen, denn die Form ist ein Fragezeichen heute. Der Schmerz der Rückenverletzung ist fast völlig abgeklungen, was es genau war, weiß ich nicht, es hat nur viele Kilometer gekostet.

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Der Marathon rund um die alte nassauische Residenzstadt feiert heute eine Premiere: er wird nicht mehr vollständig ausgeschildert, nur auf der „kleinen“ Strecke von 111km begleiten uns die traditionellen Pfeile der RTF. Für die übrigen Kilometer muß es ein GPStrack als download tun. Times – they are a changin‘ ! Nicht daß  am Ende die gute alte RTF dank Apps und StravaGruppen obsolet wird .

Ein Sehnsuchtsraum

Unverändert ist  die Strecke rund um den Taunus.  Das erste Drittel führt in die Mainebene hinunter und bei Niedernhausen wieder hinaus. Dann das zweite Drittel über Taunusstein durch den westlichen Rheintaunus, durch waldige Täler um Nastätten und Katzenelnbogen. Der dritte Teil beginnt nach dem Aartal, ostwärts in die Ausläufer des Maintunus – unter dem Feldberg…

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Bis auf den Mais sind die Äcker schon abgeerntet, meine Fahrt wird vom leuchtenden Gold der Stoppeln eingerahmt. 5ter August 2018: passend zum Ende der Schulferien  hat der Reigen der einkehrenden Passagierflugzeuge begonnen und verdichtet das Klima.  Mein Weg biegt nach Norden in die Wälder und Höhen.

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Um 8 Uhr lasse ich die Dramen der Welt hinter mir und beginne den Anstieg . Freshness and Delight – die Anstrengung kostet noch keine Mühe, die Beine drehen rund.

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Da ich Kontrollen überfahre, kreuze ich immer wieder die gleiche Gruppe, schließe mich an, um dann dem Sprint um die nächste Höhenwertung aus sicherem Abstand zu folgen. Dein Weg ist noch weit.  Meine große Flasche ist gut gefüllt  mit der Essenz der langen Kraft: Teebeutel, Salz und ein guter Schuß Traubensaft ins Wasser. Die Anstiege sind gleichmäßig, das schont den Rücken, der Tritt kommt von oben.

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Der Taunus war ein großer Sehnsuchtsraum, die Grimm Gebrüder gingen in den  abgeschiedenen Tälern auf Märchenjagd, ließen sich Varianten der Geschichten erzählen, die von Teufeln und Königen handelten. In der automobilen Welt (1939) taufte Ford einen Wagen nach dem Landstrich und verwendet die Modellbezeichnung über 40 Jahre. Dann verlangte der Weltmarkt nach globalen Namen und landet am Ende bei reinen Kunstbegriffen: Aygo, Vectra, Almera . . . um nur einige Orte zu nennen, die unerreichbar bleiben. Der Begriff Taunus aber bleibt von seiner automobilen Vergangenheit überschattet, das Produkt hat die Wirklichkeit überholt. Zu schade.

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Nach der Durchfahrt des Dorfes namens Strinz-Margarethä teilt sich die Strecke kurz vor Kettenbach.  Die rasende Vereinsgruppe folgt dem Pfeil, während es für mich nun links ab  ins Aartal geht. Ich hatte mich schon gewundert, daß eine geschlossene Grupppe einen Marathon unter Volldampf angeht – die gefürchtete Hitze trieb sie wohl so früh aus den Federn. Jetzt bin ich allein, so gut wie.

aar1Mit dem Aufstieg aus dem Aartal beginnen die ernsten Aufgaben. Dieser steilere Anstieg führt nach Reckenroth, ich kenne ihn. Reckenroth reprise: alles im Schatten, von der guten Luft gibt es genug , die Doppelpfeile der Landkarte  (10%) lassen sich mit 42×28 gut verdauen. Als ich den Höhenzug erreiche, höre ich im Aartal die Motorräder donnern – hierhin folgt ihr mir nicht.

akJetzt bleibt nur noch eine Pappkarte und meine Nase als Wegweiser, sehr leicht, und als Karton Schwitzwasserfest; hier also: halbrechts aus Laufenselden hinaus. Drei Wege führen hinaus, irgendwo geht die romantische Route durch die Wiesen – gefunden!

b11Unter den Reifen knistern die kerne der wilden Kirschen, die den Weg dunkelviolett einfärben und an den Laufflächen kleben bleiben. Dort ist schon der Wald, über ihm die majestätischen Windräder. Die Luft bleibt leicht.

Eroica ohne Namen

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Und dann wird es eine Piste; erst feiner, fester Schotter, dann eine Nummer gröber: eine Kreuzung, ich trete weiter, denn schon sind die Reifen zu schmal für größere Manöver. Gravlride à la mode oder ein kleiner Scherz des GPSTrackers? Heute bin ich klüger.

be2Ein  Stück Rotorblatt als Denkmal  – sie nennen es Kunst am Bau- beendet diese Passage. Der Wald rundum steht hoch und ich denke an ein Deutsches Radfest . Hier findet sich alles, was das Herz begehrt – dünne Besiedlung, ursprüngliche Dörfer und gerade hier Unmengen an schönstem Wald, durchkreuzt von festen, geraden Wegen. Daneben neueste Technik – so sind wir.

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Und so sieht der Traum aus, leicht könnte man Italiener, Franzosen, Engländer! in den kühlen Taunus locken und ihnen frischen Rheinwein einschenken, nur einen Namen bräuchte die  Germania für Radsportler noch…….

b2Dann ist der rechte Weg nach Nastätten gefunden, bald geht es aus dem Wald hinaus, bald wieder hinein, erste Radfahrer kreuzen, dann ein Schock alter Traktoren, Pferde grasen geduldig nebenan. b3

b4Die Grüntöne wechseln, hell zu dunkel, Buche zu Tanne –  unten leuchtet eine Mühle im Tal doch warte: es steht ein Bus davor. Hier entdecke ich ein schönes Revier, das erst am Rhein endet. Unser Weg aber führt wieder ins Innere zurück, wieder über verwunschene Pfade, an die grenzen des Römerreiches.  Gravel encore!

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Höllermühle, Oberfischbach, Mittelfischbach, Katzenelnbogen. Wie ich bald feststelle, liegen nicht alle diese Orte auf der eigentlichen Strecke, und wie ich jetzt weiß, hätte ich sie gegen den Uhrzeigersinn fahren sollen…. sie wird davon nicht kürzer – vielleicht sogar aufregender, denn der Weg, dem ich eine zeitlang folge, einen weiteren Gravel-Abschnitt bietet der absolut rennradtauglich ist.

quasi una fantasia

be04schriebe man über das Notenblatt dieser Strecke. Zwar ist der Kies auf dem Weg nach katzenelnbogen stellenweise verwaschen, es fährt sich aber gut und nur ein ganz feiner Staub legt sich auf die columbus Chromgabel. Katzenelnbogen, Ziel meiner Rast…..

 

Fortsetzung folgt.

 

 

 

 

 

 

 

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